Der Journalist Arnd Henze © WDR Foto: Solveigh Böhl

Arnd Henze: "Wir haben als Kirche kein Gespür für diese Abgründe gehabt"

Stand: 02.12.2021 10:45 Uhr

Arnd Henze ist Co-Autor der mehrfach preisgekrönten ARD-Doku "Ich weiß nicht mal, wie er starb. Wie ein Pflegeheim zur Coronafalle wurde". Der investigative Journalist hat Theologie studiert und ist Mitglied der EKD-Synode. 

In Ihren Film "Ich weiß nicht mal, wie er starb" da gibt es dieses Zitat eines Pflegers "Keiner hat sich die Mühe gemacht, dahinter zu gucken". Der Ausdruck "Horrorheim" ist auch gefallen. Sie und Ihr Filmteam haben ja dahintergeguckt. Was war Ihr Anreiz?

Arnd Henze: Ich bin während des ersten Lockdowns jeden Abend an einem Pflegeheim in unserer Nachbarschaft vorbeigegangen. Das war immer zur Schichtwechselzeit in dem Heim, und ich sah immer in diese erschöpften Gesichter der Pflegekräfte. Und ich habe denen einfach zugerufen "Einen schönen, entspannten Abend, erholen Sie sich gut." Und da sagte mir eines Abends eine Pflegerin: "Ach, wenn Sie wüssten, was hier los ist." Und ich habe das einfach als einen allgemeinen Seufzer verstanden und habe nicht nachgefragt. Und am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass es auch in diesem Heim einen tödlichen Coronaausbruch gegeben hatte. Und das hat mir nachgehangen, dass ich nicht nachgefragt habe. Weil, fasst zeitgleich dann auch die Meldungen aus Wolfsburg immer dramatischer wurden, war es von dem Moment an ein Anliegen zu sagen, ich möchte es wissen, und ich werde jetzt nachfragen. Und ob es doch eine Gelegenheit gäbe, diese Geschichte, die noch unerzählt war, wirklich zu verstehen und auch erzählen zu können.

Würden Sie in dem Zusammenhang mit Film von einem heilsamen Prozess sprechen?

Henze: Wir haben versucht, diese verschiedenen Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Also Menschen, die miteinander selbst nicht analog zusammenkamen, haben wir versucht, in der Montage dieses Films in ein Gespräch miteinander zu bringen. Und die Hoffnung war, dass danach auch die Bereitschaft dagewesen wäre, auch direkt miteinander zu reden. Ein Jahr später haben wir den Film nochmal in einer öffentlichen Vorführung in Wolfsburg gezeigt. Und das wirklich Verstörende für mich war, dass da zwar die Angehörigen auch ins Publikum kamen und nach wie vor den Drang hatten, ihre Geschichte zu erzählen. Aber die Diakonie auch ein Jahr später noch keinerlei Angebot gemacht hat, wirklich darüber offen zu reden. Und die Gesprächsverweigerung in der realen Welt, die eigentlich dem Gespräch im Film hätte folgen müssen, die finde ich nach wie vor irritierend.

Würden Sie sagen, dass dieser Film und die Dreharbeiten dazu etwas mit Ihrem Glauben gemacht haben?

Henze: Von dem was wir gehört haben, war es eine der schmerzlichsten, intensivsten Erfahrungen, die man als Journalist miterleben kann. Klar ist es vor allen Dingen in der Frage, was haben wir eigentlich als Kirchen in der Zeit kommuniziert, was haben wir da auch als Christen in der Zeit in der öffentlichen Diskussion beigetragen. Und jetzt im Rückblick auch, warum hat es daran so viel Kritik gegeben, das ist dadurch für mich noch einmal sehr, sehr konkret geworden. Also ich gehöre nach wie vor zu denen, die sagen, wir haben als Kirche kein Gespür gehabt, für diese Abgründe. In Wolfsburg waren die Kirchen nicht dabei. Da war die Seelsorge außen vor.

Gab es für Sie in diesem Film einen Glaubensaspekt?

Henze: An verschiedenen Stellen. Mich hat zum Beispiel die Trauerfeier sehr berührt, mit der wir den Film beschließen, wo nach mehreren Monaten endlich eine Mutter beerdigt werden konnte, weil die Angehörigen im Ausland lebten. Das war eine Beerdigung auf einem Waldfriedhof und ein Gottesdienst von den Töchtern gestaltet, mit Gebet und allem. Das hat mich sehr berührt, dass einerseits dieser Wunsch da war, es nicht durch Kirche machen zu können, weil auch zu viel Enttäuschung dabei war. Und trotzdem einen ganz christlichen Gottesdienst zu gestalten.

