"Kinder des Olymp" auf der Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters. © Mecklenburgischen Staatstheaters/ Silke Winkler Foto: Silke Winkler

"Kinder des Olymp" am Mecklenburgischen Staatstheater

Stand: 25.09.2021 10:02 Uhr

Das Mecklenburgische Staatstheater startet mit einer Bühnenfassung des französischen Filmklassikers in die neue Spielzeit und verwischt die Grenzen zwischen Schauspiel und Leben.

von Karin Erichsen

Das Mecklenburgische Staatstheater unter neuer Intendanz startet nicht mit Goethe oder Schiller und auch nicht mit Brecht, Ibsen oder Horváth in die Spielzeit. Stattdessen eröffnen Schauspieldirektorin Nina Steinhilber und Regisseurin Alice Buddeberg das Theaterjahr mit einer eigenen Bühnenfassung des französischen Filmklassikers "Kinder des Olymp" - ein Schwarz-Weiß-Film aus den 1940er-Jahren, der in die Pariser Theaterwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts führt.

Im Mittelpunkt steht die schöne Schauspielerin Garnace, die aus prekären Verhältnissen stammt, das Leben liebt und sich an keinen ihrer Verehrer binden kann. Eine offene Beziehung führt sie mit ihrem jungen Kollegen Frederick Lemaître, der sich mit Elan und Charisma anschickt, die großen Bühnen zu erobern. Mit dem skrupellosen, aber geistreich und formvollendet agierenden Verbrecher Lacenaire verbindet sie eine lose Freundschaft. Und selbst der vermögende und einflussreiche Graf de Montray beeindruckt Garance nicht einmal oberflächlich. Allein der introvertierte und lange Zeit kaum beachtete Pantomime Baptiste berührt ihr Herz.

"Kinder des Olymp": Poesie in Schwarz-Weiß

"Kinder des Olymp" auf der Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters. © Mecklenburgischen Staatstheaters/ Silke Winkler Foto: Silke Winkler
Im Zentrum des Bühnenbildes: ein großer Mond.

In Schwerin fasziniert Julia Keiling in der Rolle der Garance auf der Bühne ihre Kollegen und im Theatersaal das Publikum. Sie gibt eine burschikose Schönheit. Heiter und vital und mit kurzem Haar widerspricht sie in der ersten Hälfte des Abends jedem klischeehaften Ideal. Da benötigt sie weder ein rotes Abendkleid noch einen transparenten Morgenmantel, um alle Aufmerksamkeit zu bannen. Wie alle anderen Schauspieler der Compagnie ist sie in Kostüme aus weißem Papier oder schlichten Laken gekleidet, auf denen ein charakteristisches Outfit nur durch dunkle Farbe angedeutet wird. Ins Zentrum des weiten, schwarzen Bühnenraums hat Cora Saller einen großen Mond gestellt - symbolisiert durch eine weiße, schiefe Ebene.

Kostümbildnerin Martina Küster nimmt so Bezug auf den Filmklassiker in schwarz-weiß und auf dessen schwierige Produktionsbedingungen im besetzten Paris der 1940er-Jahre, wo bei den Requisiten improvisiert werden musste. Im Übrigen zeigt die ganze Theaterproduktion, dass Farbe überschätzt wird. Die gesamte Kulisse kommt ohne aus.

Fließende Grenzen zwischen Theater und Leben

Der Mond verbindet Garance und Baptiste: Zwei Herzen, die im Schatten lebten, die sich in die Ferne träumten, denen das silberne Licht verheißungsvoller erscheint als der Sonnenstrahl. In einer Mondnacht finden sie zueinander. Bald wird jedoch deutlich, dass sich auf einer schiefen Mondebene schwer agieren lässt - sowohl im realen Leben als auch auf der Bühne. Und immer wieder vermischen sich in der Inszenierung diese beiden Ebenen, bis sie mitunter kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. So gelingt Regisseurin Alice Buddeberg ein poetischer Blick auf ein Theater, bei dem die Grenzen zur Wirklichkeit verschwimmen. Was ist Trugbild, was ist Wahrheit? Was ist Leben, was Geschichte? Und welcher Zauber entströmt dieser Zwischenwelt für jene, die dafür empfänglich sind - im Publikum und auf den Brettern.

