Helme und Uniformen der Bundeswehr liegen auf dem Boden. © picture alliance / dpa / Friso Gentsch Foto: Friso Gentsch

Fehlanzeige? Islamische Militärseelsorge in der Bundeswehr

Stand: 02.07.2021 15:20 Uhr

Es gibt rund 200 christliche Militärseelsorger in der Bundeswehr. Gerade ist der erste jüdische Militärseelsorger eingeführt worden. Für die rund 3.000 muslimischen Soldatinnen und Soldaten jedoch gibt es noch immer keinen Seelsorger.

Helme und Uniformen der Bundeswehr liegen auf dem Boden. © picture alliance / dpa / Friso Gentsch Foto: Friso Gentsch
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von Michael Hollenbach

"Ich würde mir wünschen, dass es einen muslimischen Militärseelsorger geben würde." Batuhan Temiz ist Leutnant in der Bundeswehr und Muslim. "Der Soldatenberuf ist verbunden mit Auslandseinsätzen und der Gefahr am eigenen Leben, dementsprechend ist eine militärische Seelsorge nicht nur förderlich, um die Moral der Soldatinnen und Soldaten, insbesondere der muslimischen zu steigern. Die militärische Seelsorge bietet auch Rückhalt für diese Menschen und deren Familien", sagt Temiz. 

Muslimische Seelsorger seit zehn Jahren gefordert

Militärseelsorger am Ehrenhain im Camp Marmal © Bundeswehr Foto: Florian Manthey
Evangelische, katholische und jüdische Soldatinnen und Soldaten können Unterstützung von Militärseelsorgern bekommen.

Obwohl die Forderung nach muslimischen Militärseelsorgern seit rund zehn Jahren erhoben wird, ist die Bundesregierung hier noch nicht weitergekommen. Für Ayman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, ist das nicht nachvollziehbar: "Wenn muslimische Soldatinnen und Soldaten sich entscheiden, für Deutschland letztendlich ihren Kopf hinzuhalten, dann sollten wir uns doch anschicken, eine auch verfassungsrechtlich tragfähige Lösung zu finden."

Kein zentraler Ansprechpartner

Oberst Sven Lange ist im Verteidigungsministerium zuständig für die Militärseelsorge. Warum es noch keine islamische Militärseelsorge in der Bundeswehr gibt, das liege vor allem daran, dass die Musliminnen und Muslime in Deutschland nicht von einem zentralen Verband vertreten würden, mit dem das Verteidigungsministerium verhandeln könne. "Solange es kein Gremium gibt, dass für die Muslime in Deutschland sprechen kann, wird es schwierig werden, eine islamische Militärseelsorge nach dem Vorbild der bestehenden Militärseelsorgen einzurichten."

Bei den Christen könne das Ministerium mit der katholischen und der evangelischen Kirche sprechen, bei der neuen Stelle des Militärrabbiners konnte man mit dem Zentralrat der Juden eine Vereinbarung treffen. "Die Religionsgemeinschaften der Muslime vertreten aber nur einen sehr kleinen Teil der Muslime. Dann haben wir das Problem, dass wir bei einzelnen Religionsgemeinschaften auch Sicherheitsbedenken haben", erklärt Lange.

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"Das ist eine vorgeschobene Ausrede, um diesem Thema aus dem Weg zu gehen", sagt Ayman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Die meisten Muslime werden hierzulande durch den Islamverband DITIB vertreten. Doch DITIB  ist so eng mit der türkischen Regierung verbunden, dass das Verteidigungsministerium die DITIB-Imame wohl nicht so gern als Seelsorger in der Bundeswehr sehen würde. Martin Kellner vom Institut für Islamische Theologie in Osnabrück weiß um die Gratwanderung bei der Frage der muslimischen Militärseelsorge: "Einerseits gibt es die Notwendigkeit, staatliche Neutralität gegenüber unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu wahren, religiöse Freiheit zuzulassen, andererseits aber auch darauf zu achten, dass extremistischen Kräften, welcher Couleur auch immer, kein Raum geboten wird." 

Externe Seelsorger auf Honorarbasis?

Um eine Seelsorge für muslimische Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten, denkt Oberst Sven Lange nun über eine Notlösung nach. Diese Lösung könnte nach Lange so aussehen, dass zwar keine muslimischen Militärseelsorger in der Bundeswehr eingestellt werden, aber mit externen Seelsorgern gearbeitet wird. Also einzelne muslimische Geistliche, die dann auf Honorarbasis für die Bundeswehr arbeiten würden. Ein Vorschlag, den Ayman Mazyek zurückweist. Die Muslime seien nicht Soldaten zweiter Klasse. "Ich glaube, dass wir es den muslimischen Soldatinnen und Soldaten einfach schuldig sind, jetzt nicht über HiWi-Verträge das Ding als Sonderrechte unterhalb des Radars fahren zu lassen, sondern wir sollten schon den Anspruch haben, einen seriösen und tragfähigen Weg einzuschlagen", betont Mazyek.

So kann es noch Jahre dauern, bis die ersten muslimischen Militärseelsorger in die Bundeswehr einziehen. Wie wichtig eine seelsorgerische Betreuung ist, hat nicht zuletzt der Anschlag auf deutsche Soldaten in Mali in der vergangenen Woche gezeigt.

Wofür steht DITIB?

DITIB ist eine Abkürzung für "Diyanet İşleri Türk İslam Birliği", auf Deutsch: "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion". Der größte islamische Dachverband bundesweit hat seinen Sitz in Köln und umfasst rund 900 Moscheegemeinden. Das Ziel von DITIB ist es nach eigenen Angaben, Muslimen einen Ort zur Ausübung ihres Glaubens zu geben und einen Beitrag zur Integration zu leisten. Neben Gemeindezentren organisiert der Verein Bildungs-, Sport- und Kulturangebote.

Doch immer wieder wird kritisiert, dass die DITIB der türkischen Religionsbehörde unterstehe und eine zu große Nähe zum türkischen Staat und der regierenden AKP von Präsident Erdogan habe.

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