Stand: 14.01.2019 11:21 Uhr

NDR Buch des Monats: "Stella" von Takis Würger

Stella
von Takis Würger
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Gerade erinnert die erneute Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" nach 40 Jahren daran, dass es lange als absolutes Tabu für Schriftsteller galt, über die Judenverfolgung im Dritten Reich zu schreiben. Der Gedanke an das Leid, das in diesem Land der eine Nachbar über den anderen brachte, war zu unerträglich, als es hätte fiktionalisiert werden dürfen.

Takis Würger. © NDR/Kulturjournal

Die Geschichte einer jüdischen Kollaborateurin

Kulturjournal -

Im Zweiten Weltkrieg hat sie Hunderte Juden an die Nazis verraten. Aus der wahren Geschichte einer jüdischen Frau hat der Autor Takis Würger einen fiktiven Liebesroman gemacht: "Stella".

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Takis Würger, ein 1985 in Hohenhameln bei Hannover geborener Journalist und Schriftsteller, hat jetzt historische Dokumente über eine reale Person mit einer fiktiven Geschichte verquickt, um sich selbst und seine Leser der Unerträglichkeit jener fernen Realität des Holocaust mit aller Wucht auszusetzen. Sein Roman "Stella" ist unser NDR Buch des Monats.

Flucht vor der lieblosen Mutter nach Berlin

Die Geschichte wird von einem Schweizer namens Friedrich erzählt. Sie beginnt mit der Kindheit des 1922 am Genfer See geborenen Protagonisten. Der Vater ist viel im Ausland unterwegs, die Mutter möchte, dass ihr Sohn Kunstmaler wird. Als er durch einen brutalen Schlag ins Gesicht seine Fähigkeit verliert, Farben zu sehen, entzieht sie ihm fortan ihre Liebe. Die Verletzung hat er sich durch seine unbedarfte Ehrlichkeit zugezogen.

"Wir waren vielleicht ein Dutzend Jungen und warfen vom Kirchplatz aus mit Schneebällen nach dem metallenen Hahn auf dem Turm. (...) Ein Schneeball traf den Mann an der Schläfe, ich glaubte es war meiner. (...) 'Wer hat den auf mich gemünzt?', fragte er leise und betrachtete uns. (...) Ich machte einen Schritt. 'Ich.' Die Spitze des Ambosshorns durchdrang meine rechte Wange am Kiefergelenk und öffnete mein Gesicht bis zum Mundwinkel." Leseprobe

Friedrich wird das Opfer blinder Wut und verblendeter Erwartungen. Als 20-Jähriger begibt er sich in die Höhle des Löwen: Er zieht nach Berlin, um den Gerüchten auf den Grund zu gehen, dort würden Juden in Möbelwagen abgeholt.

Am Morgen vorgelesen
NDR Kultur

Lesung: "Stella" von Takis Würger

NDR Kultur

Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober lesen den neuen Roman von Takis Würger. mehr

In der Zeichenschule, die seine Mutter als "verjudet" ablehnt und die er vielleicht gerade deswegen besucht, lernt er das Aktmodell Kristin kennen. Friedrich ist hingerissen.

Der Beginn einer Liebesgeschichte

"Kristin schaute mich von unten an. Ich betrachtete meine Schuhe. Ich deutete einen Handkuss an und sagte: 'Verzeihen Sie, dass ich mich nicht vorgestellt habe. Grüezi, Mademoiselle.' Sie lächelte und knickste. 'Na guck mal an, ein Schweizer. Grüezi.' Ein bisschen fühlte ich mich stolz, als ich nickte. 'Mit richtigem Schweizer Pass?' Das hatte mich noch nie jemand gefragt. Ich nickte nochmal. Kristins Gesicht veränderte sich, etwas in ihren Augen, vielleicht die Weite der Pupillen." Leseprobe

Die Liebesgeschichte entspinnt sich anfangs mit derselben Leichtigkeit, die man aus dem Film "Cabaret" in Erinnerung hat. Inmitten einer feindlichen trostlosen Welt feiern zwei junge Menschen ausgelassen und freuen sich am Übertreten lächerlicher Verbote. Doch schon früh setzt der Autor kursiv gesetzte Passagen dazwischen, die offensichtlich Gerichtsprotokolle sind.

"Zeuge: Gerhard Schiller
Georg Schiller suchte die Kartenstelle in Grunewald auf. Vor der Tür der Kartenstelle stand die Angeschuldigte, welche ihm erklärte: 'Es ist alles in Ordnung. Sie müssen nur in einem Nebenzimmer auf die Karten warten, sie werden erst beschafft.' Schiller wurde auf Veranlassung der Angeschuldigten jedoch mit anderen Juden festgenommen, in das Lager Große Hamburger Straße eingeliefert und später in Auschwitz umgebracht. Blatt 40, 165"
   Leseprobe

Stella Goldschlag gab es wirklich

Der Autor Takis Würger. © Sven Döring Foto: Sven Döring

Interview

Der "Spiegel"-Journalist Takis Würger erzählt im Interview, wie er auf die Geschichte der Jüdin Stella Goldschlag gekommen ist, die 1942 in Berlin untergetauchte Juden an die Nazis verraten hat.

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Stella Goldschlag, die sich als Kristin vorgestellt hat, wurde 1922 als Tochter eines Komponisten und einer Sängerin in Berlin geboren. Als ihre Eltern verhaftet wurden und die Gestapo sie folterte, erklärte sie sich bereit, untergetauchte Juden zu bespitzeln und ans Messer zu liefern. Nach dem Krieg wurde sie dafür von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Takis Würger wirft in seinem rasanten 200-Seiten-Text die entscheidende Frage auf, ob eine junge Frau, die sich in einem verheerend unmenschlichen System nur so zu helfen weiß, nicht eigentlich von aller Schuld freigesprochen werden muss. Er fragt auch, welche Bedingungen denn herrschen müssen, damit aus einem friedlichen, gutmütigen Menschen ein gefühlskalter, rachsüchtiger Verbrecher wird. Der Schritt dahin scheint so groß nicht zu sein.

Lesungen

Takis Würger besucht im Rahmen seiner Lesereise auch Buchhandlungen in Norddeutschland. Hier finden Sie eine Übersicht.

Es ist immer wieder erstaunlich, welche feinen Facetten der Gemeinheit, die der Nationalsozialismus hervorgebracht hat, erst von den lange Nachgeborenen deutlich herausgearbeitet werden.

Weitere Informationen

Debatte um "Stella" von Takis Würger entbrannt

"Stella", der neue Roman des "Spiegel"-Reporters Takis Würger, könnte Anlass für eine neue Literaturdebatte sein. Warum, erklärt NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch. mehr

Stella

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25993-5
Preis:
22,00 €

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