Stand: 20.12.2018 16:42 Uhr

Betrugsskandal: Mehr Demut im Journalismus täte gut

Am Tag nach dem Auffliegen des Skandals hat Claas Relotius seine vier renommierten Deutschen Reporterpreise zurückgegeben. Das teilte die Jury in Hamburg mit. Der "Spiegel" hatte am Mittwoch bekannt gegeben, dass der 33-jährige Redakteur Reportagen ganz oder in Teilen gefälscht hatte. Und während der "Spiegel" Konsequenzen prüft, suchen andere Blätter noch in den Archiven nach alten Relotius-Reportagen. Denn als freier Mitarbeiter schrieb er nicht nur für den "Spiegel", sondern auch für die "taz", die "FAZ", die "Zeit", das "SZ-Magazin" und und und. Und alle Redaktionen prüfen nun ganz generell, ob ihre Kontrollmechanismen bei Reportagen greifen.

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Claudia Spiewak fordert mehr Demut im Journalismus angesichts der großen Aufgabe.

Spektakulärer Einzelfall oder Symptom einer Krise des Journalismus? Das ist die Frage, die sich wohl viele nun stellen.

Für den "Spiegel", das steht fest, ist es nicht weniger als eine Katastrophe, die größte in der Geschichte des Nachrichtenmagazins. Da es mit dem "Spiegel" eines der wichtigsten Qualitätsmedien unseres Landes trifft und dazu offenbar auch noch weitere nicht minder renommierte Zeitungen und Magazine, reicht der Schaden weit über das Hamburger Verlagshaus hinaus. Häme - in unserer Branche durchaus verbreitet - verbietet sich.

Konzern investiert viel in Überprüfung von Fakten

Der "Spiegel" ist kein kaputt gesparter journalistischer Billigheimer. Der Anspruch hoch: "Sagen, was ist!", hat "Spiegel"-Gründer Augstein das Ziel programmatisch formuliert. Der Konzern investiert wie wohl kein anderer in die Überprüfung von Fakten. Die Arbeit der Dokumentationsabteilung ist Vorbild für eine ganze Branche. Dennoch hat das Sicherungssystem offenbar nicht ausgereicht, um die Fälschungen frühzeitig zu entdecken.

Bemerkenswert ist, dass der publizistische Gau nicht im schnellen Online-Journalismus spielt, sondern im gedruckten Heft. Dort, wo der Hochglanzjournalismus, die Ausnahmereporter und Edelfedern zu Hause sind. In einem Milieu, in dem hohe Ansprüche, großer Leistungsdruck und großzügige Arbeitsbedingungen zusammenkommen.

Typische "Spiegel"-Stories in scheinbarer Perfektion

Der Autor Claas Relotius ist ohne Frage ein Ausnahmetalent, ein hochbegabter und bereits in jungen Jahren mit Preisen dekorierter Journalist. Er schrieb die typischen "Spiegel"-Stories in scheinbarer Perfektion: Geschichten vermeintlich aus erster Hand, bei denen der Autor eindringt in fremde, verschlossene Welten und die Leser mitnimmt, ihnen das Gefühl gibt, selbst dabei zu sein. Ein suggestiver Erzählstil, für den der "Spiegel" in besonderer Weise steht. "Szenische Rekonstruktion" nennt man das im Hamburger Verlagshaus in der Hafencity. Ein journalistischer Grenzgang.  

Dass die Betrugsgeschichte weit mehr ist als ein spektakulärer Einzelfall, zeigen die öffentlichen Reaktionen. Die Enthüllungen liefern neuen Brennstoff für eine schwelende Debatte, in deren Mittelpunkt Zweifel an der Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit stehen.

Es wird Zeit brauchen, bis der Fall aufgearbeitet ist

Für die einen wird der Fall Relotius jetzt Beleg dafür sein, dass Lügen und Täuschen zum Geschäft gehören, andere werden sich fragen: Wenn das beim "Spiegel" passiert, wo dann noch? Es wird Zeit brauchen, bis der konkrete Fall aufgearbeitet ist und die richtigen Konsequenzen gezogen werden können.

Die Idee, jedem Reporter einen Fotografen zur Seite zu stellen, gehört nicht dazu. Auch der dreisteste Betrug rechtfertigt keinen Generalverdacht gegen die große Mehrheit der gewissenhaft arbeitenden Journalistinnen und Journalisten, aber sehr wohl ein gründliches Nachdenken über die Mechanismen in unserem Beruf. Ist unsere Branche zu süchtig nach dem einmaligen, dem unverwechselbaren Stoff, nach immer neuen Geschichten?

Eine gut recherchierte und glänzend geschriebene Reportage ist und bleibt eine große Leistung. Aber ist der Alltag nicht eher mühsames Handwerk? Ist das Motto "Sagen, was ist!" nicht zu hoch gesteckt? Wissen wir nicht viel zu oft gar nicht, was ist?

Demut täte Glaubwürdigkeit gut

Die Suche nach der Wahrheit, das Bruchstückhafte, die fehlenden Puzzlesteine, die widersprüchlichen Erkenntnisse, die sich eben nicht zu einem großen stimmigen Bild zusammenfügen lassen, die Zweifel, das Scheitern. Ich glaube, davon sollten wir mehr erzählen. Mehr Demut angesichts der großen Aufgabe. Das täte uns gut - und der Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes auch. 

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NDR Info | Kommentar | 20.12.2018 | 17:08 Uhr