Stand: 04.07.2019 10:00 Uhr

Kubicki: "Wir müssen aufeinander aufpassen"

Wolfgang Kubicki ist einem evangelisch geprägten Elternhaus in Braunschweig aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte er zunächst Volkswirtschaft, später Jura. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP und Bundestagsvizepräsident. Außerdem arbeitet Kubicki neben seinen politischen Ämtern als Strafverteidiger. Es gibt eine Reihe von Bibelsprüchen, die der Vater zweier erwachsener Zwillingstöchter sehr mag, aber einer, der ihn begeistert hat, ist "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott". Im Interview der Kirche im NDR spricht er über Liebe und Glaube in Politik und Privatleben.

Was ist die Bedeutung davon mit Ihren eigenen Worten?

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Am Anfang ist die Liebe - und am Ende auch, sagt Wolfgang Kubicki.

Kubicki: Es gibt viele Interpretationen, aber ich habe früher in meiner Jugend mit der Bruns-Bibel gearbeitet. Bruns selbst erklärt in der Kommentierung, dass Johannes eigentlich nur ein Wort kennt, das ihn fasziniert hat und das ist das Wort Liebe. Er hat es übersetzt mit "Im Anfang war die Liebe, und die Liebe war bei Gott, und Gott war die Liebe" -und ich finde das durchgreifend schön.

Sie haben von Ihrer Jugend gesprochen. Seit wann mögen Sie das?

Kubicki: Ich war früher im christlichen Verein junger Männer in Braunschweig sehr häufig im Bibelunterricht. Dort habe ich jüngere Mitstreiter in die Bibel eingeführt, Exegese betrieben und fand einfach diese Form der Interpretation von Gott - als die Inkarnation der Liebe - faszinierend.

Man sagt auch, dass Johannes 1 auch Jesus' Geburtsgeschichte ist. Es heißt da "und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns", oder mit Ihrer Übersetzung "und die Liebe ward Fleisch und wohnte unter uns". Können Sie mit den Jesusgeschichten etwas anfangen oder sind Sie eher auf Gottvater ausgerichtet?

Kubicki: Ja, ich kann etwas mit den Jesusgeschichten anfangen, denn die Tatsache, dass Jesus geboren wurde war ein Akt der Liebe Gottes gegenüber den Menschen. Insofern wurde Liebe Fleisch. Das ist für mich zwingend und folgerichtig, denn der größte Akt, den Gott tun konnte, war Jesus den Menschen zu geben und in dem Tod von Jesus zu dokumentieren, das menschliche Sünden vergeben werden können.

Hat dieser Vers einen Bezug zu Ihrer Arbeit als Politiker?

Kubicki: Es hat sehr viel auch damit zu tun, dass ich mich als Jurist an Artikel 1 unseres Grundgesetzes gebunden fühle: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Und es gibt weitere Sätze auch von Schriftstellern, die ich sehr mag, die formulieren, alles was aus Liebe getan wird, ist recht getan.

Wo findet Liebe im Business der Politik statt?

Kubicki: Erstens mal im zwischenmenschlichen Bereich, zwischen Mann und Frau, zwischen Mann und Mann, zwischen allen Menschen, die Verantwortung für einander übernehmen aus herzlicher Verbundenheit heraus. Das passiert im politischen Bereich und wirtschaftlichen Bereich dann, wenn man Beißhemmungen bekommt in dem Gefühl, den anderen in seiner Würde, in seinem Mensch sein zu verletzen. Das ist auch ein Akt von Liebe. Wir haben auch den Begriff der Nächstenliebe, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Heißt was? Du musst dich zunächst selbst mögen, mit dir selbst im Reinen sein, ..., damit du diese Form von Liebe deinem Nächsten geben kannst.

Sie sprachen gerade von "Beißhemmung". Mögen Sie erzählen, wann so ein Moment war?

