Sendedatum: 08.07.2013 14:20 Uhr  | Archiv

Skel wi ens daanse? - Wollen wir tanzen?

In unserer Sommerserie "Norddeutsche Familienromane" stellen wir sechs Autoren von Familienromanen vor.

Teil 1: "Omas Erdbeerparadies" von Janne Mommsen.

Eine ganze Reihe hat der Autor Janne Mommsen der Familie von Oma Imke gewidmet. Alle Romane spielen auf der schleswig-holsteinischen Wattenmeer-Insel Föhr. Der jüngste Band aus dieser Serie ist jetzt erschienen. Er heißt "Omas Erdbeer-Paradies".

Föhr - Blick nach Sylt © NDR Foto: AD
Wer auf einer Nordseeinsel lebt, ist den Gezeiten ausgesetzt - und den Menschen in seiner direkten Umgebung. <br>Aber das kann auch ein Vorteil sein.

"Seit über 100 Jahren hatte es niemanden auf der Insel Föhr gegeben, der nicht wenigstens einmal im Erdbeerparadies getanzt hatte. 1898 war es als Ausflugslokal gegründet worden, umgeben von einem parkartigen Obstgarten mit einem Affen und Meerschweinchen für die Kinder. Der Name rührte von einem riesigen Erdbeerfeld hinter dem Haus her, wo die Früchte frisch gepflückt mit Sahne von glücklichen Föhrer Kühen veredelt - plus einem kräftigen Schuss Punsch - den Gästen dargereicht wurden. Und seit Anfang der Sechziger war das Paradies eine Disco."

Die Föhrer Kult-Disco gibt es tatsächlich. Für seinen Roman hat Janne Mommsen alias Volkmar Nebe dort auch recherchiert und das Erdbeerparadies bis auf die skurrile Inneneinrichtung mit alter Nähmaschine und Wäschemangel genau beschrieben. Die Charaktere jedoch sind erfunden. Und der Autor passt gut auf, dass es zu keinen Missverständnissen kommt: "Wenn ich einen Bürgermeister durch den Kakao ziehe. Und ihn negativ beschreibe, mich lustig mache über ihn. Dann muss ich natürlich hinterher recherchieren: Wer ist denn der wirkliche Bürgermeister? Sieht er vielleicht genauso aus? Ist er vielleicht genauso? Und muss dann gegebenenfalls Dinge ändern."

Eine friesische Familie hält zusammen

Im Roman hat der gealterte Surf-Lehrer Arne das Erdbeerparadies gekauft. Mit der Disco will er sich etwas Solides aufbauen. Nur leider läuft der Laden nicht so wie gedacht. Susanne, die Betreiberin der erfolgreichen Disco am Hafen, ist eine zu mächtige Konkurrenz.

Erst als sich überraschend Jade bei Arne einquartiert, wendet sich das Blatt im Kampf der Insel-Diskotheken. Mit ihrem jugendlichen Elan und etwas Business-Erfahrung aus einer Banklehre mischt seine halb-thailändische Nichte aus Frankfurt das Erdbeerparadies ordentlich auf. Oma Imke unterstützt sie dabei, so gut sie kann. Seit ihrem Schlaganfall ist Arnes Mutter an den Rollstuhl gefesselt und kann nicht mehr sprechen. Ihre Vorliebe für knackebraune Haut und grelle Kleidung hat sie sich jedoch erhalten.

"Oma Imke ist eine sehr unkonventionelle Oma, die sich die Freiheit nimmt, im Alter das zu tun, wozu sie Lust hat. Sie nimmt da auch auf nichts Rücksicht und fühlt sich auch sehr frei, alles das zu tun, was sie gerne möchte", beschreibt Janne Mommsen seine Heldin.

Mit ihrer frischen Art hält Oma Imke als stille Hauptfigur die weit verzweigte Familie Riewerts zusammen; wie in den früheren Romanen, in denen sie agil und auch nicht auf den Mund gefallen ist. Die Geschichten und Konflikte dieser Familie erzählt Janne Mommsen liebevoll, amüsant und anekdotenreich - "Omas Erdbeerparadies" ist voll sympathischer Szenen. Wenn es etwa zu einer Ü-40-Demo kommt, weil Arnes alten Freunden das Erdbeerparadies zu jugendlich geworden ist. Oder wenn Arne mit seiner Erzrivalin Susanne in deren Sportboot trocken fällt und sie zur Musik der Beegees tanzen, um nicht frieren zu müssen.

Ein Roman, wie ein Sommertag auf Föhr

Wie ein Sommertag auf der Insel Föhr ist dieser Familienroman. Gelegentlich weht eine steife Brise. Aber natürlich ist darauf Verlass: Früher oder später legt sich das Unwetter wieder. Und dann sieht alles ganz harmonisch aus. Wie der Ausblick von der Deichkrone, wenn Arne Oma Imke im Rollstuhl spazieren fährt:

"Die sattgrüne Marsch, das sandfarbene Watt und das tiefblaue Wasser. Die Nordsee breitete sich vor ihnen aus wie ein großer silbrig-blauer Teich. Unter der Sonne flimmerten Millionen Lichtpunkte auf der Wasseroberfläche. Jetzt hielt sie ihren Schreibblock hoch und zeigte einen breit lächelnden Smiley. Arne nickte und setzte mit ihrem Stift ein Ausrufezeichen dahinter."

In Nordfriesland verliebt

Volkmar Nebe sieht sich als Grenzgänger zwischen unterschiedlichen künstlerischen Formen. Er studierte Musik, arbeitete an verschiedenen Theatern und als Barschiffpianist, aber auch als Stahlarbeiter und LKW-Fahrer. Über Kurzhörspiele kam er zum Schreiben von Drehbüchern, Theaterstücken und Romanen, die er unter seinem Namen und dem Pseudonym "Janne Mommsen" veröffentlicht.

Mit dem Norden verbindet ihn nicht nur seine Geburtsstadt Kiel. Heute wohnt er mit seiner Familie in Hamburg. Er ist aber auch oft auf Föhr, wo die Familie seiner Frau seit Jahrhunderten lebt.

Drei Fragen an den Autor

 

Warum eignet sich die Insel Föhr für einen Familienroman?

Es ist eine Insel und anders als auf dem Festland, kann man vor seiner Familie, wenn man dort lebt, nicht fliehen. Das heißt, man ist auf Gedeih und Verderb den Menschen ausgeliefert und auch aufeinander angewiesen. Und das macht es natürlich besonders reizvoll, dass sich die Figuren nie aus dem Weg gehen können und die Konflikte wirklich ausgetragen werden müssen. Das ist natürlich in Wirklichkeit manchmal sehr unangenehm, aber für mich als Autor wunderbar.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.07.2013 | 14:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/familienromane101.html

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