Ein großer Stein im Sonnenuntergang - um ihn herum viele schwarze Schatten von Menschen. © Armin Smailovic
Ein großer Stein im Sonnenuntergang - um ihn herum viele schwarze Schatten von Menschen. © Armin Smailovic

Sehnsucht nach Glück: Premiere für "Krum" am Thalia Theater

Stand: 03.10.2021 08:09 Uhr

Über 60 Theaterstücke hat der israelische Dramatiker Hanoch Levin geschrieben. Am Hamburger Thalia Theater ist sein Stück "Krum" am Sonnabend zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt worden.

von Katja Weise

Hamburgerinnen und Hamburger dürften sich an der Elbe wähnen: Rötlich schimmert die Sonne über dem Wasser, Wellen schwappen im Bühnenhintergrund, davor Sand und der "Alte Schwede", der große Findling, der seit gut zwanzig Jahren bei Övelgönne am Strand liegt. Dazu Musik, Menschen in Badebekleidung, Sonnencreme - Idylle pur. Bald allerdings fragt man sich, ob mit dem Brocken nicht eigentlich der Stein des Sisyphos gemeint ist. Fehlt nur noch der Berg.

Protagonist Krum sucht sein Glück

Protagonist Krum ist heimgekehrt in das namenlose Städtchen und hat genug von den Erwartungen seiner Mutter: "Ich habe es im Ausland zu nichts gebracht, Mutter. Ich habe kein Geld verdient, bin nicht glücklich geworden, hatte keinen Spaß und bin nicht weitergekommen." Krum will frei sein, aber ist Freiheit, keine Erwartungen mehr erfüllen zu müssen? "Jetzt werde ich leben und ihr könnt daran ersticken", verkündet Krum, der auf der Bühne von Ole Lagerpusch verkörpert wird.

Maja Schöne als unschlüssige Truda

Krum und Truda liegen am Strand - ihre Füße berühren sich leicht. © Armin Smailovic
Zwischen Krum und Truda funkt es noch.

Aber auch die anderen, die da am Strand abhängen, wollen gerne leben, lieben und im Gegensatz zu Krum sogar heiraten. Sein Freund Tugati glaubt, bald sterben zu müssen. Truda, mit der Krum früher zusammen war, hat einen neuen Freund. Doch Krum bringt Truda eines Abends nach Hause und die Anziehung ist immer noch da. Maja Schöne ist eine Wucht. Sie spielt Truda katzenhaft wild, mit zotteligen, blondierten Haaren, dreckigem Lachen und verzweifelter Verletzlichkeit. Lieber heiratet sie den falschen Mann als gar keinen. Sechs Frauen, fünf Männer auf der Suche nach Liebe. Grotesk überzeichnet in ihrer Sehnsucht nach Glück.

"Krum": Komödie, die unter die Oberfläche blickt

Regisseur Kornél Mundruczó findet eindrückliche Bilder, setzt sehr auf Tempo, Action und einen die losen Szenen verbindenden, fast durchgängigen Sound. Musiker und Komponist Daniel Freitag begleitet großartig live und doch bringt die Musik nicht jede Szene weiter. Oberflächlich betrachtet ist "Krum" eine Komödie, und das fantastische Ensemble genießt sichtlich die Überzeichnung. Doch vor allem will Mundruczó von dem erzählen, was unter der Oberfläche liegt: Trauer, Verzweiflung, Einsamkeit.

"Was soll denn das jetzt? Jeder ist gesund. Die Frage ist nur: Was macht einer aus seiner Gesundheit. Hat er irgendetwas in der Hand, was diese Gesundheit rechtfertigt?" Zitat aus der Premiere von "Krum"

Am Ende haben zwei Hochzeiten und zwei Begräbnisse stattgefunden. Die Sonne ist farbenprächtig untergegangen und der Mond eindrucksvoll auf. Doch verändert hat sich nicht wirklich etwas. Wie bei Sisyphos, der seinen Stein immer wieder den Berg hinaufrollen muss.

Sehnsucht nach Glück: Premiere für "Krum" am Thalia Theater

Das Stück "Krum" des israelischen Dramatikers Hanoch Levin wurde am Thalia zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Telefon:
040 328 14 444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Hinweis:
Regie: Kornél Mundruczó
Künstlerische Mitarbeit: Kata Wéber
Bühne: Stéphane Laimé, Nadin Schumacher, Mona Marie Hartmann
Kostüme: Sophie Klenk-Wulff
Dramaturgie: Soma Boronkay, Emilia Linda Heinrich
Komposition und Live-Musik: Daniel Freitag
Licht: Paulus Vogt
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.10.2021 | 14:20 Uhr

Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

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