Johan Richter spielt im Altonaer Theater das Ein-Personen-Stück "Finsternis" nach Davide Enias "Schiffbruch vor Lampedusa". © Altonaer Theater

"Finsternis": Niemand kann mehr wegschauen

Stand: 20.10.2021 14:00 Uhr

Johan Richter spielt im Altonaer Theater das Ein-Personen-Stück "Finsternis" nach Davide Enias "Schiffbruch vor Lampedusa". Mit Wucht katapultiert Richter das Publikum auf die Insel, die zum Symbol für die Flüchtlingskrise geworden ist.

von Franziska Storch

Johan Richter, der junge Hamburger Schauspieler, beeindruckte als Walter Kempowski in der vierteiligen Familien-Saga "Kempowski" am Altonaer Theater. Jetzt spielt er dort im Foyer das Ein-Personen-Stück "Finsternis". Wieder ist ein Buch Vorlage: Davide Enias "Schiffbruch vor Lampedusa" ist ein herausforderndes Thema.

"Ihre Körper sind wie die Seiten eines Buches"

Johan Richter spielt im Altonaer Theater das Ein-Personen-Stück "Finsternis" nach Davide Enias "Schiffbruch vor Lampedusa". © Altonaer Theater
Wechselt zwischen sechs verschiedenen Rollen: Schauspieler Johan Richter.

"Drei Schlauchboote mit 523 geretteten Schiffbrüchigen. Das Durchschnittsalter ist unter 15 Jahren. Die Kinder lehnen sich mit dem Rücken an die Kaimauer und schlafen auf der Stelle vor Erschöpfung ein." Man hat es sofort vor Augen - das Kopfkino geht los, wenn Johan Richter spricht. Das Publikum sitzt im Foyer an Bistrotischen, mitten im Wirbel der Rollenwechsel. Autor Davide reist nach Lampedusa und wird zu den Figuren, die er dort trifft, wie die Bewohnerin Paola:

"Davide, ich schäme mich noch immer zutiefst für meine erste Reaktion - dafür, dass ich zu Melo meinte: Wir sollten alles dicht machen." Doch dann geht Paola an den Strand und zieht Menschen aus dem Meer. Die Erlebnisse sind auch für die traumatisch, die auf Lampedusa helfen: "Die Ärztin von Lampedusa sagt: Ihre Körper sind wie die Seiten eines Buches, in dem jemand genau beschreibt, was passiert ist - all die Brüche, Wunden, Verstümmelungen. Ihre Haut war wie Gelatine, hat sich abgelöst, aus allen Körperöffnungen drang Wasser."

Die europäische Gegenwart bricht in den Theaterabend ein

Sechs verschiedene Rollen ganz ohne Kostümwechsel, immer im grünen Overall, das ist eine Herausforderung, sagt Johan Richter: "Ich wollt jetzt als erstes Malen nach Zahlen sagen - jede Station ist so stark geprobt für diese Figur. Sobald man in dem Raum ist oder sobald ich diese Körperlichkeit habe, bin ich an diesem Ort mit dieser Figur, sodass es da eigentlich keine Verwechslung gibt."

Obwohl das Thema schwer ist wie Blei, gibt es viel Bewegung. Sogar bis auf den Tresen und dahinter. Technik unterstützt das Wechselbad der Gefühle und die Figuren: zwischen der entfernten Stimme durch das Mikrofon und dem nahen Blick der Live-Kamera auf der Leinwand. Die Worte der Figuren über tote Körper, Rettungen bei hohem Wellengang und Gewalt auf der Flucht verschlagen so einigen Zuschauern die Sprache und machen sie sehr nachdenklich. Anders als in der Kempowski-Saga geht es hier nicht um die deutsche Geschichte, sondern um die europäische Gegenwart. Wer das Stück "Finsternis" am Altonaer Theater erlebt hat, kann nicht mehr wegschauen.

Weitere Informationen
Schauspieler  Nico Holonics in der Rolle des Oskar Matzerath sitzt vor einer rot-weißen Blechtrommel auf dem Boden. Mit erstauntem Gesicht hat er sich zurückgelehnt und schaut auf das Musikinstrument.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 20.10.2021 | 19:00 Uhr