Stand: 03.01.2018 17:21 Uhr

"Staat muss sich Integration mehr kosten lassen"

Angesichts des Anstiegs von Gewalttaten in Deutschland haben Kriminologen eine bessere Integration junger Flüchtlinge gefordert. Notwendig seien unter anderem Sprachkurse, Sport und Praktika sowie Betreuungskonzepte für ohne Familie eingereiste Jugendliche, schreiben die Autoren der im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellten Studie. Die Forscher kooperierten mit dem niedersächsischen Innenministerium, das in seiner Statistik Flüchtlinge als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten gesondert auswertete. Demnach stieg zwischen 2014 und 2016 die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten in Niedersachsen um 10,4 Prozent. Die Analyse ergab, dass der Anstieg zu 92,1 Prozent tatverdächtigen Flüchtlingen zuzurechnen war.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, NDR Info

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Jörg Seisselberg: "Nur auf bessere Grenzkontrollen und Abschiebungen zu setzen, reicht nicht."

Stimmt es also doch? Die meisten Flüchtlinge sind kriminell und eine Gefahr für Sicherheit und Ordnung? Nein, wer das differenzierte Gutachten aus Niedersachsen genau liest, kommt zu einer anderen Erkenntnis: Integration ist schwierig, aber sie kann gelingen, wenn wir bereit sind, in sie zu investieren. Der erste Blick auf die Zahlen ist erschreckend. Flüchtlinge begehen im Durchschnitt deutlich häufiger Gewalt- und Sexualdelikte als Deutsche. Fast jede achte Gewalttat wird von Migranten begangen. Es ist gut, dass die Autoren der Studie nichts schönreden. Probleme können wir nur lösen, wenn wir sie nicht unter den Teppich kehren. Und die Tatsache, dass überdurchschnittlich viele Flüchtlinge kriminell sind, sich nicht an Recht und Gesetz halten, ist ein Problem.

Gesetzestreu mit Hoffnung auf Bleibeperspektive

Was tun? Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein tieferer Blick in das Gutachten. Dann wird deutlich, dass die Ergebnisse wenig taugen für ausländerfeindliche Propaganda - aber umso mehr als Leitfaden für eine Flüchtlingspolitik mit Sinn und Verstand. Erste wichtige Erkenntnis: Kriegsflüchtlinge, beispielsweise aus Syrien, dem Irak und Afghanistan sind - einigen schlagzeilenträchtigen Fällen der jüngeren Vergangenheit zum Trotz - unterdurchschnittlich kriminell. Wer Hoffnung auf eine Bleibeperspektive hat, verhält sich überwiegend gesetzestreu.

Nach Europa kommen die Problemgruppen aus Nordafrika

Flüchtlinge aus den Maghreb-Staaten, aus Marokko, Algerien und Tunesien, sind dagegen überdurchschnittlich gewaltbereit. Aber auch hier gilt: Achtung vor voreiligen Schlussfolgerungen! Die Studie belegt nicht, dass Menschen aus diesen Staaten grundsätzlich zur Kriminalität neigen. Jährlich Millionen europäische Touristen, die die Gastfreundschaft in diesen Ländern lieben, wissen, dass es anders ist. Aber, und darauf weist das Gutachten hin, nach Europa kommen die Problemgruppen aus diesen Ländern. Meist junge Männer, meist mit einem begrenzten Verständnis dafür, dass auch sie sich hier an Regeln halten müssen und Gewalt in jeder Form tabu ist. Ohne Bleibeperspektive in Deutschland steigt dann die Bereitschaft, Gesetze zu brechen. Vor allem diese jungen Männer und nicht pauschal "die Flüchtlinge" sind das Problem.

Familiennachzug ist Kriminalprävention

Die Untersuchung liefert aber nicht nur eine Diagnose, sondern auch Therapievorschläge. Nicht alle sind neu, die meisten aber sind richtig. Eine geregelte Einwanderung ist nötig, dazu gehört eine effektive Sicherung der Grenzen. Es verhindert, dass Menschen nach Deutschland kommen, die hier nicht bleiben können und dann auch aus Frust in die Kriminalität abrutschen. Aber: Nur auf bessere Grenzkontrollen und Abschiebungen zu setzen, reicht nicht. Der Staat muss sich Integrationspolitik wahrscheinlich noch mehr kosten lassen als in der Vergangenheit.

Es ist ein wichtiger Hinweis, dass wir unbegleitete Jugendliche, wenn sie 18 werden, nicht aus dem Blick verlieren dürfen - sondern sie mit Sprachkursen und anderen Bildungsangeboten fördern und fordern, ihnen auch Arbeits- und Ausbildungsperspektiven geben sollten. Das hilft allen, die hierbleiben - aber auch denen, die sich zu einer freiwilligen Rückkehr entschließen, um sich eine Perspektive im Herkunftsland aufzubauen. Der politisch aktuell brisanteste Hinweis: Auch Familiennachzug bei Flüchtlingen ist aktive Kriminalprävention. Die Untersuchung gehört bei den Unterhändlern in den Sondierungsgesprächen für eine neue Regierung auf den Tisch. Sie enthält viele Anregungen dafür, was man in Sachen Flüchtlings- und Integrationspolitik in Zukunft besser machen kann.

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NDR Info | Kommentar | 03.01.2018 | 18:30 Uhr