Eine weinender Engel sitzt neben einer brennenden Kerze. © Kirche im NDR / Christine Raczka Foto: Christine Raczka

Uwe Wolff: Engel stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung

Stand: 16.04.2021 16:30 Uhr

Uwe Wolff ist evangelischer Theologe und Autor. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Theologie und Kulturgeschichte der Engel. 

Wer an Engel denkt, assoziiert meistens zuerst Weihnachten - "die Menge der himmlischen Heerscharen", so heißt es im Evangelium. Herr Wolff, wann werden Engel aktiv?

Uwe Wolff: Engel sind das ganze Jahr über aktiv. Nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern auch zu Ostern, in den Sommerferien, in Krisen- und Freudensituationen. Engel werden immer dann aktiv, wenn sich etwas in unserem Leben ändert. Zum Beispiel die Geburt eines Kindes oder eine Eheschließung. Aber auch in Leid und Schmerz unseres Lebens sind Engel gegenwärtig. Davon erzählen alle biblischen Engelgeschichten. 

Sie haben Engel einmal "Mittler" genannt. Zwischen wem oder was mitteln sie?

Engel sind Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Das sagen auch ihre Namen. Michael bedeutet beispielsweise "die Kraft Gottes", das "Schwert Gottes". Die Endung "-el" steckt in den typischen Engelnamen: Rafael, Michael, Uriel, Gabriel. Das Wort "El" bedeutet Gott. Das heißt, der Engel kommt von Gott. Das gilt für alle Religionen - für das Christentum, für das Judentum, aus dem das Christentum die Engel übernommen hat, und auch für den Islam. Die großen Weltreligionen unterscheiden sich in vielen Dingen, aber in einem sind sie sich alle einig, es gibt die Engel, und sie kommen von Gott. Der Engel will sagen, denkt doch nicht, dass ihr, ihr Menschen, allein seid in der Welt, sondern ihr steht in einem großen Zusammenhang.

"Fürchte dich nicht!" Das sagen Engel in der Bibel immer als erstes, wenn sie auftauchen. Wieso eigentlich? 

Wir stellen uns das ja oft so vor: Wenn ein Engel kommt, das muss ja herrlich sein, alles easy, alles locker. Das ist es aber nicht. Der Engel erscheint fast immer in Umbruchsituationen des Lebens. Und bei seinem Erscheinen ergreift uns ein Schrecken. Warum? Weil wir plötzlich merken, da ist etwas in unserem Leben, womit wir eigentlich gar nicht gerechnet haben: Gott ist in diesem Leben. Und Gott ist soviel größer. Deshalb spricht der Engel in der Bibel gerne diese himmlische Entwarnungsformel. Er sagt, keine Panik, keine Angst, fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Der Engel strahlt Zuversicht und Liebe aus. Darin kann er uns auch Vorbild sein. Die Zuversicht des Engels, die aus seinem Glauben an Gott kommt, die können wir weitergeben und dann werden wir anderen Menschen zum Engel.

Steg am See im Sonnenuntergang. © Jenny Sturm/fotolia Foto: Jenny Sturm
AUDIO: Moment mal (3 Min)

Ein Engel ist aber kein Zauberwesen, das alles Schlechte von uns abhält.

Der Theologe Uwe Wollf © privat
Ein Engel ist keine Lebensversicherung, sagt der Theologe Uwe Wolff.

Nein, der Engel ist kein Zauberwesen, aber, so könnte man im Wortspiel sagen, ein uns bezauberndes Wesen. Ein Wesen, das in uns Faszination und Staunen hervorruft. Der Engel ist natürlich nicht derjenige, der sozusagen einen Wattepuffer um uns legt, so dass uns nichts passieren kann. Wir sagen manchmal, wenn wir in einer gefährlichen Situation waren, zum Beispiel auf der Autobahn: Oh, da haben wir aber einen Schutzengel gehabt. Also, wir verbinden den Schutzengel mit dem glücklichen Bestehen gefährlicher Krisensituationen, und das ist ja auch richtig. Aber es gibt auch Situationen, die wir nicht bestehen. Wir werden krank. Wir werden schwerkrank. Wir sterben. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Wo ist der Engel da? Der Schutzengel als eine Art Lebensversicherung - das ist die falsche Vorstellung.

Viele Menschen berichten, dass sie gerade in dem Moment, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, einen Schutzengel erfahren haben, wo sie Schweres durchmachen, eine Trennung, Krankheit, Trauer. Das heißt, der Engel ist gerade da, wo wir denken, hier sind wir an unsere Grenze gekommen. Vielleicht ist das die letzte und tiefste Weisheit des Engelglaubens überhaupt, dass wir erstmal an unsere Grenze gekommen sein müssen, um zu merken: Mensch, ich bin ja gar nicht die Mitte der Welt und ich kann auch nicht alles leisten. Aber da ist jemand, der uns hilft. Der Engel steht immer für Glaube, für Liebe und Hoffnung.

Der Engel lässt uns also niemals allein?

Der Engel ist Begleiter in der Einsamkeit, im Sterben und im Tod. Das gehört mit zu allen Religionen. Die Engel stehen nicht nur bei der Geburt Jesu zu Weihnachten an der Krippe, sondern sie begleiten Jesus im Garten Gethsemane, am Gründonnerstag, einen Tag vor Karfreitag, vor seinem Tod. Sie sind auch bei der Auferstehung da. Wenn wir von Engeln sprechen, sprechen wir von einer Begleitung, die größer ist als alles, was unser menschliches Leben umfasst. Der Engel kommt aus der anderen Welt, und er führt uns auch in die andere Welt zurück. In den Himmel, unsere Heimat.

Das Interview führte Julia Heyde de López.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 11.04.2021 | 09:15 Uhr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.