Kerzen leuchten zwischen Ästen © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

Kolumne: "Mehr als eine Zahl"

Stand: 18.04.2021 07:30 Uhr

Bei der Corona-Gedenkveranstaltung am 18. April werden Angehörige über ihren Verlust sprechen. Nur über diese Geschichten kann das Pandemie-Trauma unserer Gesellschaft begreifbar werden.

von Jan Dieckmann

79.000 ist nur eine Zahl. Sie erzählt nichts über den Schmerz. Eine Zahl kennt die Tränen der Zehnjährigen nicht, die für den verstorbenen Opa ein Bild malt. Eine Zahl weiß auch nichts über die stumme Leere auf der anderen Seites des Bettes. Oder über das tiefe Tal der Einsamkeit. Die Wucht von fast 80.000 Pandemie-Toten in Deutschland können wir nur begreifen, wenn wir die Einzelschicksale anschauen. So, wie es der Bundespräsident am Sonntag bei der Corona-Gedenkveranstaltung plant. Angehörige sind dort eingeladen und werden über ihren Verlust sprechen. Nur über diese Geschichten kann das Pandemie-Trauma unserer Gesellschaft begreifbar werden.

Gefühlen nicht ausweichen

Jan Dieckmann © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Biblische Psalmen schenken Worte, die uns in Ohnmacht zu tragen vermögen, sagt Pastor Jan Dieckmann.

Niemand spricht gern über Trauer und Ohnmacht. Weil wir Angst haben, dass uns das schwach und angreifbar macht. Aber es ist wichtig, diesen Gefühlen nicht auszuweichen, die uns mehr oder weniger im Moment alle beschäftigen. Vor der Gedenkveranstaltung des Bundespräsidenten werden sich am Sonntag Vertreterinnen und Vertreter der Religionen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zu einem ökumenischen Gottesdienst treffen. Mit Gebeten, Liedern und biblischen Texten werden sie das Leid der Pandemie vor Gott bringen.

Mit Klagepsalmen Trauer ausdrücken

Vor allem die Psalmen der Bibel haben die Kraft, unsere Ängste und unsere Trauer zu thematisieren, wenn unsere Stimme versagt. Sie schenken uns Worte, die uns auch in Ohnmacht und Hilflosigkeit zu tragen vermögen. Und das: Ohne diese Gefühle kleinzureden oder zu bagatellisieren. Die Psalmen drücken aus: Ich darf mich geborgen fühlen mitten in der Angst. Es gibt da jemanden, der das mit mir gemeinsam aushält. Und wenn auch nur, um meine Klage anzuhören, wie in den ersten Versen des 22. Psalms. Dort heißt es: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Warum bist Du so weit weg und hörst mein Stöhnen nicht? Den ganzen Tag rufe ich, aber Du gibst mir keine Antwort."

Ein Kreuz des Glaubens für den Trost, den Gottes Nähe schenkt.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jede Woche vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 18.04.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

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