Inklusives Hamburger Performancekollektiv erhält Tabori Preis

Stand: 25.05.2022 06:00 Uhr

Das Theaterensemble Meine Damen und Herren - eine Gruppe von professionellen Schauspieler*innen - mit geistiger Behinderung und ohne - erhält heute den Tabori Preis. Eine der höchsten Auszeichnungen für die Freien Darstellenden Künste.

von Anina Pommerenke

Der Fonds Darstellende Künste verleiht heute in Anwesenheit der Kulturstaatsministerin Claudia Roth in Berlin zum 13. Mal den Tabori Preis. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung geht in diesem Jahr an das inklusive Hamburger Performancekollektiv Meine Damen und Herren. Die Preisverleihung wird ab 19 Uhr auf der Seite des Fonds im Livestream übertragen.

Mit ihrer Inszenierung "Der Ball - 5 Befreiungen und 50 Neuanfänge" haben sie die Arbeit im Kollektiv getestet. Das heißt, jeder und jede darf erst einmal alles machen und alles entscheiden. Die Arbeit ist Teil einer Reihe, die bereits vor vier Jahren begonnen wurde - mit Unterstützung der Hamburger Kulturbehörde und des Fonds Darstellende Künste.

Entstehungsprozess von "Der Ball - 5 Befreiungen und 50 Neuanfänge"

Das Publikum wird von einer grünen Fee begrüßt und an fünf Festtafeln platziert, die mit Kerzenleuchtern und großen, mit Gurken und Zitronen gespickten Sprudelwasserkaraffen ausgestattet sind. Außerdem hat jeder Gast schon ein Ticket für den "Ball der Neuanfänge" erhalten. Da stehen Ice-Breaker-Fragen drauf wie: "Wann hast du das letzte Mal ein Kompliment bekommen und vom wem?", die man am besten gleich mit den Sitznachbar*innen diskutieren soll. Schon beim ersten Eindruck wird klar, mit wie viel Liebe für jedes noch so kleine Detail und innovative Ideen diese besondere Inszenierung arbeitet, die von einem besonderen Kollektiv stammt.

Spannende Arbeitsprozesse

Für alle Beteiligten ist es ein spannender Prozess, wie Schauspieler Dennis Seidel und Dramaturg und Musiker Christoph Grothaus im Hintergrund-Interview verraten. Die Idee: nicht nur auf der Bühne zu stehen und das zu machen, was ein Regisseur sagt, sondern selbst in allen möglichen Einzelbereichen mitzuwirken und diese so kennenzulernen - und das auch noch komplett demokratisch. Jeder und jede konnte sich dabei zwei Arbeitsbereiche aussuchen, zum Beispiel "Orga" und "Technik" oder eben "Dramaturgie" und "Ausstattung" - in Deutschland wohl ein einzigartiges Projekt mit Vorbildfunktion, doch wie Christoph Grothaus betont, kann das erst der Anfang sein: "Wenn man sich die gesamte Kunst- und Kulturlandschaft anschaut, dann ist der Teil von Menschen mit Behinderungen wahnsinnig gering, die auf der Bühne stehen - und erst Recht beim Mitwirken an künstlerischen Entscheidungen. Wenn, werden sie als reine Protagonisten, die man auf der Bühne hin- und herschiebt, wie wir gerne sagen, benutzt." Einzelne Mitglieder von MDUH sind mittlerweile auch auch schon extern für Fernseh- und Bühnenproduktionen tätig. So hat Dennis Seidel jüngst an einem Stück für die Münchner Kammerspiele mitgeschrieben. "Das Interesse an solchen Prozessen entsteht gerade in der Kunst- und Kulturwelt - ist aber noch relativ neu", berichtet Grothaus.

Meerjungfrauen, Eisprinzessinen und Haribo-Himbeeren

Das Problem an diesem Abend: Die Gastgeber fehlen, denn sie sind in fünf ganz unterschiedlichen Fantasiewelten eingesperrt. Das Publikum bekommt die Schauspieler*innen also erst einmal nur per Projektion auf großen Leinwänden zu sehen. Die Action geschieht aber direkt nebenan vor dem Greenscreen. Ein absolutes Highlight ist die aufwendige Animation, mit der die Inszenierung arbeitet, die die unterschiedlichen Welten zum Leben erweckt und etwas von einem Videospiel aus den 1990er-Jahren hat. Da treffen wir auf die Eisprinzessin Elsa, eine Meerjungfrau und einen Meermann, die in der Grotte der Sorgen festgehalten werden und nur befreit werden können, indem das Publikum von seinen Sorgen berichtet. Gelingt die Befreiung, wird den Gästen am Tisch Popcorn mit Haribo-Himbeeren serviert. In einer anderen Welt erleben wir eine moderne Märcheninterpretation mit einem Kerker, aus dem die Darstellerinnen nur entkommen, wenn das Publikum genügend aufrichtige Komplimente verteilt. Die Inszenierung lebt von den vielen bunten, poppigen Charakteren, liebevoll ausgestalteten Welten und wirklich sehr zahlreichen experimentellen Ideen.

Ball und Party mit Meermann-DJ

Der Abend gipfelt in einem riesengroßen Ball, auf dem nicht nur alle einen Neuanfang wagen dürfen, sondern der schnell in eine Tanzparty ausartet, an der alle Menschen aus dem Publikum (mit und ohne sogenannten Behinderungen) begeistert teilnehmen. Erst noch zurückhaltend und zögerlich, dann holt jedoch der Meermann-DJ mit Klassikern wie "Don't Stop Me Now" oder Scooter nach und nach alle mit ins Boot. Auch wenn die Inszenierung hier etwas an Struktur verliert, gab es wirklich schon deutlich schlechtere Stimmung im Theater. Bravo!

Dennis Seidel gefällt besonders, dass er seine eigenen Ideen und Anregungen mit einbringen konnte. Und er findet, das Ergebnis ist "echt lustig" geworden. Christoph Grothaus findet spannend, wie aus so vielen unterschiedlichen Ideen am Ende ein Stück mit einer stringenten Handlung entstanden ist. Und das ist dem "frisch gebackenen" Kollektiv wirklich gut gelungen!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.05.2022 | 08:15 Uhr

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