Mehmet Kurtuluş über Winnetou und kulturelle Aneignung

Stand: 09.08.2022 14:57 Uhr

Mehmet Kurtuluş erzählt von seiner Rolle in "Der junge Häuptling Winnetou", seinem Schauspielunterricht und Dreharbeiten während einer Pandemie.

Mehmet Kurtuluş' steile Karriere begann im Norden mit einer kleinen Nebenrolle in "Adelheid und ihre Mörder" an der Seite der großen und unvergessenen Evelyn Hamann. Sie erkannte sofort sein Talent und so erging es wenig später wohl auch Regisseur Fatih Akin, der den ausdrucksstarken Kurtulus in seinen preisgekrönten Kinofilmen "Kurz und schmerzlos" und "Gegen die Wand" besetzte und damit Publikum und Feuilleton begeisterte.

Der bundesweite TV-Durchbruch folgte als unkonventioneller Kommissar im Hamburger "Tatort". Nach seinem Umzug 2012 nach Los Angeles startet der Schauspieler seine internationale Karriere an der Seite von Samuel L. Jackson in der finnisch-deutsch-britischen Produktion "Big Game". Seit 2020 ist er in der ersten belgischen Netflix-Serie "Into the Night" zu sehen. Nun kommt "Der junge Häuptling Winnetou" in die Kinos, in dem Kurtuluş Winnetous Vater Intschu-Tschuna spielt.

Ungewöhnliche Premiere

Die Premiere des neuen Films war mal etwas Anderes, so Mehmet Kurtuluş, denn es war eine Kinderpremiere: "Es gab Popcorn ohne Ende und es waren sehr viele Menschen im Kino, darunter auch sehr viele Kinder. Es war nicht nur Begeisterung, es schwappte schon in Richtung Euphorie. Die Kinder haben sich Plakate unterschreiben lassen, Bücher, Hefte, alles was es gab."

Auch von seinen jungen Schauspielkollegen zeigt er sich beeindruckt. Mika Ullritz, Milo Haaf und Lola Linnéa Padotzke seien unglaublich professionell gewesen. Vor allem Interviews mit Kinderreportern seien sogar für erfahrene Schauspieler wie Kurtuluş und Anatole Taubman nicht einfach. "Wir beide haben einige Filme und Interviews hinter uns. Aber noch nie haben wir so geschwitzt." An die Fragen kann Kurtuluş sich kaum noch erinnern.

Nicht sein erster Jugendfilm

"Der junge Häuptling Winnetou" ist nicht der erste Kinder- und Jugendfilm, in dem Kurtuluş mitspielt. An diesen Filmen reize ihn vor allem die Atmosphäre am Set: "Wenn man beobachtet, wie Regisseur Mike Marzuk mit den Kindern arbeitet, mit so viel Respekt und so viel Feingefühl, da bleibt einem der Mund offen stehen." Das alleine schon erfülle ihn mit viel Freude. Sollte Kurtuluş in einem weiteren Kinderfilm mitspielen, dann in einem Film von Mike Marzuk, dessen Arbeit er immer wieder lobt: "Mit Kindern zu drehen ist schwierig. Man muss sie neun Wochen lang ganz sensibel durch die Zeit führen und es so aussehen lassen, als wäre es ein Spielplatz und ein großer Spaß. Die Organisation dahinter, wer da die Nerven verliert, das darf man nicht an sie herantragen. Und das macht Mike fantastisch."

Die Sonntage seiner Kindheit hat Kurtuluş mit den Winnetou-Filmen verbracht. Die Bücher hat er zwar nicht gelesen, trotzdem ist er sich sicher, dass die Geschichten eigentlich für Kinder sind: "Es geht um die Angst vor dem Fremden. Da wir Erwachsenen jetzt schon ein wenig Lebensweg hinter uns haben, glaube ich, dass wir Kinder besser damit prägen können als Mittdreißiger."

Kulturelle Aneignung bei Karl May?

Seit den 50er Jahren werden in Bad Segeberg die Karl-May-Festspiele veranstaltet und immer wieder gibt es Diskussionen über kulturelle Aneignung. Mehmet Kurtuluş findet es wichtig, dass man bei diesem Thema die Respektebene nicht verlässt: "Wenn man sich so einem Thema annähert, wünsche ich mir eine gewisse Wahrhaftigkeit."

