Blick auf die bunten Glasfenster in der Kathedrale von Canterbury. Foto: The Chapter, Canterbury Cathedral © The Chapter, Canterbury Cathedral

Kirchenfenster: Zeugen vergangener Jahrhunderte

Stand: 19.09.2021 09:15 Uhr

Im englischen Canterbury haben Fachleute festgestellt, dass einige Fenster der Kathedrale viel älter sind als bisher angenommen. Jüngst entwickelte technische Geräte ermöglichten die neue Datierung.

von Julia Heyde de López

"Wenn man ohne Vorwissen so ein Kirchenfenster anschaut, dann sieht das aus wie eine riesengroße, transparente Glasscheibe, die farbig bemalt ist. Das stimmt aber nicht. Diese Fenster sind viel komplizierter, als man sich das so vorstellt", sagt Leonie Seliger. Sie leitet die Glaskonservierungswerkstatt an der Kathedrale von Canterbury und kümmert sich um den Erhalt der vielen Kirchenfenster. Die Mosaiken aus farbigem Glas beschreibt sie als ein besonderes Zusammenspiel aus Kunst und Technik, Architektur und Handwerk.

Die Kathedrale von Canterbury. Foto: The Chapter, Canterbury Cathedral © The Chapter, Canterbury Cathedral
Die Kathedrale von Canterbury ist der Bischofssitz des geistlichen Oberhaupts der Kirche von England.

Drei Millimeter dünn haben die Glasfenster das Potenzial, 1000 Jahre und älter zu werden, erklärt sie. "Das finde ich extrem faszinierend. Und natürlich auch: Was passiert in dieser Zeit? Die Fehlstellen, die Reparaturen, das gute Flicken, das schlechte Flicken, das Fälschen... Es ist eine Detektivarbeit, um so ein Fenster wirklich zu verstehen und dann Entscheidungen zu treffen, was zu tun ist, um es weiterzureichen an die nächsten Generationen."

Im englischen Canterbury stellte sich diesen Sommer heraus, dass einige der Fenster der Kathedrale noch älter sind als bisher angenommen. Sie stammen aus den Jahren 1130 bis 1160. Davon gibt es auf der Welt nur noch sehr, sehr wenige. Möglich war die Datierung durch ein neues Verfahren und ein Gerät, den sogenannten "Windolyser", entwickelt von Wissenschaftler*innen des University College London.

Röntgenfluoreszenz ermöglicht Datierung der Fenster

Die Technik, die verwendet wird, um die Gläser zu analysieren, sei Röntgenfluoreszenz, erklärt Leonie Seliger. Ein Gerät sende hochenergetische Röntgenstrahlen auf ein Material und messe dann die niederenergetischen oder fluoreszierenden Röntgenstrahlen, die zurückkommen. Der Windolyser sei ein 3D-gedruckter Zusatz zu dem Röntgengerät, der es erlaube, das in situ, also am Fenster zu machen, ohne dass Proben entnommen werden müssen.

Leonie Seliger, Leiterin der Glaskonservierungswerkstatt der Kathedrale in Canterbury. Foto: The Chapter, Canterbury Cathedral © The Chapter, Canterbury Cathedral
Leonie Seliger kümmert sich um den Erhalt der alten Glasfenster von Canterbury. Sie entwirft auch eigene Motive.

Nach der Messung dauerte es einige Monate, doch dann stand das Ergebnis fest. Damit sind die Fenster Zeugen, sogenannte "Kontaktreliquien": Sie waren dabei, als der berühmte Bischof Thomas Becket 1170 in der Kathedrale ermordet wurde. Und vier Jahre später überlebten sie einen Brand, bei dem ein Teil des Gotteshauses zerstört wurde. Jetzt passt Leonie Seliger gut auf sie auf: "Ich liebe unsere Fenster, egal ob sie von 1965 stammen oder von 1130. Aber die Verantwortung zu haben für den Erhalt von einigen der absolut allerältesten Bildfenster in der Welt, das ist schon ziemlich beeindruckend und macht Spaß."

Dieses Thema im Programm:

Kirche im NDR | 19.09.2021 | 09:12 Uhr

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