Das Mecklenburgische Staatstheater © NDR Foto: Axel Seitz

"Ich gehe im Reinen": Intendanz von Lars Tietje endet

Stand: 28.07.2021 06:00 Uhr

Die fünfjährige Intendanz von Lars Tietje verlief nicht immer reibungslos. Nun verlässt er das Mecklenburgisches Staatstheater. Eine Bilanz.

von Axel Seitz

Lars Tietje steht vor dem Mecklenburgischen Staatstheater. © Meckl. Staatstheater, Silke Winkler
Lars Tietje verlässt das Mecklenburgische Staatstheater zum Ende der Spielzeit 2020/21.

Das Mecklenburgische Staatstheater stehe hervorragend da und mit ihm werde es keinen ästhetischen Radikalschnitt geben, aber mehr Qualität - das sagte Lars Tietje vor Beginn seiner Intendanz in Schwerin, die mit der Spielzeit 2016/2017 begann. Drei Jahre später, im Sommer 2019, war jedoch schon klar: Lars Tietje wird das Mecklenburgische Staatstheater nach Ablauf seines Vertrags am Ende der Spielzeit 2020/2021 wieder verlassen. Der 31. Juli ist somit sein offiziell letzter Arbeitstag.

"Für mich war es eine sehr lehrreiche Zeit. Und ich glaube, dass wir auch sehr viel hinterlassen haben - sowohl im Theater als auch draußen. Insofern gehe ich im Reinen", sagt Lars Tietje über seine Theaterjahre in Schwerin. Jahre, die von künstlerischen Erfolgen geprägt waren - in einer Zeit, in der der Intendant Sparvorgaben des Landes zu erfüllen hatte und in der Lars Tietje auch nicht unumstritten war. Wenn nach drei Spielzeiten bereits feststeht, dass der Vertrag nicht verlängert wird - ist da seine Intendanz gescheitert?

Intendanz gescheitert?

"Das ist, glaube ich, falsch. Gescheiterte wäre sie, wenn ich vor zwei Jahren hätte gehen müssen. Sie ist nicht gescheitert, weil wir sehr viel erreicht haben. Ich glaube, dass viele Dinge einfach mal aufgebrochen werden mussten. Auch wenn das total schmerzhaft ist und war. Aber das war wichtig für das Haus und für mich." Lars Tietje trat in Schwerin mit der Maßgabe der Politik an, am Standort Schwerin 30 und beim Parchimer Theater 12 Stellen abzubauen. Zudem hatte das Land seine Zuschüsse über Jahre hinweg nicht erhöht, was bei steigenden Tarifabschlüssen quasi einer Kürzung der Mittel gleichkam. Trotzdem blickt Lars Tietje zufrieden zurück:

"Wir haben die Struktur umgesetzt. Wir haben jetzt den Theaterpakt und wir haben jetzt eine hohe Sicherheit. Wir haben diesen blöden Personalabbau erfolgreich absolviert, sodass die Basis da ist und das Vertrauen des Landes, dass die Finanzierung für die nächsten jetzt noch acht Jahre Theaterpakt kommen wird. Insofern würde ich nie vom Scheitern sprechen." Doch es brodelte im Haus. Ende 2018 hatten sich der Betriebsrat sowie mehrere Mitarbeiter öffentlich zum offensichtlich schlechten Betriebsklima geäußert. Wenige Monate später, im Frühjahr 2019, hieß es vom Schauspielerensemble und Mitgliedern der Mecklenburgischen Staatskapelle, das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Intendanz sei weitgehend zerrüttet. Sogar Rücktrittsforderungen gab es.

Herbe Kritik aus den eigenen Reihen

Martin Nimz vom Mecklenburgisches Staatstheater. © Meckl. Staatstheater, Silke Winkler
Schauspieldirektor Martin Nimz bleibt dem Haus als Regisseur erhalten.