Wir haben mit einer unserer Hauptpersonen, dem Pfleger Mirel Osmanovic, an verschiedenen Orten Interviews geführt. Und dann waren wir unten in der kleinen Kapelle, die seit Monaten eben nicht mehr genutzt wurde, weil da ... die ganzen Verstorbenen hingebracht wurden, bevor sie vom Beerdigungsunternehmer abgeholt wurden. Also das sei ein Ort, an dem man sich bisher noch nicht wieder Zuhause fühlen könne, hat er uns erzählt. Mirel ist Moslem und erzählte, wie die Kapelle ihre Bedeutung verändert hat für alle, die da arbeiten und leben. ... ein ganz beeindruckender Mensch: Mirel, der wirklich die Seele, einer der wirklich tragenden Menschen in dieser Katastrophe war, der sich aufgeopfert hat, spricht als Moslem in einer Kapelle darüber, was dieser Ort bedeutet. Das hat mir noch einmal gezeigt, wie weit der Horizont gedacht werden müsste, wenn man sich fragt, wo jetzt die Engel hier sind.

Genau hingucken, wo etwas zugedeckt ist, das machen Sie grundsätzlich bei Ihrer Arbeit. Auch stark im Zusammenhang mit der Kirche. In ihrem Buch "Kann Kirche Demokratie?" machen sich auf die Suche nach dem toxischen Erbe der Kirche und gucken auf blinde Flecken. Was ist da Ihr Ziel?

Henze: Es gibt diesen schönen Satz "Die Wahrheit macht Euch frei". Ich glaube, dass alles, was sozusagen unter den Teppich gekehrt ist, toxisch bleibt. Und man weiß nicht, wann tatsächlich dieses Gift wirkt, aber es passiert dann unvorbereitet. Ich glaube, das gilt gerade auch für unser geschichtliches Erbe. Wir merken, dass von rechter Seite aus eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik angestrebt ist.

Also Sie sagen nicht nur, die Kirche muss ihr eigenes Erbe angucken, sondern auch, dass die Kirche Räume zur Verfügung stellen soll, wo aufgedeckt und hingeguckt werden kann. Es geht darum "Hörräume" zu schaffen. Was verstehen Sie darunter?

Henze: Also wir haben es in der Pandemie erlebt. Irgendwann waren viele Menschen irgendwo eingeklemmt zwischen einer Erwartung, jetzt sich zusammenzureißen und alles mitzumachen, was es an Coronamaßnahmen von staatlicher oder auch kirchlicher Seite gab. Und auf der anderen Seite den Querdenkern, die das in eine ideologische oder auch verschwörungsideologisch aufgeladene Richtung gelenkt haben. Und dabei gab es so viel Grund - um das schöne alte Wort des Haderns mal aufzugreifen - so viel Grund zu hadern, weil einfach auch in der eigenen Seele Widersprüchliches aufeinanderprallte. Und dafür gab es keine Räume, wo man reden konnte, wo man sagen könnte, ich finde es richtig, dass wir alles tun, dass Corona sich nicht ausbreitet, aber hier an der Stelle bin ich wütend. Und hier trifft es mich, und hier überfordert es mich, und hier zerreißt es mich. Und wenn dann plötzlich die Querdenkerdemonstrationen der einzige Ort sind, wo man mit dieser Zerrissenheit und dieser Wut, die da entsteht, glaubt, Gehör finden zu können, dann haben wir als Gesellschaft etwas falsch gemacht, weil wir dafür keine Räume geboten haben.

Der Journalist Arnd Henze © WDR Foto: Solveigh Böhl
AUDIO: Gott und die Welt mit Arnd Henze (9 Min)

Warum ist das auch Aufgabe der Kirche?

Henze: Das ist für mich Seelsorge. In der privaten Seelsorge gilt, der Mensch kann sich in seiner ganzen Persönlichkeit ohne Vorgaben ausdrücken. Der kann wütend sein, der kann traurig sein, der kann zerrissen sein. Da muss nichts fertig sein. Und Seelsorge hört. Und das braucht auch, glaube ich, der öffentliche Raum. Es gibt auch eine öffentliche Seelsorge. Diese Pandemie überfordert uns alle. Diese Pandemie zerreißt uns alle. ... Für diese Zerrissenheit Räume zu finden und das auch im öffentlichen Raum hörbar zu machen, ist eine seelsorgerische Aufgabe der Kirche, so wie sie auch in der Einzelseelsorge, glaube ich, die DNA der Kirche ist.

Sie haben vorhin ein Zitat gegeben: "Die Wahrheit wird Euch frei machen". Das ist ein Zitat aus dem Johannesevangelium. Ist das so etwas wie Ihr Lieblingsbibelspruch?

Henze: Es ist eine der ganz, ganz großen Wahrheiten der Bibel, die einen immer wieder herausfordert, aber auch ein großes Versprechen beinhaltet.

Welches Versprechen?

Henze: Dass sie frei macht. Also dass dieser schmerzliche Prozess, sich der Wahrheit zu stellen, dass da ein Segen draufliegt.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 04.12.2021 | 07:40 Uhr

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