Stand: 15.10.2020 13:18 Uhr

Hamburger Autorin Katrin Seddig erhält Hubert-Fichte-Preis

Katrin Seddigs Roman "Sicherheitszone" war das NDR Buch des Monats August. Darin beleuchtet sie die Ereignisse um den G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017, die Auswirkungen bis in das Leben der Hamburger Familie Koschmieder haben.

Katrin Seddig
Katrin Seddig lebt und arbeitet in Hamburg.

Familie, Freundschaft und die Zerbrechlichkeit des Glücks sind Themen über die Sedding in ihren Romanen wie "Runterkommen" (2010), "Eheroman" (2012), "Eine Nacht und alles" (2015) oder "Das Dorf" (2017) immer wieder schreibt. Für ihr literarisches Werk wird sie nun mit dem Hubert-Fichte-Preis 2020 ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 8. März 2021 im Literaturhaus Hamburg statt. Der vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg 1995 gestiftete Hubert-Fichte-Literaturpreis ist mit 7.500 Euro dotiert. Er wird alle vier Jahre im Gedenken an den Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte verliehen.

G20 aus der Sicht einer Familie

"Sicherheitszone" spielt im Sommer 2017, als der G20-Gipfel in Hamburg bundesweit für Schlagzeilen sorgte und das Leben in der Stadt aus den Fugen geriet.

Demonstrierende werden von der Polizei beobachtet. © NDR Foto: Werner Pfeifer
Katrin Seddig hat einen Familienroman geschrieben, der aus unterschiedlichen Perspektiven auf den G20-Gipfel in Hamburg blickt.

Sie sei zur Zeit des G20-Gipfels jeden Tag auf der Straße gewesen, erzählt Katrin Seddig. "Ich dachte, jetzt passiert wirklich was in meinem Leben, und ich wollte einfach sehen, was da passiert." Doch Katrin Seddig wollte nicht nur Zeugin sein, sondern auch berichten können, später. In ihrem Roman hat sie dafür eine gute Form gefunden, denn durch die Augen der vierköpfigen, im beschaulichen Hamburg-Marienthal lebenden Familie Koschmieder kann sie aus denkbar verschiedenen Perspektiven auf den G20-Gipfel blicken.

Die 17-jährige Imke engagiert sich bei "Jugend gegen G20", ihr älterer Bruder Alexander ist Polizist und hat Sorge, bei dem Einsatz plötzlich der Schwester gegenüber zu stehen, er tut seine Pflicht. Die Eltern ringen um eine klare Haltung. Natascha schaut vom Balkon aus zu, nimmt aber an einer Kunstaktion teil, Thomas gerät auf der Suche nach der Tochter mitten hinein in eine Demonstration und wird im Tumult von einem Polizisten mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt.

Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens. Die Beine knicken ihm ein, er findet auf dem nassen Boden Halt. Leseprobe

Thomas versteht die Welt nicht mehr. Schon vorher war ihm sein Leben entglitten: Nach Jahren des unbeteiligten Nebeneinanders zieht er aus dem Familienhaus in die kleine Gästewohnung über der Garage, verliebt sich in eine jüngere Frau und wird eifersüchtig, als auch Natascha sich neu zu verbinden sucht.

VIDEO: "Sicherheitszone": Roman über G20-Gipfel (6 Min)

Der Gipfel als Wende- und Kristallisationspunkt

Katrin Seddigs Roman ist weit mehr als eine Auseinandersetzung mit G20. G20 ist der Wende- und Kristallisationspunkt, an dem die Koschmieders plötzlich mit für sie existenziellen Fragen konfrontiert werden: Wer sind sie, wofür stehen sie, wie wollen sie leben, in welcher Gesellschaft? Und: Können sie noch miteinander leben? "Ich war lange danach sehr damit beschäftigt", erzählt Katrin Seddig. "Bis heute, und ich glaube, dass das vielen Hamburgern und Hamburgerinnen so ging und auch immer noch so geht. Das war schon auch so ein kleiner Schock für viele Leute."

Hoch aktueller Gesellschaftsroman

"Sicherheitszone" ist ein komplexer, fein verzweigter, hoch aktueller Gesellschaftsroman, der Strukturen und Befindlichkeiten genau unter die Lupe nimmt, der auch die Historie nicht ausblendet. Thomas' Mutter Helga kam als Flüchtling aus Ostpreußen nach Hamburg, die Erinnerungen werden ihr zunehmend zur Gegenwart. Wie Katrin Seddig ihre Charaktere beschreibt, ist teilweise herzzerreißend, keiner bleibt fremd. Nicht die rebellische Imke, nicht der zart besaitete Alexander. Besonders eindringlich gelingt die garstige, verwundbare Helga:

Sie muss die Pillen nehmen. Einmal bleibt sie stehen und fragt sich, wo ihr Haus ist. Sie muss sich konzentrieren. Sie darf sich nicht so ihren Erinnerungen hingeben. Aber das meiste in ihr ist jetzt Erinnerung. Leseprobe

Welche Erinnerungen werden vom G20-Gipfel bleiben und wird sich etwas ändern? Auch diese Frage stellt Katrin Seddig - indirekt.

Die Frage nach der Gewalt

Sie habe ihren Roman ursprünglich "Eine deutsche Familie" nennen wollen, sagt sie, ein passender, wenngleich nicht so zupackender Titel wie "Sicherheitszone". Denn im Zentrum steht die Frage nach der Gewalt. Nicht nur Thomas wird bei der Demonstration willkürlich mit Pfefferspray attackiert, ein Kollege von Alexander schlägt ebenso willkürlich einen Jungen nieder, Konsequenzen: keine. Katrin Seddig sieht da durchaus ein strukturelles Problem: "Es muss die Möglichkeit einer Kontrolle geben, und vor allem darf die Polizei sich nicht über das Recht hinwegsetzen, weil sie meint, Kraft ihrer Funktion, das Recht zu verkörpern.

Wie Katrin Seddig diesen Stoff verarbeitet, wie sie ihn sinnlich erfahrbar macht, ihn uns nahe bringt, ohne sich auf eine Seite zu schlagen, ist bemerkenswert. Von "Sicherheitszone" wird in diesem Herbst sicherlich noch zu hören sein.

Eine Buchrezension von Katja Weise

Sicherheitszone

von Katrin Seddig
Seitenzahl:
464 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt Berlin
Bestellnummer:
978-3-7371-0096-0
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 17.08.2020 | 12:40 Uhr

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