Ein Beatmungsgerät an einem Krankenbett. © picture alliance Foto: Axel Heimken

#allesdichtmachen - eine gelungene Aktion? Ein Kommentar

Stand: 23.04.2021 15:04 Uhr

Auf Youtube haben bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler Videos veröffentlicht. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen kritisieren sie ironisch die aktuelle Corona-Politik. Ist das gelungen? Ein Kommentar.

von Ocke Bandixen

Ich hab gut reden. Ich bin kein Schauspieler, kein Musiker, kein freischaffender Künstler. Ich bin NDR Redakteur. Aber ich sage jetzt trotzdem etwas zu der Aktion und den Videos der vielen Schauspielerinnen und Schauspieler. In diesen herrscht Ironie vor: das sprachliche Mittel, das das Gegenteil sagt, um das Eigentliche zu benennen.

Und nun sagt zum Beispiel Jan Josef Liefers auf diese ironische Weise, gleich zu Beginn: "Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben. Und dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung von den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung."

Seine Kritik geht an die Medien, die seiner Meinung nach einseitig berichten, nicht kritisch nachfragen, keine anderen Meinungen anhören oder ihnen Raum geben. Aha. Sind Sie sicher, Herr Liefers? Ich nicht.

#allesdichtmachen: Aktion widerspricht sich selbst

Eine weitere, schnell zu entschlüsselnde Spitze geht gegen die Bundesregierung und das eben beschlossene sogenannte Notbremsen-Gesetz, das Infektionsschutzgesetz. Ich übersetze mal die Ironie und Wortwolke: die Verantwortlichen seien einseitig beraten, die Maßnahmen seien nicht gut, Kritik sei nicht gestattet. Ach nein? Haben Sie doch gerade gemacht. Und rund 50 andere auch.

1. Man darf alles sagen, auch ironisch. Richy Müller, der Tatort-Kommissar, atmet in seinem Video in zwei Tüten, als Schutz, sagt er, vor Corona. Heike Makatsch erzählte in ihrem Video, sie würde die Tür nicht mehr öffnen, um sich an die Maßnahmen zu halten. Sie hat übrigens ihr Video wieder zurückgezogen. Und Jan Josef Liefers hat sein Video inzwischen kommentiert; er möchte nicht missverstanden werden.

2. Wer sind denn "die Medien", wie bei Herrn Liefers angesprochen? Ist das ein Club, der zentral von irgendwem gesteuert wird? Und wenn ja, von wem? Die Zeitungen am Kiosk, die TV-Sender, Podcasts und Hörfunk. Und die sagen alle das Gleiche? Wirklich? Nehmen wir das Beispiel Infektionsschutzgesetz: Die "Welt" spricht gestern von einem "autoritären Feigenblatt" der Regierung. Die "Süddeutsche" spricht im Kommentar von einer "Pandemiebekämpfung, die ihre Hilflosigkeit mit martialischen Einschränkungen kaschiert", in den "Tagesthemen" kommen im Bericht über den Beschluss im Bundesrat Boris Palmer, Reiner Haseloff und Jens Spahn zu Wort. Einer ist für das Gesetz, einer klar dagegen, einer in der Form dafür, aber kritisch, in der Sache dagegen. Aha: also alles gleich?

3. Alle sind angespannt, müde, aufgerieben. Das stimmt.

4. Existenzielle Bedrohung ist keine Kleinigkeit. Sie verändert Lebensideen, schafft Armut, Not, Angst, Verzweiflung.

5. Das Kulturleben ist Teil dieses bedrohten Lebens. Dazu kommt, dass uns mit den geschlossenen Theatern, Kinos, Literaturhäusern, Museen, Clubs und Salons nicht nur die für alle so wichtige Begegnung fehlt, die Kunst, die Inspiration, auch die Auseinandersetzung, das Reiben, das Diskutieren fehlt. Der Diskurs ist mühsam. Wir berichten übrigens seit mehr als einem Jahr genau darüber.

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Videos von Liefers, Makatsch und Müller sind zynisch

Menschen sterben an Corona - schnell und in großer Zahl. Intensivmediziner warnen seit Wochen davor, dass sie nicht mehr allen helfen können, wenn weiterhin so schnell Menschen erkranken. Ich kenne übrigens ein paar, die sind daran gestorben, und auch einige, die erkrankt sind und gerade ziemlich viel Angst haben. Sie auch?

Frau Makatsch, haben Sie eine Idee für eine bessere Gesundheitsversorgung? Herr Liefers, was meinen Sie denn zu der finanziellen Ausstattung von Krankenhäusern oder der Bezahlung von Pflegerinnen? Herr Tukur, wie wollen Sie erreichen, dass weniger Menschen auf die Intensivstationen kommen? Ach, und Richy Müller - wie glauben Sie, kommt ihr Video mit den beiden Plastiktüten an bei Intensivmedizinern?

#allesdichtmachen: Polemik statt konstruktiver Kritik

Oder wollten Sie eigentlich reden über die Not, die Einsamkeit, die Lücken, die Solidarität? Über den Sinn oder Unsinn von Maßnahmen? Und die Schwächen und Fehler der Regierung? Wollten Sie sich einsetzen für Kolleginnen und Kollegen, denen er schlecht geht?

So geben Sie denen Futter, die sich in einer Diktatur wähnen, die wirklich glauben, Widerstand leisten zu müssen gegen lebensrettende Maßnahmen, die sich in ihrer Not oder ihrer Einsamkeit ein Weltbild zurecht googeln und dabei von Polemik und Demagogie angezogen werden.

Wollten Sie eigentlich darüber diskutieren, streiten um das, was gerade wichtig ist? Wollten sie das? Dann machen Sie das doch einfach. Geht nämlich. Ganz ohne Ironie.

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#allesdichtmachen: Youtube-Aktion stößt auf Lob und Kritik

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 23.04.2021 | 14:00 Uhr

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