Ulrich Matthes © Ulrich Matthes, privat

Hamburg: Theaterfestival mit "Die glorreichen Sieben" gestartet

Stand: 11.10.2021 15:46 Uhr

Zum 13. Mal bringt das Hamburger Theaterfestival bis zum 18. Oktober die ganz großen Bühnennamen in die Stadt. Am Sonntagabend war Eröffnung mit einem Staraufgebot in der großen Halle K6 der Kulturfabrik Kampnagel.

von Peter Helling

"Die Glorreichen Sieben", frei nach dem berühmten Western, stand auf dem Programm. Doch gleich zu Beginn gab es eine schlechte Nachricht: "Tobias Moretti hat uns gestern zu unserem ganz großen Bedauern absagen müssen", verkündete Festivalleiter Nikolaus Besch. Da waren es nur noch sechs.

Leider lauter Soloauftritte

Leider, leider legte dieses halbe Dutzend, erschöpfend bekannt aus Kino, Fernsehen und Theater, lauter Solo-Auftritte hin. Dabei hatten sie erstaunlich wenig gegen Ungerechtigkeit zu sagen - etwa, dass Corona vielen freien Schauspielkarrieren ein Ende setzt. Das hätte nahegelegen. Stattdessen - zugegebenermaßen - großartiges Gestammel wie von Dagmar Manzel, die man nur als rot geschminkter Mund in einer riesigen schwarzen Box sieht. Um gleich vorweg zu sagen: "Die glorreichen Sechs" sind glorreiche Schauspieler und Schauspielerinnen, keine Frage.

Caroline Peters © Rafaela Pröll Foto: Rafaela Pröll
Schauspielerin Carline Peters präsentierte eine Lesung.

Fritzi Haberlandt verzaubert als "Kunstseidenes Mädchen". Sie ist zerbrechlich und gleichzeitig wild, voller Leben: der stärkste Auftritt des Abends, der sich ansonsten mühsam aufbaute. Das Stück, oder besser der Abend, ist vor allem ein Who is Who: ein glänzendes Menükärtchen mit einer Lesung von Caroline Peters oder anarchisch, halb autobiografisch, gaga mit Fabian Hinrichs im goldenen Ganzkörperanzug wie ein großes Kind.

Die sechs haben für diese Theatergala in ihrem Bücherschrank gekramt, in ihren aktuellen Inszenierungen und haben dieses etwas gefällige Programm zusammengeklöppelt - eingerichtet vom Regisseur Jan Bosse, auch so ein Name. Großartig war Carolina Bigge, die Schlagzeug und Gitarre spielte.

Namen, Namen, Namen - aber das Publikum war angetan

Das Publikum war angetan. Trotzdem bleibt der etwas schale Eindruck: Hier feiert sich ein Festivalpublikum selbst, indem es nicht etwa streitbares Theater zulässt, sondern Namen, Namen, Namen. Und ja, es hätte mehr Banditentum, mehr Wildheit gebraucht: Theater eben, nicht nur ein Kessel Buntes. Und wieso sieht man die sechs außer beim Applaus niemals zusammen auf der Bühne? Es hätte was werden können. Punk, Rebellion, vielleicht Kunst. Die große Constanze Becker singt, gebärdet sich als Medea, was doch - aus der Sektlaune der Pause heraus - ganz schön krampfig wirkt.

Immerhin, am Schluss reißt es Ulrich Matthes heraus mit "Schischyphusch". Er verbeugt sich mit dieser Lesung vor Wolfgang Borchert, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre. Und er macht es so plastisch und einleuchtend, dass man einen Bildersturm im Kopf bekommt. Einer der "glorreichen Sechs" kommt damit ans Ziel.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.10.2021 | 19:00 Uhr