Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre: "Alle sind so ernst geworden" © Dumont Verlag

Suter und Stuckrad-Barre: "Alle sind so ernst geworden"

Stand: 18.12.2020 16:29 Uhr

Die Liste der Prominenten, die das gemeinsame Buch von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre inzwischen in die Kamera gehalten haben, ist lang, sehr lang.

von Lenore Lötsch

Bjarne Mädel und Jan Hofer, Carolin Kebekus und Barbara Schöneberger, Axel Milberg und Matthias Brandt gehörten dazu und die Videos, die Benjamin von Stuckrad-Barre daraus täglich zusammen- und auf seine Instagram-Seite stellt, sind mittlerweile eine ganz eigene Marketingform.

Ein Buch wie ein Kneipenbesuch! Im letzten Monat dieses Jahres 2020 also die Erfüllung eines unrealistischen Traums! Die Kneipe ist zwar ein Edelhotel an der Ostsee, offiziell trinkt nur einer - Martin Suter. Im Hintergrund steht die Weltliteratur im Bücherregal - Max Frisch, Herman Melville, Mark Twain und nur in der zweiten Reihe, um sich über ihn lustig zu machen, auch Günter Grass, der Rest aber ist ein Kneipengespräch, bei dem man immer näher an den Tisch rückt, damit einem kein Wort entgeht. Man fürchtet, dass es zu schnell vorbei ist, dass den beiden wortgewaltigen Meistern der Schlagfertigkeit und Ironie irgendjemand ein Skatspiel in die Hand drückt.

Verbaler Schlagabtausch im Grand-Hotel

Aber Martin Suter stellt klar:
Martin Suter: Ich mag Spiele nicht.
Benjamin von  Stuckrad-Barre: Auch das mag ich an dir wahnsinnig gern. Stell dir nur vor, wir säßen hier jetzt im Knast eines sogenannten Spieleabends. Das ist ja wirklich immer das Ende von allem.
Bloß keine Spiele, nein.
Allerdings spielst du mit deinen Lesern virtuelles Poesiepingpong.
Ja, das ist wahr, Poesiepingpong. Das ist aber kein Spiel, das ist eigentlich eine Arbeit. Man dichtet.
Aber das Dichten ist doch, muss doch auch Spiel sein. Sonst ist es ja Kreuzworträtsel.
Aha.
Eine große These, der ich gerade selbst hinterherstaune.
Siehst du, ich weiß schon, warum ich lieber nicht schlagfertig bin. Also schriftlich schon. Schriftlich bin ich sehr schlagfertig. Leseprobe

Der 45-jährige Benjamin von Stuckrad-Barre - permanent überdreht, schonungslos mit sich und anderen, nervös - hat eine neue Vaterfigur für sich entdeckt. Die erste Begegnung mit dem 72-jährigen Martin Suter - Bestsellerautor, früherer Werbetexter, Haargel-Verschwender und einer, der mit der Langsamkeit eines Schweizers nicht nur kokettiert - fand in einem Strandkorb in Heiligendamm statt. Dass Suter eine Badehose in neonorange trug und von Stuckrad-Barre eine mit Palmen und Flamingos, klingt wie ein Sketch von Loriot, ist aber der vielleicht ausgedachte, in jedem Fall sehr amüsante Beginn dieses Gesprächsbandes, in dem es immer auch um Äußerlichkeiten geht.

Die beiden Schriftsteller harmonieren prächtig miteinander

Wenn das Hotel in Heiligendamm sich Werbung versprochen hat, dann kommt die eher nicht auf direktem Weg. Die 16 Gespräche wurden größtenteils dort aufgenommen. Wenn die beiden von oben, eine Etage über der Feierlichkeitswiese, auf Hochzeiten blicken, dann gibt es ganz neue Wörter zu entdecken: "Weichblendenmassaker" zum Beispiel. Sie reden über Glitzer, die Betonung von Ibiza und sie versuchen, Dialoge mit Siri zu führen.

Natürlich ist das alles wahnsinnig dekadent, natürlich überwiegt die Popkultur, natürlich ist das ein permanentes Sich-lustig-Machen über die eigene Gesellschaftsschicht, die Künstler, die Promis und die Journalisten. Aber wenn die beiden der Funktion von "Ähhm" in Gesprächen nachspüren, dann hat man das so eben noch nicht gelesen und auch noch nie darüber nachgedacht:

Dekadente Geistesblitze und Autobiografisches

Stuckrad-Barre: Atmet da der Text, oder schwankt da der Sinn? Wozu "äähm"? Man sucht?
Suter: Man überlegt. Und mein Verdacht ist: Man will diese Denkpause verstopfen, damit niemand reinspringt.
Es ist das Verfertigen des Gedankens beim Lallen.
Genau, es ist eine Ablenkung oder ein Ausdribbeln des Gegenübers, das ja auch was sagen möchte.   Leseprobe

Die beiden erzählen aber auch Autobiografisches und alle Küchenpsychologen haben reichlich Stoff, wenn Stuckrad-Barre die Tür zu dem protestantischen Pastorenhaushalt in Niedersachsen öffnet, aus dem er kommt. Suter ist der Zurückhaltendere in den Gesprächen und im Leben, so scheint es, etwa wenn er über seine Drogenerfahrungen spricht. Einen LSD-Trip hatte er nie, er hat ihn aber erstaunlich authentisch beschrieben in seinem Roman: "Die dunkle Seite des Mondes". 

Suter: "Ein paar Jahre, nachdem das Buch erschienen war, bekam ich einen Brief, und der war von Dr. Albert Hoffmann, dem Entdecker von LSD. Er habe das Buch gelesen, es habe ihm gut gefallen, und er sei beeindruckt von der Beschreibung dieses Psilocybin-Trips. Psilocybin ist der Wirkstoff, der sehr ähnlich ist dem Wirkstoff in LSD, den Albert Hoffmann ja synthetisiert hat." Leseprobe

Eine Unterhaltung ohne Antworten

Antworten liefern die Dialoge in diesem Gesprächsband nicht. Sie sind, und auch das empfindet man am Ende dieses Jahres 2020 als wohltuend, Trump- und AfD-frei, sie wollen die Abgründe in Politik und Gesellschaft nicht allzu tief ausleuchten. Zwei Männer unterhalten sich - und hüten sich davor, engagierte Künstler zu sein.

Stuckrad-Barre: "Sobald man die Haustür öffnet, oder auch nur die Mails, prasseln doch von allen Seiten lauter Ernsthaftigkeitsgebote auf einen ein. Also halte ich, solange es irgend geht, dagegen. Verteidigung der Unbeschwertheit, eine temporäre Realitätsverweigerung, bevor man ja doch in die Schuhe der Realität steigen muss, ins Geschirr all der Aufgaben und Anforderungen." Leseprobe

"Alle sind so ernst geworden" ist wie ein guter Kneipenbesuch. Man ist beschwipst von diesem Buch, ein bisschen schämt man sich aber auch, weil die Weltrettung so garantiert nicht gelingt.

Alle sind so ernst geworden

von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07154-2
Preis:
22,00 €

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