Hans Uwe Seib, Gisela Seib, Intendantin Isabella Vértes-Schütter und Hildegard Harms in Garderobe 6 des Ernst Deutsch Theaters. © NDR Foto: Peter Helling

70 Jahre Ernst Deutsch Theater: Gespräch mit treuen Fans

Sendedatum: 12.10.2021 19:00 Uhr

Das Ernst Deutsch Theater in Hamburg feiert 70. Geburtstag. Wir haben Intendatin Isabella Vértes-Schütter und drei Abonnenten des Hauses an einem ganz besonderen Ort getroffen: in der Garderobe 6 hinter der Bühne.

von Peter Helling

Einige Spiegel, ein paar Stühle, manchmal dringt aus der sogenannten "Mithöre" die knisternde Stimme des Inspizienten. Isabella Vértes-Schütter ist nicht nur die Intendantin des Hauses, sie ist auch Schauspielerin. Dieser Ort bedeutet ihr viel: "Garderobe ist immer ein Zuhause. Der Ort, an dem man sich für die Vorstellung vorbereitet. Viele - ich gehöre auch dazu -, richten sich da wirklich häuslich ein."

Ein intimer Ort also, wohin man als Normal-Sterblicher selten kommt. Neben der Hausherrin sitzen drei Abonnenten: Hildegard Harms ist 83 Jahre alt und seit 15 Jahren Abonnentin. Gisela Seib ist 73 Jahre alt und mit ihrem 82 Jahre alten Mann Uwe schon seit 1974 Abonnentin am Ernst Deutsch Theater.

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Für alle drei ist das Ernst Deutsch Theater ein echtes Zuhause. "Für mich ist auch das Besondere, dass wir Freunde treffen", erzählt Hildegard Harms. "Wir sitzen um 18 Uhr im Theater, warten auf die anderen, dann wird lange gequatscht, ausgetauscht, was gibt's Neues, gegessen und getrunken, auf die Uhr geguckt: Oh, wat Tid, nu geit dat los, nu müssen wer langsam runner."

Stücke über den Zweiten Weltkrieg haben viel bewegt

Hildegard Harms hat hier Stücke erlebt, die ihr die Augen geöffnet haben, zum Beispiel über den Krieg. Stücke wie "Das Boot", "Die Frau, die singt", vor allem aber: "Der Nürnberger Prozess". Sie sei immer noch von dem Stück begeisterst, sagt sie und habe so auch viel zum Zweiten Weltkrieg aufarbeiten können.

Inzwischen kommen auch ihre Kinder gerne hierher, sagt sie: "Irgendwann bekam mein Sohn Interesse daran und dann kam mein Enkel mit: 'Oma, weißt du, ich glaube, ich möchte auch ein Abo', und dann war nicht nur mein Enkel dabei, sondern brachte auch seine Freundin mit und deswegen ist das mein Zuhause geworden."

Für Nachwuchs scheint am Ernst Deutsch Theater gesorgt, die Intendantin freut sich, dass ihr Haus ein Treffpunkt für alle ist: "Es ist natürlich ein großes Glück, wenn das passiert, das höre ich supergerne!"

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Andenken an Friedrich Schütter und Ernst Deutsch lebending halten

1951 wurde das Haus als das Junge Theater von Friedrich Schütter gegründet, hatte viele Anschriften, bevor es 1964 ins damals größte Kino Hamburgs zog, an seinen heutigen Spielort, an die Mundsburg. Ein Haus mit Haltung, das steckt in seiner DNA. "Wir haben immer den Anspruch, gesellschaftlich relevante Themen auf die Bühne zu bringen, auch Tabuthemen", sagt die Intendantin. "Der Motor von Friedrich Schütters Theaterarbeit war ja, mit den Mitteln des Theaters dafür einzutreten, dass das, was im Nationalsozialismus geschehen ist, nicht mehr geschehen kann."

Auch Namensgeber Ernst Deutsch war ein Verfolgter des Nazi-Regimes, sein "Nathan" auf dieser Bühne ist bis heute Legende. "Diesen Namen auch im Bewusstsein der Menschen lebendig zu halten, das ist natürlich auch eine Aufgabe, denn wir bekommen auch Briefe an das 'ernste Deutsche Theater'", berichtet Isabella Vértes-Schütter.

Isabella Vértes-Schütter ist dankbar für die Treue

Das Ernst Deutsch Theater kann aber nicht nur "ernst", sondern lustig, schräg, klassisch, für Alt und Jung. Ein Grund zum Feiern. Isabella Vértes-Schütter strahlt übers ganze Gesicht und sagt zu ihren Gästen: "Ich wünsche mir immer so großartige Abonnentinnen und Abonnenten wie ihr es seid, das ist einfach ein großes Geschenk!"

Und die wünschen dem Theater und seiner Intendantin natürlich auch alles Gute zum Geburtstag! Für Abonnentin Gisela Seib ist vor allem eines wichtig: "Ich wünsche dem Theater, dass es keine längere Pandemie mehr gibt, damit wir alle ohne Maske im Zuschauerraum sitzen können." Und Uwe Seib ergänzt: "Ich wünsche mir, dass sie mindestens 70 Jahre so weitermachen, Hauptsache, es läuft, es läuft,es läuft, es läuft, ich komme mit bleibender Begeisterung hierher."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 12.10.2021 | 19:00 Uhr