Szene aus dem Drama "The Unforgivable" mit Sandra Bullock © Kimberley French

"The Unforgivable": Eine Welt ohne Vergebung

Stand: 24.11.2021 14:03 Uhr

2019 wurde der Film "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt in Deutschland und international ein Erfolg. Mit "The Unforgivable", einer Netflix-Produktion, kommt jetzt ein neuer Fingscheidt vorab ins Kino.

von Katja Nicodemus

Die Ansagen des Bewährungshelfers sind klar. Außerdem gilt für Ruth Slater: keine Drogen, kein Alkohol, kein Kontakt zu anderen Vorbestraften. 20 Jahre lang hat sie für einen Polizistenmord im Gefängnis gesessen. Die ersten Szenen von Nora Fingscheidts Film begleiten sie in die Freiheit - und in ein Leben am unteren Rand der amerikanischen Gesellschaft.

Ruth kommt in einem abgerissenen Wohnheim für Frauen unter, schläft in einem Vierbettzimmer zusammen mit Drogenabhängigen und Diebinnen. Sie findet Arbeit in einer Fabrik, schneidet im Akkord Fischköpfe ab. Immer wieder zeigen unscharf verfremdete Rückblenden Ruths Erinnerungen an den Tag der Tat.

Sandra Bullock spielt eine Frau, die nirgends willkommen ist

In Billigklamotten, mit versteinertem Gesicht und zusammengezogenen Schultern läuft Sandra Bullock in der Rolle der Ruth durch diesen Film. Sie spielt eine Frau, die nirgends willkommen ist, nirgendwohin gehört, niemanden kennt. Vielleicht ist es auch dieses Gefühl, das sie zu dem Haus zieht, in dem sie einst mit ihrer kleinen Schwester wohnte. Inzwischen lebt dort ein Anwalt mit Frau und Kindern. Vincent d’Onofrio und Viola Davis spielen dieses Paar. Er wird Ruth helfen und sie als Mandantin auf der Suche nach iher Schwester unterstützen - was ihr überhaupt nicht passt.

"The Unforgivable" wirkt, als habe Nora Fingscheidt aus den Modulen des amerikanischen Kinos mit aller Gewalt einen superamerikanischen Film zusammensetzen wollen. Mit einem Superstar in der Hauptrolle. Mit einem Bösewicht, der der Heldin nachstellt. Es handelt sich um den Sohn des einst ermordeten Sheriffs. Es gibt die billig gekleideten Unterschichtamerikaner in der Fischfabrik und die brave Vorstadtwelt, in der die Adoptiveltern von Ruths Schwester leben. Das Kontaktgesuch der aus dem Gefängnis Entlassenen sorgt für Unsicherheit und Verwirrung.

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"The Unforgivable": Ein superamerikanischer Film

Was "The Unforgivable" fehlt, ist Nora Fingscheidts eigener Blick auf diese Milieus, auf die Figuren, ihre Lebenswelten, Verstrickungen und Konflikte. Man bekommt das Gefühl, dass die Szenen letztlich nur das bereits Gesagte und Gezeigte wiederholen. Beim Treffen von Ruth und den Adoptiveltern in der Anwaltskanzlei erfahren wir noch einmal, dass sich ihr Vater umgebracht hat.

Sandra Bullocks Versteinerung scheint nicht dem Inneren ihrer Figur zu entspringen. Die Schauspielerin wirkt wie ein Fremdköper in diesem Film. Das mag auch daran liegen, dass ihr geliftetes Gesicht nicht zur Rolle einer nach 20 Jahren aus der Haft entlassenen Frau aus der Unterschicht passt. Aber es ist auch ein Problem der Regie. Man versteht nicht, was Fingscheidt an dieser Figur interessiert, weshalb sie ihre Geschichte erzählt. Ja, weshalb sie überhaupt einen Ausflug ins US-amerikanische Kino unternommen hat.

Ihr Film scheint permanent auseinanderzufallen, weil seine einzelnen Elemente so lieblos und mechanisch zusammengesetzt sind. Und auch wenn die dräuende Musik permanent Dramatik behauptet, mag auch sie nicht als Fugenmasse taugen.

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The Unforgivable

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
USA, Großbritannien, Deutschland
Zusatzinfo:
mit Sandra Bullock, Vincent D'Onofrio, Viola Davis und anderen
Regie:
Nora Fingscheidt
Länge:
112 Minuten
FSK:
keine Angabe
Kinostart:
25. November

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.11.2021 | 07:20 Uhr

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