Ein Mann  mit schwarzem Anzug, Sonnenbrille und Kappe auf einer Bühne. © IMAGO / Future Image Foto: C. Hardt

"Naidoo ist noch tief in Verschwörungsideologien verstrickt"

Stand: 21.04.2022 11:37 Uhr

Der vermeintliche Sinneswandel des Sängers Xavier Naidoo sorgt für rege Diskussionen. Wie ernst ist sein Entschuldigung auf Youtube zu nehmen? Jan Riebe von der Amadeu Antonio Stiftung mit Einschätzungen.

Xavier Naidoo hat auf Youtube ein Video-Statement veröffentlicht, in dem er sich entschuldigt. Er habe sich in Verschwörungserzählungen verrannt, sei geblendet gewesen und habe sich instrumentalisieren lassen. Das bereue er. Anlass für seinen Sinneswandel sei der Krieg in der Ukraine, in der Teile seiner Familie leben. Jan Riebe von der Amadeu Antonio Stiftung, die sich für eine demokratische Gesellschaft und gegen Rechtsextremismus einsetzt, hat zu Naidoos Glaubwürdigkeit bei NDR Kultur Einschätzungen abgegeben.

Waren Sie überrascht über das Statement von Xavier Naidoo?

Jan Riebe: Ich war schon ein bisschen überrascht. Ich hatte damit jetzt nicht gerechnet. Aber es ist auch nichts, was nicht zu erwarten gewesen wäre. Wenn man sich das Statement angeguckt hat, war es doch sehr dünn. Das passt dann wieder zu Xavier Naidoo.

Die große Frage ist: Wie glaubwürdig ist diese Entschuldigung? Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume sagte in der ARD: "Er begründet es mit Erfahrungen seiner Frau, die aus der Ukraine kommt. Ich halte es durchaus für möglich, dass er begriffen hat, dass Verschwörungsmythen in den Faschismus führen, in Brutalität führen. Das hat er in der Ukraine und in Russland gesehen. Ich würde ihm also eine Chance geben, dass er das ernst meint." Herr Riebe. Sie haben gerade gesagt, Sie fanden das Statement dünn. Was meinen Sie? Kann man Xavier Naidoo glauben?

Jan Riebe: Er ist seit über zehn Jahren in verschwörungsideologischen Kreisen und der Ukraine-Krieg geht jetzt seit sieben, acht Wochen. Ein glaubhafter Ausstieg kann in so kurzer Zeit nicht funktionieren. Ich finde auch, man muss ihm eine Chance geben. Da bin ich ganz bei Herrn Blume. Aber er ist auf jeden Fall jetzt noch tief in Verschwörungsideologien verstrickt. Und das wird noch ein langer, langer Weg, wenn er da wirklich aussteigen will.

Woran machen Sie es fest, dass er noch verstrickt ist?

Jan Riebe: Wenn man sieht, wie wirkungsmächtig Antisemitismus ist, wenn jemand wie er, seit über zehn Jahren ein Sprachrohr des Antisemitismus - zumindest in den letzten Jahren - in Deutschland geworden ist, dann ist es unmöglich - selbst wenn der gute Wille da ist - da kurzfristig auszusteigen. Das muss ein schmerzhafter Prozess sein und sein Video-Statement ist sehr nichtssagend. Er sagt immer, dass er sich verrannt hat, aber er sagt nicht, wo er sich verrannt hat. Er benennt auch keine Protagonisten, von denen er sich distanziert. Er hat keine einzige Brücke abgerissen. Er kann jederzeit wieder zurück.

Nicht zum ersten Mal hat er sich ja von eigenen Aussagen distanziert. Sind sie auch deshalb so zurückhaltend?

Jan Riebe: Genau, das kennen wir von ihm. Er hat immer wieder gesagt es war nicht so gemeint, wenn es den Vorwurf der Homophobie gab. Deshalb können drei Minuten nicht bewirken, dass ich ihm glaube.

Wenn man ihm jetzt mal glaubt: Wie funktionieren überhaupt Ausstiege aus dem Verschwörungsmilieu? Gibt es da Erfahrungen?

Das ist noch ein ziemlich neues Feld. Es gibt Parallelen zum Ausstieg aus Sekten. Deshalb sind auch Sektenbeauftragte und -stellen der Kirche gute Ansprechpartnerinnen. Es gibt inzwischen die ersten Ausstiegsstellen. Da wäre mein Rat: Wenn Personen aussteigen wollen, dann müssen sie sich professionelle Hilfe suchen. Und sie brauchen auch im engsten Freundeskreis Personen, denen sie vertrauen, die ihnen bei dem Ausstieg helfen. Ohne die wird es nicht funktionieren.

Im Netz gab es neben Zustimmung auch viel Zweifel an dem plötzlichen Sinneswandel des Sängers. Wie reagiert in die Querdenker-Szene, in der sich Naidoo ja in den letzten Jahren sehr aktiv getummelt hat. Konnten sie das verfolgen?

Es ist sehr unterschiedlich. Manche sind wirklich entsetzt. Viele betonen, dass er eigentlich die wichtigste Figur war, weil er als Repräsentant was sagen konnte, wo viele gesagt haben: Naja, das ist nicht rechtsextremistisch. Das passt nicht zu Xavier Naidoo. Und deshalb sind einige entsetzt. Aber viele bauen ihm halt auch wieder Brücken und sagen, er wird unter Druck gesetzt. Sie spinnen gleich wieder neue Verschwörungstheorien, dass er das nicht freiwillig gemacht hat und sehr bald wieder in der Szene auftauchen wird und Konzerte geben wird.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

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Ein Sänger mit Sonnenbrille singt an einem Mikrofon. © picture alliance/dpa/KEYSTONE Foto: Alexandra Wey

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.04.2022 | 17:45 Uhr

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