Stand: 29.12.2015 14:29 Uhr  | Archiv

Mark Twain: "Die Abenteuer des Huckleberry Finn"

In 25 Folgen der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Mark Twains "Die Abenteuer des Huckleberry Finn".

Von Hanjo Kesting

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Weltberühmt: Mark Twains Roman "Die Abenteuer des Huckleberry Finn".

Es war Ernest Hemingway, der das verblüffende Urteil fällte: "Die ganze amerikanische Literatur kommt von einem Buch von Mark Twain her, das 'Huckleberry Finn' heißt ... Es ist das beste Buch, das wir gehabt haben. Vorher gab's nichts. Danach hat es nichts gleich Gutes gegeben." Das so gerühmte Buch "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" wird meist in einem Atemzug mit den Abenteuern des Tom Sawyer genannt. Beide Bücher, dem Erscheinen nach durch acht Jahre getrennt, entstanden in der Zeit zwischen 1874 und 1884, als Mark Twains schöpferischer Genius sich am kraftvollsten regte. Ihre Gemeinsamkeiten sind durch die Hauptfiguren Tom Sawyer und Huckleberry Finn gegeben, aber weitaus größer sind die Unterschiede.

Sie betreffen fast alle wichtigen Elemente: den Stoff, die Atmosphäre, die Topographie, die Rolle der Natur, die Erzählweise, die Haltung des Autors. "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" sind in jeder Hinsicht das größere, bedeutendere Buch, und man muß gar nicht an Hemingways Urteil denken, um seinen überlegenen Rang zu erkennen.

Zur Handlung

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Mark Twain wurde als Samuel Langhorne Clemens 1835 in Florida, Missouri geboren.

Huckleberry Finn, der Held des Buches, ist der ewige Tramp und Herumtreiber, ein dreizehn, vierzehn Jahre alter Junge, der feste Zeiteinteilung und ordentliche Kleidung hasst und sich in kein Schema pressen lassen will. Aus seiner Perspektive wird das Buch erzählt - von einem Jungen, der gar nicht weiß, was Literatur ist, und der ihm gerade deswegen seinen unverwechselbaren Stil aufprägt, seine kräftige, nüchterne, unzimperliche, farbenreiche Sprache. Die Fahrt auf dem Mississippi, die Huck mit dem aus der Sklaverei entflohenen Schwarzen Jim antritt, bildet den Inhalt und die Grundbewegung des Buches.

Von Huckleberry Finn hat man gesagt, er besitze "keine der unwesentlichen Tugenden, aber alle wesentlichen". Er ist ein Außenseiter, ein Einzelgänger, eine einsame Gestalt, ungeachtet seiner Freundschaft mit Tom Sawyer, der neben ihm viel jungenhafter, unerwachsener erscheint. Dabei haben die Konventionen der Gesellschaft, Besitzdenken, Klassenschranken, Rassenvorurteile auch bei ihm Spuren hinterlassen. So hält Huck es für unrecht, einem schwarzen Sklaven bei der Flucht zu helfen, trotzdem ist er dem "Nigger" Jim in jedem Augenblick und zumal in der Not ein solidarischer Partner. Er empfindet Scham, wenn er Jim an der Nase herumgeführt hat, erkennt das Kindische und Sadistische im eigenen Verhalten und ist bereit, sich bei Jim zu entschuldigen oder, mit seinen eigenen Worten, sich "vor einem Nigger zu demütigen". Mark Twain gebraucht immer wieder das inkorrekte Wort, weil es im Bewusstsein der Menschen verankert ist. Und so kann man an Huck im Laufe seiner Odyssee beobachten, wie er erwachsen wird; wie er lernt, Verantwortung zu tragen und die Ernsthaftigkeit eines anderen Lebens anzuerkennen.

Mark Twain © picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Twains "Huckleberry Finn"

NDR Kultur -

Ernest Hemingway sagte: "Die ganze amerikanische Literatur kommt von einem Buch von Mark Twain her, das 'Huckleberry Finn' heißt." Wir nehmen es unter die Lupe.

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Ein Rausch von Freiheit

Huck ist die bestimmende Figur des Buches, er gibt ihm seinen Stil, seine Sprache. Aber der Roman besitzt noch ein weiteres Kraftzentrum, nämlich den großen Fluß, den Mississippi. Seiner Bewegung, die in den Süden führt, seiner Naturkraft, die alle zivilisatorischen Bindungen sprengt, kann sich niemand entziehen, auch nicht seiner Weite, die erfahrbar ist wie ein Rausch von Freiheit.

Dabei ist die Floßfahrt von Huck und Jim keine Traumreise, sie hat nichts Romantisches, sie führt vielmehr durch ein sehr reales Land, ein Pionierland, den amerikanischen Mittelwesten vor dem Bürgerkrieg, das Land der Holzflößer und Flussschiffer, der kleinen Städte und Dörfer an den Ufern, einer jungen Zivilisation, in der allerorten die Gewalt gegenwärtig ist: Mord, Raub, Auspeitschung, Lynchjustiz, menschliche Niedertracht, jämmerliche, rohe Gesinnung und finsterer Aberglaube.

Zum Schluss: Ab in den Westen

Am Ende des Buches bricht Huck auf in den Westen, der damals noch der Wilde Westen war, ein Vorläufer der vielen Helden in der amerikanischen Literatur, die ihren eigenen Weg gehen und sich den Zwängen der Gesellschaft verweigern - bis hin zu Salingers "Fänger im Roggen". Wahrscheinlich hatte Hemingway recht, als er sagte: "Die ganze amerikanische Literatur kommt von einem Buch von Mark Twain her, das 'Huckleberry Finn' heißt."

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