Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. © picture alliance / Frank May Foto: Frank May

Ermutigt der Koran zur Gewalt gegenüber Frauen?

Stand: 25.11.2021 15:23 Uhr

Sind einzelne Stellen im Koran tatsächlich eine Art Freibrief für Gewalt und Unterdrückung gegenüber Frauen? Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur ist der Frage in ihrem Kommentar nachgegangen.

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. © picture alliance / Frank May Foto: Frank May
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von Katajun Amirpur

Als sogenannter "Züchtigungsvers" wird 4:34 oft bezeichnet - der Vers, der Gewalt gegen Frauen scheinbar legitimiert. "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott die einen vor den anderen ausgezeichnet hat, und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Rechtschaffene Frauen sind demütig ergeben und geben Acht auf das, was verborgen ist, weil Gott darauf Acht gibt." Schon dieser Teil des Verses ist eine Provokation für Emanzipierte - weshalb eine feministische Exegese den einschlägigen Begriff "qawâmûn", hier mit "stehen über" wiedergibt, ihn als "Versorger" übersetzt beziehungsweise interpretiert. Aber bereits diese Übersetzung ist akrobatisch. Und für den zweiten Teil des Verses ist die Problematik noch weniger leicht zu lösen. Denn dieser zweite Teil lautet: "Und jene Frauen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, tadelt sie, verbannt sie in ihre Betten und schlagt sie." Das entscheidende Wort lautet: "adribûhunna".

"Züchtigungsvers": Alternative Interpretationen

Natürlich tun sich viele Musliminnen und Muslime nicht nur im Westen schwer mit der Aussage dieses Verses. Sie bemühen sich schon lange um Strategien, wie mit dieser Aussage umzugehena ist. Eine davon ist, eine Übersetzung der anrüchigen Begriffe anzubieten, die weniger frauenfeindlich ist. Für das Wort "adribûhunna" wird dann vorgeschlagen: "und meidet sie". So macht es beispielsweise Laleh Bakhtiar, die erste Frau, die den Koran ins Englische übersetzte. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass Gott die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorgesehen habe und somit die Bedeutung - "und schlagt sie" - gar nicht stimmen kann. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein, oder? Das scheint mir keine ganz nachvollziehbare Herangehensweise zu sein. Denn Fakt ist nun mal, dass das Wort "daraba" "schlagen" bedeutet und nicht "meiden" oder "weggehen".

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Andere gehen daher hin und begründen mit dem Handeln des Propheten, dass der Koran Gewalt gegenüber Frauen ganz gewiss nicht legitimiere. Schließlich sei der Prophet dafür bekannt gewesen, dass er seine Frauen gut behandelt habe. Und Mohammed ist für alle Muslime Vorbild im Handeln. Er habe Frauen wertgeschätzt, ihre Meinung respektiert und sie nie geschlagen. Wenn also der erste und wichtigste Interpret des Koran, der Prophet, das Wort Gottes nicht so verstanden hat, als erlaube es ihm die Gewalt gegenüber Frauen, dann kann es auch nicht so gemeint sein. Ungefähr so lautet die Argumentation hier.

Gleichwohl stellen sich aber viele die Frage, warum es so im Koran steht. Denn da der Koran Musliminnen und Muslimen als Gottes Wort gilt, ist er für sie die allererste Richtschnur bezogen auf das von ihnen erwartete Handeln. Irgendeine wirklich befriedigende, nachvollziehbare Form des Umgangs muss also mit den Stellen im Text gefunden werden, die den Vorstellungen der meisten widersprechen.

Ein Widerspruch zu den Menschenrechtsvorstellungen des 21. Jahrhunderts

Die Afro-Amerikanerin Amina Wadud, die im Erwachsenenalter zum Islam konvertierte und zurzeit eine der aufregendsten muslimischen Denkerinnen ist, greift deshalb zu einer ganz anderen Methode. Sie sagt, man müsse zu manchen Stellen des Korantextes schlicht "nein" sagen. Statt sich in einer Übersetzungs- und/oder Interpretationsakrobatik zu verbiegen, könne man einfach "stopp" sagen, wenn bestimmte Aussagen des Koran im Widerspruch stehen zu den Menschenrechtsvorstellungen des 21. Jahrhunderts. Für sie ist der Koran dadurch nicht weniger heilig. Er ist schlicht angepasst an andere zeitliche und räumliche Umstände - wie dies schon immer in der islamischen Geschichte geschehen sei.

Katajun Amirpur © Andreas Lohmann Foto: Andreas Lohmann
Katajun Amirpur ist eine deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin.

Ob diese Herangehensweise strenggläubige Muslime und Musliminnen überzeugen vermag, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Beantwortet werden kann aber die Frage, ob Menschen muslimischen Glaubens nach einem Ausweg suchen. Das tun sie in der Tat. Sie suchen händeringend und mit vielen Ideen nach Möglichkeiten mit diesen Versen umzugehen, die Gewalt scheinbar legitimieren. Denn dass diese dem 21. Jahrhundert und ihren eigenen Vorstellungen von Menschenrechten nicht entsprechen, steht für die meistern außer Frage.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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