"Unter der Voraussetzung, dass man die Respektebene nicht verlässt, möchte ich das Wort kulturelle Aneignung flippen und daraus kulturelle Zugehörigkeit machen", erklärt der Schauspieler. Er müsse nicht indischer Staatsbürger werden, um sich dem Buddhismus zugehörig zu fühlen. "Wenn wir in unserem Film die Respektebene verlassen hätten, würden wir die Kultur und diese Menschen lächerlich machen. Wir sind aber vollkommen respektvoll damit umgegangen."

Bilder der Kindheit hinterfragen

Dem Wort "Indianer" steht er trotzdem kritisch gegenüber: "Ich finde es toll, solche Filme zu machen. Aber wenn wir uns über grundsätzliche Sachen unterhalten, ist es eine Bezeichnung von Christoph Kolumbus, der glaubte, Indien zu entdecken. Da bin ich bereit, das Wort aus meinem Wortschatz zu streichen, wenn diese Kultur, in diesem Fall die Native Americans, wenn die auch einverstanden sind." Er sei bereit, die Bilder, mit denen er aufgewachsen ist, zu hinterfragen und Kompromisse zu machen.

Dass er als "erster türkischer Tatortkommissar" bezeichnet wurde, habe ihn sehr enttäuscht: "Dass im Jahr 2008 ein türkischer Schauspieler ein Tatortkommissar ist, das war für mich keine Sensation." Inzwischen sei die Gesellschaft etwas weiter, doch durch die Pandemie gebe es wieder mehr Spaltung. "Ich habe zwei Freunde, die sind Türken und haben lange Rastazöpfe. Wenn sie sich dem Rastafari zugehörig fühlen, dann hat niemand das Recht, sie zum Friseur zu schicken."

Schauspielunterricht bei Annemarie Marks-Rocke

Eine Schauspielschule wollte Kurtuluş nicht besuchen, denn von Freunden hatte er keine schönen Geschichten darüber gehört. Doch Evelyn Hamann sorgte schließlich dafür, dass er doch noch Unterricht nahm: "Nachdem sie mich etwas kennenlernte, sagte sie: 'Du nimmst Unterricht bei meiner Lehrerin.'"

Annemarie Marks-Rocke war bereits 94, als Kurtuluş Unterricht bei ihr nahm. Als sie den Film "Kurz und schmerzlos" sah, sagte sie einen für Kurtuluş' Karriere entscheidenen Satz: "Gut, du bist fertig." Das sei sein Diplom gewesen, erinnert sich der Schauspieler.

Zeit für Geschichten

Mehmet Kurtuluş nimmt nicht jede Rolle an. "Ich glaube, dass die Rollen mich finden", erzählt er. Das bedeute nicht, dass er auf dem Sofa liege und darauf warte, dass ihn jemand anrufe. "Aber die Filme, die ich gemacht habe, waren vielleicht die Geschichten, die ich erzählen sollte", überlegt der Schauspieler.

Er sei keiner, der viel arbeitet, sondern jemand, der Geschichten erzählt. Auch die Recherche ist ihm wichtig: "Das braucht Zeit. Zeit nehmen wir uns heute nicht mehr. Mein Luxus liegt nicht darin, einen Porsche zu fahren, sondern darin, dass ich mir für Dinge Zeit nehmen kann. Das macht mich glücklich."

Drehen während einer Pandemie

Die Dreharbeiten zu "Der junge Häuptling Winnetou" fanden 2020 in Andalusien statt. Trotz, oder gerade der Pandemie wegen, hat Kurtuluş sie als sehr positiv in Erinnerung: "Die Pandemie war eingebrochen. Es war eine gewisse Panik im Raum. Aber du sitzt auf dem Pferd, bist in der Prärie, weit und breit ist kein Corona zu sehen."

Ein großer Kontrast dazu waren die darauffolgenden Dreharbeiten zur zweiten Staffel der belgischen Streamingdienst-Serie "Into the Night" in Brüssel, denn es wurde in einem Bunker gedreht: "Es war die Hölle im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur die Psyche der Story, im Bunker zu sein, auch die Nähe im Bunker wurde unangenehm. Das Thema Corona war sehr frisch und im Gegensatz zum Dreh in Spanien in der Prärie war es im Bunker natürlich sehr beengt", so Kurtuluş.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.08.2022 | 18:45 Uhr

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