Der Eingang zum Haupthaus  "Thalia" am Eingang des Hamburger Thalia Theaters. © Georg Wendt/dpa-Bildfunk Foto: Georg Wendt

Neun-Euro-Ticket: Erfolgreiche Aktion im Hamburger Thalia Theater

Stand: 09.06.2022 12:38 Uhr

Das Thalia Theater in Hamburg ist auf den Hype der Stunde aufgesprungen und kann sich über eine gelungene Marketing-Aktion freuen: Bis zur Sommerpause bietet es einige Neun-Euro-Tickets für Vorstellungen an.

Während sich das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr aktuell größter Beliebtheit erfreut und bundesweit tausendfach verkauft wurde, können sich Kulturenthusiasten in Hamburg gerade über ein Neun-Euro-Ticket fürs Theater freuen. Wer im Thalia Theater ein reguläres Ticket kauft, konnte zeitweise bis zu sieben Personen zum vergünstigten Preis von neun Euro mit ins Theater nehmen.

Die Aktion läuft bis zur Sommerpause. Im Gespräch mit NDR Kultur verrät der kaufmännische Geschäftsführer des Thalia Theaters, Tom Till, die Hintergründe.

Herr Till, wie ist diese Aktion denn entstanden?

Tom Till: Gegen Ende der Spielzeit lahmt das Geschäft bei uns immer ein bisschen. Theater läuft immer gut zwischen Oktober und April - davor und danach ist es ein bisschen schwächer, das ist normal. Wir überlegen uns dann im Marketing jeweils zum Ende der Saison, wie wir die Menschen auf den letzten Metern begeistern können, doch noch ins Theater zu gehen, bevor es dann in die Sommerpause geht. Aus diesem Grund haben wir so einen Countdown erfunden: Jede Woche zählen wir rückwärts von sieben, sechs, fünf, vier, drei und sagen: "Hey Leute, noch fünf Wochen und danach gibt es erstmal ganz lange kein Theater!". Das ist die Aktivierung, die wir durch einen Countdown machen.

Tom Till, kaufmännischer Geschäftsführer des Thalia Theaters in Hamburg © Thalia Theater Foto: Michael Bosshard, metamorphoto Zürich
Tom Till ist seit 2016 kaufmännischer Geschäftsführer der Thalia Theater GmbH, Hamburg.

Zusätzlich sind wir post-pandemisch noch ein bisschen angefasst und müssen gucken, dass die Leute auch wieder zu uns finden. Wir müssen auch neues Publikum erreichen. Da sind solche Aktionen immer gut geeignet. Das funktioniert gut über den Preis. Da wir vom Neun-Euro-Ticket dann schon gehört hatten, haben wir uns gedacht: Das ist eine tolle Idee! Da schließen wir uns an. Theater ist ja eh eine gemeinschaftliche Angelegenheit und wir wollen auch als Begegnungsstätte wieder funktionieren. Derjenige, der sich eine normale Karte kauft, kann dann je nachdem in welcher Woche des Countdowns wir uns befinden, so und so viele Freunde à neun Euro mit ins Theater nehmen.

Das Neun-Euro-Ticket der Bundesregierung war also tatsächlich Ihre Inspiration?

Till: Das hatten wir gehört und fanden es lustig und haben daraufhin entschieden, dass wir da mitmachen und unser eigenes Neun-Euro-Ticket machen. Weil sich das dann auch noch mal anders kommuniziert. Neun Euro - das ist jetzt in aller Munde. Ich habe am Mittwochmorgen auch versucht, mir das Neun-Euro-Ticket über die DB-App herunterzuladen. Wir haben etwas früher damit angefangen, etwa zehn Tage vorher und das läuft wie Bolle!

"Wir haben in den ersten zehn Tagen 1.200 Neun-Euro-Tickets verkauft"

Videos
. © NDR
4 Min

Hochschule und Thalia Theater zeigen Solidarität mit der Ukraine

An der Hochschule für Musik und Theater ist das Engagement besonders - auch weil hier so viele persönlich betroffen sind. 4 Min

So günstig waren vermutlich viele zuletzt zu Ausbildungszeiten im Theater. Was sind denn Ihre ersten Erkenntnisse? Funktioniert es?

Till: Es läuft total gut! Wir haben in den ersten zehn Tagen 1.200 Neun-Euro-Tickets verkauft. Das hätten wir so nicht erwartet, dass es so dermaßen einschlägt. Denn an und für sich gibt es viele Reduktionsmöglichkeiten am Theater. Wir haben aber bei Besucherumfragen auch gemerkt, dass die Leute das gar nicht so genau wissen. Als Student kommt man zum Beispiel immer für elf Euro ins Theater - außer bei Premieren und sonstigen Sonderaktionen. Es gibt auch viele andere Preisaktionen, die wir machen. Ich sage immer: Das Theater hat seinen Preis, aber man kann ihn drücken! Kommunikativ ist das für uns für die nächste Spielzeit auch eine zentrale Strategie! Wir wollen sagen: Alles wird gerade teurer, die Inflation geht durch die Decke, das Theater bleibt günstig. Das ist der Claim, den wir aufgesetzt haben. Das Neun-Euro-Ticket ist ein erster Schritt, damit umzugehen.

Im Moment klagen viele Kulturveranstalter über das ausbleibende Publikum. Ist das Neun-Euro-Ticket ein Versuch, die bislang leeren Plätze sinnvoll zu füllen?