Kubicki: Ich hatte persönliche Erfahrungen mit dem Tod von Jürgen Möllemann und danach ist mir klar geworden, dass niemand in seiner Existenz so beeinträchtigt werden darf, dass er keinen anderen Ausweg sieht als seinem Leben ein Ende zu setzen. Seitdem hat sich beispielsweise auch mein Verhältnis zu Ralf Stegner verändert. Ich hatte ihn früher völlig bedenkenlos in seinen persönlichen Gefühlen verletzt. Das hat aufgehört, weil klar ist, dass wir aufeinander aufpassen müssen, und nicht so miteinander umgehen können, dass Menschen das Gefühl haben, sie werden aus der Gesellschaft ausgestoßen, nicht mehr akzeptiert.

Hat das Thema Glauben Platz in der Politik. Darf sich Kirche in diesem Bereich zu Wort melden?

Kubicki: Die Kirche muss sich in diesem Bereich zu Wort melden. Sie muss aber immer im Auge behalten, was ihr eigentlicher Auftrag ist, nämlich die Verkündigung des Wortes Gottes und die Überzeugungsbildung.

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Im Anfang war das Wort mit Wolfgang Kubicki

Im Anfang war die Liebe. Das ist doch eine bessere Übersetzung für das Johannes-Evangelium, sagt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki. Audio (06:32 min)

Im Anfang ist die Liebe, so haben Sie das übersetzt. Alles ist bei Johannes immer auf die Liebe hin ausgerichtet. Was würden Sie sagen, wie sieht eine Welt aus, die in diesem Sinne geprägt ist?

Kubicki: Eine Welt ohne Krieg, ohne Vertreibung, in der Nächstenliebe praktisch umgesetzt wird, in der man sich umeinander kümmert.

Sie haben gesagt, dass Glauben Sie stark prägt. Wie leben Sie das praktisch? Sie sind jetzt ja in der Politik auch wirklich mit schwierigen Situationen konfrontiert, in wie weit können Sie da Kraft ziehen aus Ihrem Glauben? Wie leben Sie Ihren Glauben?

Kubicki: Im Rahmen eines Zwiegespräches. Gott ist nicht jemand wie du und ich, er ist allgegenwärtig und sozusagen immer dabei und in diesem Zwiegespräch, das ich mit mir selbst führe und Einsichten gewinne. Und daraus gewinne ich dann Kraft und Mut. Als ich selbst mal Selbstmordgedanken hatte, habe ich ein Zwiegespräch mit mir selbst geführt und dann den Gedanken an Selbstmord verworfen mit so ganz merkwürdigen Überlegungen wie die, es ist kein Strick im Haus, 'ne Waffe hast du auch nicht. Also lass uns mal Schlafen gehen und morgen sieht die Welt anders aus.

Gab es da einen Punkt, wo Sie in irgendeiner Form gemerkt haben, da ist noch eine andere Kraft mit dabei?

Kubicki: Alleine die Tatsache, dass ich mit mir selbst das erörtert habe, ist ein Beleg dafür, dass noch was anderes, dass eine andere Kraft sozusagen im Spiel war. Denn ansonsten hätte ich die nicht geführt.

Und was war am nächsten Tag?

Kubicki: Da sah der Tag ganz anders aus. Es gibt die nette Lebensweisheit, bei jeder schwierigen Entscheidung eine Nacht darüber zu schlafen. Nach dem Aufstehen hatte ich das Gefühl, alle Probleme die da sind, sind zu bewältigen, so lange man selbst da ist.

Am Anfang ist die Liebe. Was ist am Ende?

Kubicki: Ebenfalls die Liebe. Denn am Ende unseres Lebens werden wir in der Liebe aufgehen. So wie Gott Jesus den Menschen schickte und auch nach Hause holte, wird er uns auch alle nach Hause holen und zwar unabhängig davon, ob man uns mit Hölle, Fegefeuer, was auch immer droht. Das Schöne am christlichen Glauben ist, dass es die Entscheidungsfreiheit offenlässt.

Denken Sie darüber nach, sich das Leben zu nehmen? Können Sie mit niemandem in Ihrem Umfeld über Ihre Probleme reden? Auch in scheinbar ausweglosen Situationen gibt es Menschen, die Ihnen aus dieser Lage heraushelfen können.

Bundesweites Beratungsangebot

Bundesweite Telefonseelsorge: (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 06.07.2019 | 07:45 Uhr

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