NDR Buch des Monats August: "Vaters Meer" von Deniz Utlu

Stand: 18.08.2023 07:35 Uhr

Wie Erinnerung möglich ist, wie sie unser Leben bereichert, wie unsere Fantasie Lücken schließt und wie schließlich aus all dem ein großartiger Roman entsteht, das zeigt uns der Hannoveraner Deniz Utlu mit "Vaters Meer".

Cover von "Vaters Meer" von Deniz Utlu © Suhrkamp
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von Joachim Dicks

Ich suche nach meinem Vater vor allem in mir selbst. Leseprobe

Dieser Satz aus der Mitte des Romans bringt auf den Punkt, was Deniz Utlu in seinem neuen Roman macht: Er lässt seinen Ich-Erzähler Yunus das Leben seines Vaters Zeki wie ein Puzzle zusammensetzen. Und wann immer Puzzle-Teile fehlen, darf die Fantasie diese Lücken schließen. Und Lücken gibt es viele, denn Yunus ist noch ein Kind, als sein Vater durch zwei kurz aufeinanderfolgende Schlaganfälle zum Pflegefall wird. Die Ärzte geben ihn auf. Aber Senem, Yunus Mutter, nicht:

Mutter sagte: Gib mir mal diesen Umschlag dort. Sie schrieb das türkische Alphabet in Großbuchstaben auf und hielt Vater das Buchstabenschild hin. Sie zeigte ihm den Stift, sagte: Verfolge ihn mit den Augen, wir gehen zusammen die Buchstaben durch. Meine Mutter stand in großer Erwartung vor seinem Bett, als er seinen ersten Buchstaben wählte, ein Ö. Der erste Satz, den er mit den Augen sprach: Öldüm sandim. Mutter atmete auf, sie hatte die Verbindung zu meinem Vater wiederhergestellt. Sein erster Satz lautete: Ich dachte, ich sei tot. Leseprobe

"Vaters Meer": Autobiografisch geprägter Roman

Alles, was dem Vater fortan noch bleibt, ist diese Augensprache - zehn Jahre bis zu seinem Tod. Es sind die Jahre, in denen Yunus seine Kindheit und Jugend in Hannover verbringt, erste Drogenerfahrungen macht, erste Küsse sammelt, davon träumt, Rockstar zu werden, dann doch lieber Dichter. Hannover bildet die Kulisse: Da ist das Musikfachgeschäft Bornemann in der Königstraße, wo Yunus' Vater dem Zehnjährigen seine erste Gitarre kauft (seit kurzem leider geschlossen); da ist das Stadionbad hinter dem Maschsee, wo Yunus schwimmen lernt, und der Bunker im "seelenlosen Niedersachsenring", in dem Yunus mit seiner ersten Band probt. Zwischen diesen stark autobiografisch geprägten Passagen kommen immer wieder die Erinnerungen an den Vater, an dessen Kindheit in der Türkei nahe der syrischen Grenze, an seine Studienzeit in Istanbul und schließlich sein Weggang nach Deutschland.

"Im Grunde genommen ist es auch für mich der Versuch einer Trauerarbeit gewesen", erzählt Deniz Utlu. "Und weil ich schreibend denke, schreibend fühle und das, was ich bin, in gewisser Weise schreibend und lesend geworden bin, war der ganz natürliche Zugang zu diesem Gefühl für mich, nicht nur eine Geschichte zu entwerfen, sondern auch eine Ausdrucksweise, eine Sprache, eine Metaphorik zu finden für das, was ich da erlebt habe, als mein eigener Vater starb."

Die magische Kraft der Literatur

"Vaters Meer" ist auch ein Buch über Einsamkeit. Denn immer läuft die Frage mit: Was heißt es, die Heimat zu verlassen und sich in der Fremde ein neues Leben aufzubauen? Aus welchen Motiven auch immer. Und es ist ein Buch über die magische Kraft der Literatur. Die Dichtung verbindet Vater und Sohn. Immer und immer wieder, auch über den Tod hinaus: "Der kleine Prinz", "Der Graf von Monte Christo", die Bücher von Dostojewski und Yaşar Kemal. Und dann ist "Vaters Meer" auch ein berührender Liebesroman - nicht nur zwischen Vater und Sohn.

"Die Mutter ist für mich die Heldin dieser Geschichte", sagt Deniz Utlu. "Sie ist nämlich diejenige, die in der Gegenwartsebene dieses Textes da ist. Zeki ist eine Fiktion in der Fiktion. Senem ist eine Person in der Fiktion. Senem ist die, die da ist, wenn der Vater seiner Fähigkeit, sich zu bewegen, beraubt ist und gleichzeitig großen Wert auf die Erziehung ihres Sohnes legt und immer wieder darunter leidet, dass sie dafür nicht die nötige Kraft und Zeit aufwenden kann, es aber doch irgendwie schafft."

Wie Erinnerung möglich ist, wie sie unser Leben bereichert, wie unsere Fantasie Lücken schließt und wie schließlich aus all dem ein großartiger Roman entsteht, das zeigt uns Deniz Utlu mit "Vaters Meer".

Das NDR Buch des Monats im Programm

Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 14. Juli 2023, 07.20 Uhr und 12.40 Uhr, NDR Info sendet um 10.55 Uhr.

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Vater Meer

von Deniz Utlu
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-43144-3
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.08.2023 | 07:40 Uhr

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Romane

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