"Kinder des Olymp" auf der Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters mit Vincent Heppner und Frank Wiegard. © Mecklenburgischen Staatstheaters/ Silke Winkler Foto: Silke Winkler
"Kinder des Olymp" mit Vincent Heppner (l.) und Frank Wiegard.

Im zweiten Teil des Abends führt Alice Buddeberg die Poesie dieser Dinge an ihre "Schmerzpunkte". Die Faszination des Anfangs ist verschwunden. Der Schauspieler Frederick Lemaître ist inzwischen ein großer Star, den seine Rollen langweilen, sofern sie nicht seinem Ego entsprechen. Frank Wiegard spielt den Wandel vom ambitionierten Theateridealisten zum routinierten Publikumsfänger in grandioser Weise. Der ehemals so kühl kalkulierende Verbrecher Lacenaire hat sich erwischen lassen und hat in der Provinz eingesessen. Er redet kaum mehr von seiner eigenen Größe, sondern bewundert inzwischen erfolgreichere Männer und wird dabei spannenderweise von einer Frau (Katrin Heinrich) gespielt. Marco Dyrlich gibt den groben und in seiner Eifersucht vollkommen verrohten Grafen de Montray, der sich Garance unterdessen in einer Notsituation erkaufte und mit ihr für Jahre verreist war.

Liebe bis zur Verzweiflung

Besonders tragisch ist die Verwandlung der Garance, die nun mit blonder Langhaar-Perücke und in einem transparenten, roten Hausmantel auftritt. Sie ist nicht mehr frei, noch träumt sie weiter von fernen Welten, denn inzwischen hat sie mit dem Grafen alle Sehnsuchtsorte besucht. Aber Baptiste ist ihr umso präsenter im Herzen - als einzig echter Bezugspunkt und Brücke in die strahlende Vergangenheit.

Aber Baptiste hat inzwischen Frau und Kind. Dennoch liebt er Garance bis zur Verzweiflung. Er hat sich als einziger kaum verändert, obgleich er nun als großer Pantomimekünstler verehrt und gefeiert wird. Zwar hat auch er über sein fließendes, weißes Gewand vom Anfang den schwarzen Rollkragenpullover des Existentialisten gezogen, aber er berührt das Publikum noch immer mit seiner Sehnsucht, der er in Mimik und Bewegungen Ausdruck verleiht. Vincent Heppner spielt die Rolle so authentisch, dass wieder die Grenzen verwischen und er nicht nur im Stück die Herzen öffnet, sondern auch im Schweriner Theatersaal. Seine Liebe zu Garance bleibt unerfüllt, seine Liebe zum Zuschauer wird erwidert.

Inszenierung: Am Ende ermüdend

Leider zieht sich die zweite Hälfte des Abends zu sehr in die Länge. Genau wie der Film erreicht auch das Theaterstück fast drei Stunden Spieldauer, die vom entzauberten Bühnen- und Kostümbild aber immer weniger unterstützt wird. Alice Buddeberg arbeitet nun mit anderen Stilmitteln: Textwiederholungen, Lautstärken in den Dialogen, eine drastische Mordszene und nackte Tatsachen zeigen, wie die Desillusionierung voranschreitet. Gleichzeitig ermüden diese Stilmittel jedoch. Die Idee, auch noch die Filmproduktion von "Kinder des Olymp" mit darzustellen und so auch den Film aus der Kunstform explizit auf die Bühne zu holen, ist zu viel. Das Herz, das Baptiste zum Schluss des Abends mit seinen Händen formt und dem dankbaren Publikum entgegenwirft, hätte deutlich eher fliegen sollen.

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Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater
Alter Garten 2
19055  Schwerin
Telefon:
0385 53 00-0
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 25.09.2021 | 10:00 Uhr