Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes der auf einer Bühne an einem Tisch sitzt und nach vorne blickt. © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany Foto: Peter Hartwig

"Lieber Thomas": Kinofilm erinnert an Thomas Brasch

Stand: 24.06.2022 23:03 Uhr

Andreas Kleinert hat einen Spielfilm über Thomas Brasch gedreht, den Schriftsteller und Dramatiker, der 2001 mit nur 56 Jahren in Berlin starb. Der Film war zwölf Mal beim deutschen Filmpreis nominiert und hat neun geholt.

von Katja Nicodemus

Mit zwölf Nominierungen führt Andreas Kleinerts Hommage an Thomas Brasch, eine Koproduktion mit NDR, BR, arte und WDR, das Rennen für den Deutschen Filmpreis. Die Gala mit Preisverleihung der Lolas fan am 24. Juni in Berlin statt und wurde in Das Erste übertragen.

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"Lieber Thomas": Hommage an Thomas Brasch für zwölf Lolas nominiert

"Lieber Thomas" handelt von einem der größten schriftstellerischen Talente der DDR und auch des wiedervereinigten Deutschlands: Thomas Brasch wurde 1945 als Sohn jüdischer Exilanten in England geboren. Sein Vater war ein hoher SED-Kulturfunktionär und Weggefährte Erich Honneckers. In Andreas Kleinerts Film spielt Jörg Schüttauf diesen Vater, der seinen kleinen Sohn auf eine drakonische Kadettenanstalt schickt. Kleinerts Film zeichnet Braschs biografische Stationen und Etappen nach. Er zeigt einen jungen Mann, der der DDR in kritischer Distanz verbunden ist, der aneckt, weil er sich von diesem Staat herausgefordert fühlt. Und vom Lehrplan auf der Filmhochschule eben nicht.

Albrecht Schuch verkörpert Thomas Brasch in jeder Faser

Immer wieder wird der Film nach Hause zurückkehren, ins Wohnzimmer der Braschs, wo Vater und Sohn einen hoch politisierten Generationenkonflikt austragen. Beim Alten führt der Glaube an den neuen Staat zur Rechtfertigung einer Diktatur. Der Junge glaubt auf seine Weise an die DDR und - noch - an den Vater.

Albrecht Schuch spielt Brasch. Er verkörpert ihn bis in jede Faser seines aufmüpfigen Dichterwesens. Er ist der Revoluzzer, der zu schreiben beginnt, in einer klaren, schnörkellosen Sprache, mit der er sich an den Verhältnissen abarbeite. Und an sich selbst. Diese Verhältnisse werden für Brasch und seine Freunde immer unerträglicher. Ein desillusionierender Einschnitt ist der Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, die Niederschlagung des Prager Frühlings.

"Lieber Thomas": Figuren werden aus ihrer Zeitgeschichte herausgelöst

"Lieber Thomas" ist fotografiert in einem silbrigen, abstrahierenden Schwarzweiß. Schließlich geht es darum, Figuren der Zeitgeschichte aus ihrer Zeitgeschichtlichkeit heraus zu lösen. Albrecht Schuch gelingt dies mit einem bewegenden Nebeneinander von Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln, Verzweiflung und Lebensgier.

Und wie spielt man Katharina Thalbach, die selbst schon immer ein Auftritt ist? Bei der ersten Begegnung in der Theaterkantine verleiht Jella Haase ihrer Figur eine abgründige Aufgedrehtheit. Es bleibt nicht aus, dass die Dialoge manchmal Dinge erklären müssen, die die Figuren eigentlich schon wissen. Aber immer wieder gelingen Kleinerts Drehbuchautor Thomas Wendrich Momente von wunderbarer Offenheit und Poesie. Etwa wenn Brasch seiner großen Liebe Thalbach ein Theaterstück überreicht, das er für sie geschrieben hat.

Thomas Brasch wird 1976 die Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnen. Als er mit Publikationsverbot belegt wird, verlassen er und Thalbach gemeinsam mit deren Tochter die DDR. Für die Tatsache, dass es für den Autor ein zwiespältiger Schritt ist, genügt dem Film ein einziger Satz.

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Lieber Thomas

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Unter anderem mit Albrecht Schuch, Jella Haase und, Jörg Schüttauf.
Regie:
Andreas Kleinert
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
11. November 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 24.06.2022 | 16:20 Uhr

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