Stand: 03.08.2020 18:37 Uhr  - NDR 90,3

Hamburg: Neuer Kunsthallen-Direktor zieht Bilanz

Es war ein guter Start in das Kunstjahr 2020: Die Hamburger Kunsthalle verzeichnete in den ersten drei Monaten Besucherrekorde. Bis zur coronabedingten Museumsschließung am 14. März besuchten 102.500 Personen das Haus. Das sind - im gleichen Zeitraum - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Acht Wochen blieb die Kunsthalle geschlossen. Am 7. Mai öffnete das Museum wieder - mit einem eigenen Hygienekonzept. Zwar steigen die Besucherzahlen seit der Öffnung wieder stetig an, allerdings blieben sie bislang um 80 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Lediglich die Hälfte des erwarteten Eintritterlöses von drei Millionen Euro können in diesem Jahr erwirtschaftet werden. Kein gutes Jahr für einen Direktor, der sich vorgenommen hat, die Kunsthalle für alle zu öffnen und die Besucherzahlen deutlich zu steigern. Ein Gespräch mit Alexander Klar, der am 1. August 2019 die Leitung übernommen hat.

Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Sie träumen von einem Neubau mit mehr Ausstellungsfläche. Ist Ihnen die Kunsthalle nicht groß genug?

Alexander Klar vor der Hamburger Kunsthalle © dpa Foto: Ulrich Perrey
Im Gespräch mit dem Kulturjournal zieht Alexander Klar Bilanz zu einem Jahr als Direktor der Kunsthalle.

Alexander Klar: Die Kunsthalle ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt groß genug. Aber man muss einfach in die Zukunft denn denken. Und ein Haus wie das unsere wächst ganz von selbst. Und es ist an den Grenzen angekommen. Vor 25 Jahren war die letzte Erweiterung mit der Galerie der Gegenwart. Und jetzt muss man anfangen, darüber nachzudenken, wie es weitergeht. Und so ein Moment der Krise ist manchmal gar kein schlechterer Moment, über die Zeit nach der Krise nachzudenken.

Was genau stellen Sie sich davor? Und wie konkret sind die Pläne?

Klar: Zuerst einmal gibt es bei uns Bedürfnisse und Bedarfe. Unsere Depots, vor allem in der Gegenwart, sind voll, und zwar richtig voll. Wir haben keine Sonderausstellungsfläche. Da wären 1.000 bis 2.000 Quadratmeter gut.  Die hat die Kunsthalle nicht und das ist angesichts der Erwartungen an uns, dass wir große Sonderausstellung machen, natürlich ein Manko.

Sie haben aber da kein konkretes Datum oder gar eine Finanzierung vor Augen?

Klar: Ich glaube, so etwas funktioniert nicht mit konkreten Daten. Man muss so etwas anstoßen, eine Diskussion schaffen. Was möchte man für einen Ort in der Mitte der Stadt schaffen? Der Ausgangspunkt ist natürlich die Lage der Kunsthalle. Wir stehen hier an einer riesigen Kreuzung.

VIDEO: Hamburger Kunsthalle: Alexander Klar zieht Bilanz (4 Min)

Wie war denn für Sie bislang dieses erste Jahr? Was sind die ersten Dinge, die Sie in Angriff genommen haben?

Klar: Ganz am Anfang stand mein Wunsch, den Eingang zur Galerie der Gegenwart wieder zu öffnen. Das haben wir getan. Schon im Februar. Seitdem läuft es sehr schön mit den zwei Eingängen. Auch der neu gestaltete Foyer-Bereich, der wird wirklich sehr, sehr gut angenommen. Wir wollen am 3. September die Galerie der Gegenwart neu eröffnen. Dafür wird gerade umgebaut. Und wir haben am 25. September die Beckmann-Ausstellung.

Was versprechen Sie sich von der großen Max-Beckmann-Ausstellung ?

Klar: Eine Neubetrachtung von Max Beckmann. Max Beckmann - das ist dieser virile, sehr, sehr heldisch männlich auftretende Expressionismus. Die Frauen sind ein bisschen kleinformatiger geraten. Aber: Wenn man sich das genau anguckt, dann sind seine Männer sehr weiblich und seine Frauen teilweise männlich. Das heißt also gerade mitten in unserer Diskussion um Geschlecht, Bilder, Geschlechts-Vorbilder passt es, sich diesen vermeintlich urmännlichen Maler anzugucken und auf ganz neue Erlebnisse zu stoßen und ganz neue Ergebnisse auch zu bekommen.

Sie sind jetzt, wenn ich das so sagen darf, wahrscheinlich der sportlichste Museumsdirektor in Hamburg. Sie fahren seit einem Jahr tatsächlich jeden Tag mit dem Fahrrad aus Blankenese hierher in die Kunsthalle.

Klar: Es gab im Januar ein paar Regentags-Unterbrechungen. Das muss ich der Fairness halber sagen. Aber ansonsten fahre ich tatsächlich jeden Tag. Das ist aber auch eine unglaublich schöne Strecke an der Elbe entlang. Und man stellt fest, es gibt erstaunlich wenige Regentage in Hamburg.

Sie haben seit einiger Zeit wieder offen. Wie sind denn die Besucherzahlen jetzt in der Corona-Zeit?

Klar: Alles fing sehr verhalten an. Am Anfang kamen etwa 200 Leute am Tag. Das hat sich über den Juli hinweg sehr gemausert. Die Leute sind vorbildlich bei uns, die meisten tragen Masken, obwohl wir das freigestellt haben. Wir empfehlen es. Aber ganz viele Leute entscheiden sich, sie zu tragen. Die anderen sind keine verantwortungslosen Menschen - das geht ganz gut auf 13.000 Quadratmetern. Wir sind mittlerweile auch bei einem Spitzentag von 1.300 Besuchern angekommen. Das ist schon fast wieder Vor-Corona-Niveau, was sehr schön ist.

Das Gespräch führte Kulturjournal Moderatorin Patricia Seeger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 03.08.2020 | 19:00 Uhr