Einer, der Lars Tietje schon vor ihrer gemeinsamen Zeit am Staatstheater kannte und ihn nun in Schwerin kritisiert, ist Schauspieldirektor Martin Nimz: "Ich kritisiere das an seiner Intendanz, was ihn eigentlich auszeichnet und was ich auch an ihm schätzen gelernt habe. Nämlich eine absolute Zuverlässigkeit. Das waren ja meine Erfahrungen in Kassel. Aber dass man all das tut, was eine politische Ebene über einem sagt, ohne das Darunter zu bedenken, dass da auf der anderen Seite 350 Mitarbeiter sind, die das auf ihren eigenen Rücken austragen - und sich dann nicht vor die Mitarbeiter stellt, sondern die restriktiven Maßnahmen der Politik einfach umsetzt, knallhart, egal, was passiert. Dass in diesem Moment das Verneigen vor der höheren  Ebene größer war als vor der unteren Ebene."

Was am Theater in Kassel zwischen beiden funktionierte, ging in Schwerin offensichtlich in die Brüche: "Das war dann oft ein verzweifelter Kampf, auch innerhalb des Hauses. Und da ist sehr viel den Bach runtergegangen, was auch das Gegeneinander betrifft. Es hieß immer, die Kunst kommt hinten. Die Technik kommt, die Dispo kommt und dann irgendwann kommt die Kunst. Das ist eine Umkehrung von Prioritären. Das ist natürlich fatal für ein Theater", so Nimz. Eine Befragung, an der sich Dreiviertel aller Theatermitarbeiter*innen beteiligten, ergab 2019 eine generelle Unzufriedenheit, insbesondere im künstlerischen Bereich. Im Sommer desselben Jahres einigten sich Lars Tietje und die neue Kultusministerin Bettina Martin darauf, seinen Vertrag nach fünf Jahren nicht zu verlängern. Als Generalintendant war Lars Tietje bis Anfang 2021 auch für den kaufmännischen Bereich zuständig, er hatte sich bereits früh eine Doppelspitze gewünscht:

"Ich habe nach meinem ersten Jahr hier den Aufsichtsrat dringlich gebeten, diese Stelle zu besetzen. Diese Stelle war ja immer geplant, die ist ja nur aus Kostengründen nicht besetzt worden. Es geht schon damit los, dass es einfacher ist, wenn man auf seiner Ebene noch einen Partner oder eine Partnerin hat, wo man sich austauschen kann, bestimmte Aufgaben verteilen kann. Aber es war eben so, dass durch die vielen Dinge, die zu klären waren in diesem Haus, was ich einfach so nicht erwartet habe - und durch diese Doppelrolle als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter dieses Hauses -, da hatte ich viel zu viele Baustellen und mein Arbeitstag war zu voll."

Lars Tietje: "Und das Schöne ist, es geht weiter"

Hans-Georg Wegner, Intendant des Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin © NDR Foto: Axel eitz
Hans-Georg Wegner übernimmt ab 1. August die Intendanz des Mecklenburgischen Staatstheaters. Zuvor war er Operndirektor am Deutschen Nationaltheater in Weimar.

Er habe die vielen Aufgaben überschätzt, sagt der inzwischen 54-Jährige rückblickend. Und er habe falsche Personalentscheidungen getroffen. Lars Tietje sieht aber auch Positives: "Ich glaube tatsächlich, dass wir im Musiktheater ein Niveau erreicht haben, dass vorher vielleicht nur teilweise erreicht worden ist. Ich glaube, dass wir trotz des Abbaus, trotz der wenigen Stellen, die wir noch im Musiktheater haben, dort tolle Produktionen gemacht haben. Und dass das auch den Beschäftigten, auch den festangestellten Beschäftigten, viel mehr Mut und Selbstvertrauen gegeben hat, dass das Staatstheater immer noch etwas kann."

Auch die künftige Schauspieldirektorin, Nina Steinhilber, die in den vergangenen Jahren Dramaturgin am Mecklenburgischen Staatstheater war, kann auf ein erfolgreiches Ensemble aufbauen, glaubt Lars Tietje, der abschließend betont, er sei dankbar für die Zeit in Schwerin: "Für mich ist es gerade ein großes Geschenk, daraus zu lernen und wieder an einem anderen Ort Dinge anders anzugehen - vielleicht schon früher zu sehen, wo Konflikte kommen können, wo Dinge nicht gut laufen können. Vielleicht hat es ein bisschen was Reinigendes. Und das Schöne ist, es geht weiter."Denn mit Beginn der neuen Spielzeit 2021/22 wird Lars Tietje Intendant am Stadttheater Bremerhaven.

Weitere Informationen
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NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 28.07.2021 | 08:00 Uhr