Ein Mann sitz bei einer Psychiaterin auf der Couch und gestekuliert mit den Händen © picture alliance / dpa Foto: Mascha Bricht

Für ein besseres Verständnis: Islamintegrierte Psychotherapie

Stand: 26.08.2022 00:00 Uhr

Viele muslimische Menschen, die zu einem nicht-muslimischen Therapeuten oder einer Therapeutin gehen, haben das Gefühl, nicht richtig verstanden zu werden. Religion ist in der Psychotherapie noch immer ein Randphänomen.

Ein Mann sitz bei einer Psychiaterin auf der Couch und gestekuliert mit den Händen © picture alliance / dpa Foto: Mascha Bricht
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von Michael Hollenbach

Fida ist 30 Jahre alt und in Deutschland geboren. Ihre Eltern stammen aus einem nordafrikanischen Land. "Ich wusste einfach nicht, wohin ich gehöre, wer ich bin. Wenn man sich mit der Kultur der Eltern nicht identifizieren kann, fällt es einem Kind um so schwerer, eine eigene Identität aufzubauen. Es war richtig schwierig und traurig, nicht zu wissen, wer man ist und wohin man gehört", berichtet die junge Frau über ihre Identitätssuche.

Fida hat schon als Kind Rassismus erfahren müssen. Später, als sie mit 17 Jahren ein Kopftuch trug, kam noch Antiislamismus hinzu. Dass Fida mit Depressionen auf die Ausgrenzung reagierte, sei nicht ungewöhnlich, meint der Psychotherapeut Amin Loucif: "Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, von psychischen Erkrankungen betroffen zu sein; zum Beispiel Depressionen, Psychosen, alles was mit Stress und Belastungen verbunden ist."

Kulturell-religiöser Kontext wichtig für Therapie

"Dieses 'Othering', dass man zum anderen gemacht wird, dass man nicht dazugehörig ist - hier sprechen wir auch vom antimuslimischen Rassismus - bewirkt Mikrotraumata oder Traumata. Das wird auch in der Therapie thematisiert", sagt die Psychotherapeutin Malika Laabdallaoui. Nicht-muslimische Therapeut*innen würden den kulturell-religiösen Kontext der Traumatisierung oft ausblenden oder falsch einordnen.

Eine Erfahrung, die auch Fida gemacht hat, als sie zunächst zu einer nicht-muslimischen Therapeutin ging: "Ich erzählte ihr einige Probleme, und dann kamen Zwischenfragen, die sich auf meine Kultur und Religion bezogen haben. In dem Moment war das Vertrauen, das ich hätte aufbauen wollen, wieder kaputt. Ich habe mich wieder in eine Schublade gesteckt gefühlt, wieder stigmatisiert und diskriminiert. Das braucht man nicht, wenn es einem psychisch nicht gut geht."

"Die Folge davon ist, dass die Patienten gar nicht über ihre Religion sprechen, obwohl das für sie ein Thema ist. Sie fühlen sich abgewertet oder als rückschrittlich bezeichnet", so Laabdallaoui. Therapie und Religion - das passe bei vielen Therapeut*innen nicht zusammen: "Ich habe in meinem gesamten Studium und in der Therapeutenausbildung - insgesamt zehn Jahre - nichts über Religion gehabt. Das wird totgeschwiegen."

In seiner therapeutischen Arbeit fragt Amin Loucif seine meist muslimischen Patient*innen nach deren religiösem Hintergrund und setzt gegebenenfalls auch Bittgebete oder Koranstellen ein: "'Oh Allah, ich suche Zuflucht bei dir vor Kummer, Trauer, Geiz, Feigheit, der Lasten von Schulden und der Überwältigung durch andere Leute.‘ Wenn ich so etwas habe, habe ich das Gefühl, ich bin nicht allein mit diesen Schwierigkeiten. Ein barmherziger Gott ist an meiner Seite und kann mich unterstützen."

Religion kann sinnstiftend oder einengend erlebt werden

Sammelband: "Islamintegrierte Psychotherapie"

Ibrahim Rüschoff, Paul M. Kaplick (Hg.)
Islamintegrierte Psychotherapie und Beratung. Professionelle Zugänge zur Arbeit mit Menschen muslimischen Glaubens
Verlag: Psychosozial-Verlag
Länge: 373 Seiten
ISBN: 978-3-8379-3027-6
Preis: 42,90 Euro

Cover des Buchs "Islamintegrierte Psychotherapie und Beratung", herausgegeben von Ibrahim Rüschoff und Paul M. Kaplick © Psychosozial-Verlag
Der Sammelband "Islamintegrierte Psychotherapie und Beratung" wurde herausgegeben von Ibrahim Rüschoff und Paul M. Kaplick.

Doch nicht alle muslimischen Patient*innen haben einen barmherzigen Allah erfahren, berichtet der Psychiater Ibrahim Rüschoff. Er hat kürzlich einen Sammelband über "Islamintegrierte Psychotherapie und Beratung" herausgegeben. "Die Religion kann eine Ressource sein, wenn sie sinnstiftend erlebt wird. Sie kann genauso eine schwierige Sache sein, wenn man sie als Einengung erlebt. Wir sehen immer wieder, dass die Gottesbilder der Patienten, also die Vorstellungen, die sie von Gott haben, oft stark mit den Elternbildern zu tun haben. Wie soll das anders sein, die ersten Götter der Patienten sind die Eltern, die sie als Kinder erleben."

Bestimmte Gottesbilder können dann auch beispielsweise zu Depressionen führen, ausgehend von der Sichtweise: 'Ich bin nie gut genug, Gott wird nie mit mir zufrieden sein.'

Die 30-jährige Fida ist jedenfalls froh, dass sie einen muslimischen Therapeuten gefunden hat. "So bin ich nicht in Erklärungsnot geraten, ich konnte Energie und Zeit sparen, indem ich bestimmte Sachen wie die Wertevorstellungen gar nicht mehr erklären musste. Ich konnte mich frei äußern und dadurch auch Vertrauen aufbauen, es war besser und leichter."

 

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Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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