Stand: 02.08.2018 15:55 Uhr

Wenn die Politik Alleinerziehende allein lässt

Alleinerziehende und ihre Kinder sind in Deutschland nach wie vor überdurchschnittlich stark von Armut bedroht. Das teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Hierzulande lebten im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Alleinerziehende - 200.000 mehr als noch vor 20 Jahren. Damit gibt es in rund jedem fünften Familienhaushalt nur einen Elternteil, in neun von zehn Fällen handelt es sich um eine alleinerziehende Mutter. 2,4 Millionen Kinder wachsen in einem Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil auf.

Ein Kommentar von Ramona Schlee, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

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Alleinerziehende Mütter fühlen sich oft vom Staat im Stich gelassen.

Familie, das ist in Deutschland immer noch Mutter, Vater, Kind. Zum Beispiel wird die Ehe, also eine Paarbeziehung, jedes Jahr mit mehr als 20 Milliarden Euro gefördert. So viele Steuereinnahmen lässt sich der Staat nämlich wegen des Ehegattensplittings durch die Lappen gehen. Alleinerziehende können von so einer Steuererleichterung nur träumen.

Was hilft ein Kitaplatz bis nur 15 Uhr?

Auf Unterstützung können sich Alleinerziehende auch nicht bei der Betreuung ihrer Kinder verlassen. Ganz zu schweigen davon, dass es zu wenige Kita-Plätze gibt. Was hilft ein Platz im Kindergarten, wenn der nur zwischen 8 Uhr und 15 Uhr zur Verfügung steht? Wie soll in dieser Zeit, also in Teilzeit Mutter oder Vater allein den Lebensunterhalt verdienen? Es braucht flexiblere und längere Betreuungszeiten, damit auch alleinerziehende Krankenschwestern ihren Job machen können, auf eigenen Beinen stehen und eben nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind. Und ja, ich rede von weiblichen KrankenSCHWESTERN, denn die allermeisten Alleinerziehenden, das sind immer noch Frauen.

Als Mutter eine Ausbildung machen? Unmöglich!

Ein richtiges Problem taucht auf, wenn junge Frauen Mutter werden und der Kinds-Vater sich aus dem Staub macht. Wenn die junge Frau nämlich noch keine Ausbildung hat, kann sie die auch schwerlich mit Kind - siehe Betreuungsproblem - nachholen. Denn in Deutschland gibt es kaum die Möglichkeit, einen Beruf in Teilzeit zu erlernen. Frauen geraten in die Falle, sind langfristig von Sozialleistungen abhängig - sprich: Sie sind arm.

Die Kinder leben oft in Armut

Alleinerziehende sind in Deutschland mit am stärksten von Armut bedroht. Sie müssen fünf Mal so oft Hartz IV beantragen, wie Eltern in einer Paarbeziehung. Das hat übrigens auch Folgen für die allein erzogenen Kinder. Die wachsen nämlich viel häufiger in Armut auf als die Kinder, die mit Mama UND Papa zusammenleben. Das ist empörend. Aber wie gesagt: Förderungswürdige Familie, das ist in Deutschland Kind mit Mutter UND Vater. Alleinerziehende und Allein-Erzogene bleiben genau das - allein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 02.08.2018 | 17:08 Uhr

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