Close-Up von Martina Gedecks Gesicht im Film "Samstagmittag, 12 Uhr" © Foto aus: "Samstagmittag, 12 Uhr", T. und P. Henke

Experimentalfilm mit Martina Gedeck erinnert an ermordete Jüdin

Stand: 17.11.2022 06:00 Uhr

Im Experimentalfilm "Samstagmittag, 12 Uhr" liest die Schauspielerin die Tagebuchaufzeichnungen der in Auschwitz ermordeten Jüdin Etty Hillesum. Gezeigt wird das Werk im Sprengel Museum Hannover.

von Agnes Bührig

Sie spielte eine DDR-Schauspielerin in "Das Leben der Anderen", mimte Ulrike Meinhof in "Der Baader Meinhof Komplex" und übernahm die Hauptrolle in "Die Wand": Martina Gedeck. Im Sprengel Museum Hannover ist sie jetzt noch bis zum 8. Januar in "Samstagmittag, 12 Uhr" zu sehen. Gezeigt wird der Film im Projektionsraum des Museums, der Blue Box.  

Gestern habe ich einen Augenblick lang gedacht, ich könnte nicht weiterleben und hätte Hilfe nötig. Ich konnte den Sinn des Lebens und den Sinn des Leidens nicht mehr erkennen. Ich hatte das Gefühl, unter einem gewaltigen Gewicht zusammenzubrechen. Aber auch dadurch habe ich einen Kampf durchgefochten, der mich weitergebracht hat, durch den ich stärker bin als vorher.   aus dem Tagebuch von Etty Hillesum

Martina Gedeck sitzt in einem völlig dunklen Raum, nur ein Tisch, ein Lichtkegel, ein Manuskript tauchen auf. Der Text zieht einen hinein in das Leben von Etty Hillesum, Jahrgang 1914, die Anfang der 1940er-Jahre mit zunehmendem Wissen um ihr eigenes, bevorstehendes Ende ihr Inneres beschreibt. 

Martina Gedeck liest aus Etty Hillesums Tagebuch

Martina Gedeck sitzt in einem komplett dunklen Raum an einem Tisch, der nur spärlich von einer Lampe beleuchtet wird. © Foto aus: "Samstagmittag, 12 Uhr", T. und P. Henke
Szenenbild mit Martina Gedeck in "Samstagmittag, 12 Uhr"

"Es ist ein Tagebuch, das sich zu Beginn so liest wie viele andere Tagebücher", so Gedeck. "Und dann wird es immer existenzieller und es gibt immer reifere Gedanken. Man spürt ganz stark ihre Entwicklung. Sie findet zu einem sehr tiefen Austausch mit dem, was sie Gott nennt, und geht eigentlich sehenden Auges in den Abgrund."

Martina Gedeck liest den Text - mal vertieft in das Manuskript, dann wieder mit geradem, ernstem Blick in die Kamera. Vom Lichtkegel der einzigen Lampe im nachtschwarzen Raum schwenkt die Kamera langsam auf ein Detail im Gesicht. Immer wieder wird die Leinwand ganz schwarz, manchmal mehrere Sekunden. Dem Regieduo Thomas und Peggy Henke ging es darum, eine Brüchigkeit des Bildes zu erzeugen und gleichzeitig einen Abstand, sagt Thomas Henke.    

Regieduo: Zwei Jahre Arbeit an "Samstagmittag, 12 Uhr"

"Der Betrachter soll auch wirklich angerührt werden, aber auch immer wieder einen Moment von Distanz erfahren, was dann auch in diesem Abbrechen des Bildes mit transportiert wird", so Henke. "Damit man nicht sagen kann, Etty Hillesum ist einfach verfügbar. Sie bleibt auch die ganz Andere in der Einzigartigkeit, in der Singularität ihres Schicksals."

Peggy und Thomas Henke sind auf filmische Porträts spezialisiert. Dabei nehmen sie vor allem Menschen in existenziellen Situationen in den Fokus, die von Leid oder Ungerechtigkeit betroffen sind und Zuflucht oder Befreiung suchen. Zwei Jahre hat es gedauert, "Samstagmittag, 12 Uhr", zu produzieren. Im ersten Jahr hätten sie die  Tagebuchtexte täglich gelesen, um Linien, Muster und Verdichtungen für den Film zu finden, sagt Thomas Henke. 

Etty Hillesum sucht Gott 

"Es war für uns am Anfang eigentlich gar nicht so sicher, dass man da überhaupt einen Film draus machen kann", erzählt Henke. "Adorno hat gesagt, Auschwitz hätte nie passieren dürfen. Welche Bilder soll man verwenden für etwas, was so unglaublich ist, dass es eigentlich nicht erzählt werden kann? Und somit wurde uns dann klar: Wir brauchen ein performatives Verfahren, wo der Text im Bild hergestellt wird."

Martina Gedeck verkörpert das Innerliche des Textes. Den sie umgebenden schwarzen Raum kann man als Universum lesen, in dem Etty Hillesum so etwas wie einen Gott sucht, an den sie sich wenden kann.  

Die Bedrohung von außen wird ständig größer, der Terror wächst mit jedem Tag. Ich ziehe das Gebet wie eine dunkle, schützende Wand um mich hoch, ziehe mich in das Gebet zurück wie in eine Klosterzelle. Ich trete dann wieder hinaus: gesammelter, stärker und wieder gefasst.   aus dem Tagebuch von Etty Hillesum

"Samstagmittag, 12 Uhr" ist ein künstlerischer Experimentalfilm, der einen intuitiv in seinen Bann zieht. 

Samstagmittag, 12 Uhr

Genre:
Experimentalfilm
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Gezeigt wird der Film bis zum 8. Januar in der Blue Box des Sprengel Museums Hannover.
Regie:
Peggy und Thomas Henke
Länge:
78 Minuten

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.11.2022 | 06:20 Uhr

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