Familie Taher © NDR

Familie Taher: Ein neues Leben in Neubrandenburg

Stand: 22.01.2021 12:17 Uhr

Familie Taher - Vater, Mutter und vier Kinder - ist vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen. Wie geht es den Geflohenen heute? Kathrin Matern hat die Familie in Neubrandenburg besucht.

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von Kathrin Matern

Reitbahnviertel Neubrandenburg, dritter Stock im Plattenbau. Suher Aizuki kommt gerade aus der Frühschicht. Emad Taher, ihr Mann, hat Mittagspause. Vor fünf Jahren kam er aus Syrien nach Deutschland: "Ich bin mit einem Boot von der Türkei nach Griechenland gefahren, und das war sehr gefährlich. Aber besser als der Krieg in Syrien." Fast wäre sein Boot auf dem Mittelmeer gekentert. Ein Schiff, das in der Nähe war, rettete Emad Taher und die anderen Flüchtlinge. 17 Tage brauchte er von Syrien nach Deutschland: Mit dem Boot, mit dem Bus, zu Fuß.

Der Start in ein neues Leben

Zwei lange Jahre dauerte es, bis seine Frau Suher und die vier Kinder Damaskus verlassen und nachkommen konnten. "Ja, wir haben diesen Krieg erlebt und meine Kinder hörten jeden Abend die Bomben in der Nähe" erzählt Suher Azuki. "Wir hatten immer Angst, wussten nicht, was morgen passieren würde. Aber wenn man Hoffnung hat, dann gehen zwei Jahre schnell vorbei."

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Suher, das heißt so viel wie "Nachtschwärmerin". Ihr Kopf, sagt sie, sei in diesen Tagen nachts oft auf der Arbeit, im Seniorenheim. Gerade erst hat sie dort als Pflegehelferin angefangen: "Ich finde die Arbeit mit Senioren gut. Ich habe Spaß dabei, habe eine nette Kollegin und bin zufrieden."

Als sie 2017 hier ankam, konnte sie kein Deutsch. Monatelang besuchte sie einen Sprachkurs. Die Sprache zu lernen, war für sie der Start in ein neues Leben: "Am Anfang war die Sprache nicht einfach, aber wir haben einen Sprachkurs gemacht, weil wir hier bleiben und hier arbeiten wollten. Ich habe eine Nachbarin, die alleine wohnt. Ich gehe zweimal in der Woche zu ihr. Sie hat mir sehr geholfen, sie ist wie eine Schwester für mich."

"Man hat hier keine Angst vor der Zukunft"

Emad Taher arbeitet seit kurzem als Buchhalter im Lebensmittel-Großhandel in Neubrandenburg. Davor war er Buchhalter in einem Neubrandenburger Hotel. "Ich habe 25 Jahre Erfahrung als Buchhalter, als Bankier. Ich habe eine Weiterbildung zum Finanzbuchhalter gemacht und sofort danach meine erste Stelle beim 'Hotel Am Ring' bekommen."

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Die 22-jährige Tochter Leen setzt sich zwischen ihre Eltern. Der Abschied aus ihrem Leben in Syrien ist der jungen Frau schwergefallen: "In Syrien habe ich zwei Semester Medizin studiert, und ich war mit meiner Uni zufrieden. Dass ich alles verlassen musste, meine Freunde, das war sehr schwer für mich."

Eine Woche nach der Ankunft in Neubrandenburg saß Leen im Sprachkurs. Jetzt studiert sie im dritten Semester Psychologie in Potsdam - Corona-bedingt von zu Hause aus. "Ich bin sehr zufrieden, man hat hier keine Angst vor der Zukunft. Auf jeden Fall werde ich hier eine Arbeit finden, auf jeden Fall werden sich in Zukunft meine Kinder und meine Familie hier wohlfühlen. Aber manchmal hat man Heimweh."

"Neubrandenburg ist meine Heimat"

Mutter und Tochter tragen kein Kopftuch. Ihre Familie sei sehr offen, sagt Leen. Das sei schon in Syrien so gewesen. Sie sind muslimischen Glaubens und sie beten meist zu Hause. Dass es in Deutschland auch islamfeindliche Vorfälle gibt, nehmen sie wahr. Sie selbst haben bislang in Neubrandenburg aber keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Vor ein paar Tagen hat Emad Taher seine unbefristete Niederlassungserlaubnis bekommen. Er darf bleiben und die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Seine Frau und die Kinder haben sogenannten Subsidiärschutz. "Viele Leute in Neubrandenburg sagen, das sei eine Kleinstadt und sie möchten in eine andere Stadt umziehen. Warum in eine andere Stadt? Ganz ehrlich, in Neubrandenburg fühle ich mich zu Hause; das ist meine Heimat. Das sage ich vom ganzen Herzen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 22.01.2021 | 15:20 Uhr

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