Till: Unbedingt! Wobei es jetzt nicht so ist, dass es uns gerade richtig schlecht geht. Im März und April hatten wir eine heftige Situation, in der Omikron einmal durch das gesamte Ensemble durchgegangen ist und wir Umstellungen und Ausfälle hatten. In der ganzen Spielzeit hatten wir bei etwa 700 Vorstellungen, die wir machen, 100 Änderungen. Das allermeiste davon Corona-bedingt. Das hat auch einen Effekt auf die Leute, wenn sie zum dritten Mal versuchen, eine bestimmte Vorstellung zu sehen und dann klappt es wieder nicht, weil wieder ein Schauspieler krank geworden ist. Dann verlieren die Menschen irgendwann die Lust daran, das versteht man auch! Deswegen müssen wir gucken, dass wir zurückkommen, dass wir wieder stabil werden. Ich hoffe, das Corona-Thema ist durch im Ensemble. Das war einfach nicht lustig. Entsprechend schwierig waren die vergangenen beiden Monate für uns.

Jetzt verkaufen wir im Schnitt wieder zwischen 600 und 1.000 Karten am Tag. Wir haben jetzt auch schon mit dem Vorverkauf für die ersten Schlaglichter im September begonnen. Zum 1. Juli werden wir dann in den Vorverkauf für September, Oktober, November gehen - um dann auch wieder mehr mitnehmen zu können im Vorverkauf. Denn auch das ist so ein Effekt, der sich an der Kasse auswirkt. Wenn man immer nur relativ kurzfristig weiß, was man spielt und nicht planen kann, dann kaufen die Leute nicht so intensiv, wie, wenn sie Vorlauf haben.

Denn das haben wir auch empirisch herausbekommen: Im Allgemeinen verkaufen sich die Karten zwischen drei Monate und zwei Wochen im Voraus. Kurzfristige Verkäufe sind eher selten - das hat sich allerdings in der Corona-Pandemie geändert. Weil die Menschen eben auch noch nicht wussten, was in drei Wochen ist. Da hoffen wir eben, mit dem altbewährten Vorlauf wieder Land zu gewinnen.

Wie wichtig ist es für die Stimmung im Haus, für das gesamte Ensemble, dass die Säle voll sind? Hat das auch einen psychologischen Effekt?

Till: Ja, unbedingt! Man spielt Theater fürs Publikum und nicht für sich selbst. Natürlich hat jeder Schauspieler es am liebsten, dass der Saal voll ist, und dass es Reaktionen gibt. Die Schauspieler fanden es immer ziemlich gruselig, dass sie im Schachtbrett spielen mussten und dann maskierte Gesichter blickten, wo keinerlei Reaktion abzulesen ist. Es ist ja auch immer ein Wechselspiel zwischen Bühne und Publikum.

Ist das für Sie rechnerisch gesehen lukrativ mit dem Neun-Euro-Ticket? Wie finanziert sich das?

Till: Wir bekommen es nicht finanziert. Normalerweise, wenn wir da kalkulatorisch durchgehen, haben wir nach Abzug aller Reduktionsvarianten einen Durchschnittserlös von etwa 18/19 Euro netto pro Ticket. Also das ist etwa die Hälfte davon. Aber es ist ja auch keine Dauereinrichtung, genauso wenig wie im öffentlichen Nahverkehr. Es hat ja einen spezifischen Marketinghintergrund, um Menschen dazu zu motivieren, zu uns zurückzukommen. Und um eben das Geschäft in der auslaufenden Saison noch einmal anders zu beleben. Eine Dauersituation kann es nicht sein, denn wie alle anderen Häuser auch sind wir natürlich auf Einnahmen angewiesen und hoffen, dass es im Herbst und Winter wieder anständig läuft, wie wir es eben auch gewohnt sind.

Es ist einfach eine schöne Preisaktion, die deshalb für uns relevant ist, weil Theater gesellschaftlicher Kontext ist. Und wenn wir eines verlernt haben in der Pandemie, dann ist es gemeinschaftlich miteinander umzugehen. Sich zu treffen mit Freunden, mit Freunden wegzugehen. Es kann auch ein Beitrag dazu sein, dass man wieder gemeinschaftlich etwas macht, dass man sich gemeinschaftliche begegnet. Das Theater als Begegnungsort! Dafür mag das Neun-Euro-Ticket ein Mechanismus sein, das eventuell dazu beiträgt, dass das wieder mehr stattfindet.

Das Interview führte Anina Pommerenke.

Weitere Informationen
Szene aus "Brüste und Eier" im Hamburger Thalia Theater. © Krafft Angerer

"Brüste und Eier" im Thalia Theater: Wer fragt die Ungeborenen?

Regisseur Christopher Rüping hat eine Bühnenfassung des gefeierten Romans "Brüste und Eier" im Thalia Theater inszeniert. mehr

Joachim Lux © Armin Smailovic

Joachim Lux bleibt bis 2025 Intendant des Thalia Theaters

Weil viele begonnene Projekte durch die Corona Pandemie ins Stocken geraten seien, bleibt der Intendant noch ein Jahr länger am Haus. mehr

Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

Kulturpartner: Thalia Theater

Der gesellschaftspolitisch ausgerichtete Spielplan des Thalia Theaters vereint Uraufführungen, Klassiker und Gastspiele sowie internationale Projekte und Festivals. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 06.05.2022 | 17:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Theater