Stand: 06.09.2018 15:41 Uhr

NDR Buch des Monats: "Erfolgsroman"

Erfolgsroman
von Gerhard Henschel
Vorgestellt von Joachim Dicks

So langsam groovt sich Gerhard Henschel ein in einen jährlichen Publikationsrhythmus seiner Martin-Schlosser-Chronik. In diesen Tagen erscheint der achte Teil seines autobiografischen Mammutprojekts. Als er 2013 mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet wurde, attestierte ihm die Jury, wie eindrucksvoll er ein "facettenreiches Bild unserer Gesellschaft im Auf- und Umbruch" zu schildern vermöge, zugleich zum Nachdenken anregend, amüsant und fesselnd. "Erfolgsroman" - das NDR Buch des Monats September.

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"Erfolgsroman" von Gerhard Henschel erscheint wie alle Martin-Schlosser-Romane bei Hoffmann und Campe.

Längst ist Gerhard Henschel selbst eine Art "Mr. Tambourine Man" - seit Jahrzehnten liefert Bob Dylan den Soundtrack zu seinem Werk. So auch jetzt wieder in seinem "Erfolgsroman": Er setzt ein im Jahr 1990 und reicht bis zum 28. April 1992, dem Tag seines 30. Geburtstags, an dem er es - das sei schon mal verraten - so richtig krachen lässt.

Gerhard Henschel

"Erfolgsroman" von Gerhard Henschel

Bücherjournal -

"Erfolgsroman" ist Anfang der 1990er-Jahre angesiedelt. Persönliche Empfindungen von Autor Gerhard Henschel mischen sich mit tatsächlichen Ereignissen aus Kultur und Politik.

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Politische und gesellschaftliche Vorgänge

Sein literarisches Alter Ego Martin Schlosser lebt anfangs noch in Heidmühle im Jeverland. Von dort kümmert er sich liebevoll um seine Oma in Jever, pflichtbewusst um seinen griesgrämigen, ewig an ihm herumnörgelnden Vater in Meppen, erfreut sich an einer ganz ordentlichen Auftragslage für das Hamburger Satiremagazin "Kowalski", liest weiterhin Karl Kraus, Eckhard Henscheid, Wilhelm Busch und Walter Kempowski, kommentiert die Weltmeisterschaft in Italien, die Versprich-Blühende-Landschaften-Politik Helmut Kohls, den Irakkrieg und seinen oftmals arg strapazierten Kontostand. Gerhard Henschel sagt: "Ich baue natürlich ein Romangerüst, bevor ich mich an die Reinschrift mache. Und darin sind dann die wichtigeren politischen Ereignisse schon enthalten. Nicht nur politische, auch gesellschaftliche - etwa das Thema Aids, welche Filme im Kino kamen, welche Bücher neu herauskamen oder was ich selbst damals gelesen habe und dergleichen. Und an dem Gerüst hangele ich mich dann entlang."

Schlosser wird zum Schwerenöter

Es ist ein feinmaschiges Gerüst. Natürlich sollte der Leser nicht so naiv sein, jedes einzelne Wort für bare Münze zu nehmen. Henschel ist nicht nur Chronist, sondern auch Satiriker, Eulenspiegel und Narr, ein Spötter und Hallodri, der vor keiner Zote zurückschreckt, wenn sie ihn selbst zum Lachen bringt. "Erfolgsroman" heißt dieser achte Teil der Martin-Schlosser-Chronik - nicht nur, weil aus den roten Kontozahlen immer öfter schwarze werden, sondern auch, weil sich im sozialen Netz des Protagonisten immer mehr Menschen verfangen, die ihm literarisch und künstlerisch wichtig sind: Wiglaf Droste, Max Goldt, Eugen Egner, Michael Rutschky und Klaus Bittermann. Im "Erfolgsroman" wird Schlosser auch zu einem grandiosen Don Juan und Schwerenöter. Seine Verführungskunst ist sprachlicher Natur:

Einem kleinen, für "Kowalski" verfassten Preisausschreiben, gab ich den Titel "Nomen est omen": Was haben der Sänger Peter Schreier, der Fußballspieler Uwe Bein, der Zuhälter Otto Schwanz, der Philosoph Helmut F. Spinner und der Journalist Joscha Schmierer gemeinsam? Als ersten und einzigen Preis für die richtige Antwort lobe ich eine von mir persönlich geleitete Führung durch die Verbandsgemeinde Vallendar aus.

Die Antwort kam prompt aus Süddeutschland:

Natürlich hab ich keinen blassen Schimmer, was die fünf alten Stiefel gemeinsam haben sollen, oder seh ich so aus? Aber einem Mann, der so prachtvolle Worte wie "Saddam Hustensaft" in die Welt setzt, gehört trotzdem mein ganzes Herz. Auf ewig! Kathrin, 20 Jahre.

Kathrin heißt Passig mit Nachnamen, und es ist die Kathrin Passig, die später den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen und mit Gerhard Henschel Bob-Dylan-Texte übersetzen wird. Aber das konnten sie damals noch nicht wissen. Jedenfalls entspinnt sich aus diesem Briefwechsel eine hinreißende Liebesgeschichte.

Wie eine Zeitmaschine

Es ist der besondere Reiz der Schlosser-Chronik, dass der Autor niemals die Zeitebenen vermischt. So ist jeder einzelne Band eine Zeitmaschine, durch die die Leser neben all dem Lesevergnügen auch in eigene Erinnerungen katapultiert werden. Aber irgendwann ist Schluss. Diesmal auf Seite 602. Die Geburtstagsparty in Berlin zum 30. Geburtstag neigt sich dem Ende entgegen. Kurze Trauer. Und dann Vorfreude auf den neunten Teil. Und ein tröstendes Wort vom Autor: "Ich schreibe schneller, als ich lebe. Ich brauche derzeit anderthalb Jahre, um zweieinhalb Jahre zu erzählen."

Erfolgsroman

von
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00377-2
Preis:
26 €

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