Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance

30 Jahre Wiedervereinigung aus muslimischer Sicht

Stand: 02.10.2020 12:11 Uhr

30 Jahre nach der Deutschen Einheit wird intensiv darüber diskutiert, wie sich die Gesellschaft hierzulande seit 1990 verändert hat. Eine Frage, die auch Musliminnen und Muslime beschäftigt.

von Canan Topçu

Vor zehn Jahren, am Tag der Deutschen Einheit, sagte der damalige Bundespräsident Christan Wulff einen Satz, für den er sowohl Kritik als auch Zustimmung erntete: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. (...) Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Über diese Aussage jubelten - wie nicht anders zu erwarten - vor allem Muslime.

Wulffs Aussage war für mich eine Selbstverständlichkeit

Damals hat mich die Begeisterung über Wulffs Aussage gewundert. Und dies unter anderem auch, weil nichts anderes schon vier Jahre zuvor Wolfgang Schäuble als Initiator der Deutschen Islamkonferenz gesagt hatte. Die Worte des damaligen Bundesinnenministers waren aber kaum auf ein Echo gestoßen. Seiner Initiative aber ist es zu verdanken, dass Islamische Verbände selbstbewusster agieren.

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Für mich war das, was der Bundespräsident an einem Nationalfeiertag betonte, eine Selbstverständlichkeit. Ich brauchte und brauche auch heute keine Ansage von oben, um mich zugehörig zu fühlen. Heute bewerte ich Wulffs Aussage allerdings anders als vor zehn Jahren. Er sprach diesen Satz zu einer Zeit aus, in der die Zugehörigkeit von Muslimen zu diesem Land so selbstverständlich nicht war - nicht für Teile der Mehrheitsgesellschaft und auch nicht für eingewanderte Muslime selbst und deren hier geboren Kinder. Es bedarf wohl manchmal auch heute noch einer klaren Positionierung eines Spitzenpolitikers, damit Menschen muslimischen Glaubens, die aus der Türkei, Marokko und anderen islamischen Ländern hierher emigriert sind, sich als Teil dieses Landes empfinden können. Wulffs Statement verstehe ich heute auch als eine Einladung an zugewanderte Muslime, sich hier selbstverständlich heimisch zu fühlen, sich in notwendigen politischen Auseinandersetzungen als Einheimische und eben nicht als Fremde zu positionieren.

Die Vielfalt der Zivilgesellschaft ist gewachsen

Folgt man aber heute den - vor allem medial geführten - Debatten, dann lässt sich feststellen, dass Muslime weiterhin von Teilen der Mehrheitsgesellschaft unerwünscht sind. Und das, weil der Islam häufig pauschal mit Terror gleichgesetzt und in diese Religion alles Üble hineinprojiziert wird. Inzwischen verstehen sich jedoch auch migrierte Muslime als Bürger dieses Landes, prangern Diskriminierung an, wollen die Werte und Normen ihrer Religion nicht infrage gestellt sehen und streiten auch juristisch darum, religiöse Gebote praktizieren zu können.

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Die Vielfalt der Zivilgesellschaft ist gewachsen - dazu gehören ganz selbstverständlich auch Musliminnen und Muslime. Dazu zählt auch das Bemühen der deutschen Politik - insbesondere nach dem Start der Deutschen Islamkonferenz -, islamische Gemeinden beim Aufbau von Strukturen zu unterstützen. Es hat sich auf rechtlicher Ebene einiges entwickelt, manch ein Prozess ist allerdings auch ins Stocken geraten. Und das auch, weil muslimische Akteure und Organisationen untereinander um die Deutungshoheit und die Meinungsführerschaft konkurrieren; Islam-Verbände und muslimische Gruppen sind sich nicht "grün", ja geradezu verfeindet und wetteifern darum, der erste und direkte Ansprechpartner der Politik und staatlicher Institutionen zu werden beziehungsweise zu bleiben.

Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung

Was mich bei all den Debatten um die Rechte von Muslimen im 30. Jahr der Deutschen Einheit stört: Der Kern der Religion gerät völlig in den Hintergrund. Spiritualität, individueller Bezug zur Tradition und der gelebte Glaube kommen mittlerweile kaum mehr vor. Auch werden extreme Positionen in den Gemeinden, extremistische Tendenzen untereinander von den Muslimen selbst zu wenig thematisiert. Und andererseits trägt eine feindliche Einstellung gegenüber Muslimen in Teilen der Mehrheitsgesellschaft dazu bei, aus einem "Opferstatus" heraus zu agieren und rassistische, antisemitische und nationalistisch bis faschistoide Einstellungen unter Muslimen kleinzureden, dafür aber Kritiker schnell des antimuslimischen Rassismus zu bezichtigen. Angriff ist aber nicht immer die beste Verteidigung.

Muslime in Deutschland sind seit 1990 selbstbewusster geworden. Stellen einige von ihnen jedoch Forderungen auf, um mithilfe des Koran bestimmte Gebote und Verbote durchzusetzen, die schlimmstenfalls die Grundsätze unserer Verfassung aushebeln, dann stoßen sie dabei - zu Recht - auf Unverständnis und Gegenwehr.

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
AUDIO: 30 Jahre Wiedervereinigung aus muslimischer Sicht (5 Min)

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NDR Kultur | Freitagsforum | 02.10.2020 | 15:20 Uhr

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