Stand: 12.07.2019 14:54 Uhr

Für Atommüll wird das bestmögliche Lager zu bauen sein

Obwohl Kraftausdrücke nicht gerade zu seinem täglichen Repertoire gehören, konnte sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil nicht mehr zurück halten: "Niemand soll glauben, Niedersachsen sei das Atomklo der Bundesrepublik Deutschland", antwortete er klipp und klar seinen Amtskollegen aus Bayern und Sachsen, als diese - mitten hinein in den gerade einmal begonnenen Prozess der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll - feststellten, in ihren Bundesländern mache ein Atommüll-Lager keinen Sinn. Die geologischen Gegebenheiten seien nicht geeignet. Obwohl alle Beteiligten sich vor zwei Jahren darauf geeinigt hatten, alle möglichen Optionen in Ruhe zu prüfen - bis 2031 soll der Prozess der Endlager-Suche dauern. Doch plötzlich wollen sich zwei Bundesländer aus dem Prozess ausklinken.

Ein Kommentar von Armin Maus, Chefredakteur "Braunschweiger Zeitung"

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Armin Maus meint, dass Niedersachsen mit den Atommülllagern Gorleben, Asse und Schacht Konrad bereits schwere Last trägt.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sind Teil einer geselligen Runde. Alle zechen, was der Zapfhahn hergibt. Dann verdünnisiert sich einer nach dem anderen - und Sie bleiben mit der Rechnung sitzen. So ähnlich fühlt sich offensichtlich der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Er hat sich in ungewöhnlicher Schärfe Absetzbewegungen Sachsens und Bayerns verbeten.

Es geht um ein Thema, das in dieser Woche viel weniger Schlagzeilen gemacht hat als die Personalie von der Leyen oder Boris Johnsons Weg in Downing Street Number Ten. Es hat aber viel größere Tragweite: die sichere Endlagerung radioaktiven Mülls. Unsere Nachfahren werden sich damit noch herumschlagen, wenn die Namen von der Leyen und Johnson längst vergessen sind.

Atomkraftwerke betreiben ohne Entsorgungsnachweis

Deutschland hat fröhlich Atomkraftwerke betrieben, ohne den im Atomgesetz vorgeschriebenen Entsorgungsnachweis überzeugend führen zu können. Man versuchte es mit Umwegskonstruktionen. Der Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf entsprang der wenig realistischen Idee, man könne wesentliche Teile des Atommülls recyceln. Die bayerische Landesregierung unter Franz Josef Strauß, die sich als gehärteter Kern der Atomlobby verstand, scheiterte am Widerstand der Bürger. Die Arroganz der Macht und die verzweifelte Gegenwehr der Oberpfälzer kann man in Oliver Haffners Film "Wackersdorf" nacherleben. Die jahrzehntelange, milliardenverschlingende Erkundung des Salzstocks im niedersächsischen Gorleben führte ebenfalls nicht zum Ziel. Übrig blieb ein großes Zwischenlager.

Das einzige genehmigte Endlager ist Schacht Konrad. Die Wahl fiel auf einen Standort, der unter einer dicht besiedelten, für Niedersachsen ökonomisch lebenswichtigen Region liegt - der Großstadt Salzgitter und einem bedeutenden Stahlwerk. Niedersachsens Forschungshauptstadt Braunschweig und die Auto-Metropole Wolfsburg sind nicht weit. Und: Schacht Konrad ist nur für schwach- und mittelradioaktive Abfälle geeignet.

Ergebnisoffen soll die Suche sein

Jetzt endlich wird ernsthaft nach einem Ort gesucht, in dem das Erbe einer allzu technologiegläubigen Zeit auf Jahrtausende aus unserem Lebensraum ausgesperrt werden kann. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich Deutschland von der kommerziellen Atomkraftnutzung verabschiedet. Die Technologie bringt keinen Nutzen mehr, die Kosten bleiben. Ergebnisoffen soll die Suche sein und keine mögliche Lagerstätte ausschließen: Salz, Ton und Granit gelten als grundsätzlich geeignete Umgebung. Jedes Medium hat Vor- und Nachteile. So ist die Asse, nicht weit von Schacht Konrad entfernt, ein Beispiel für die Schwächen des Salzes. Die dort in unverantwortlichem Leichtsinn versuchsweise abgekippten Atommüllfässer drohen, im zufließenden Wasser abzusaufen. Diese Gefahr ist noch immer nicht gebannt.

Sachsen fühlt sich von Ministerpräsident Weil ungerecht behandelt. Man stehe hinter dem Prinzip der ergebnisoffenen Suche. Das ist gut zu hören, denn so muss es sein. Im Granit Sachsens und Bayerns ist ein Endlager durchaus denkbar, auch wenn das Gestein etwas zerklüfteter ist, als es sich die Fachleute in einer idealen Welt wünschen würden. Deutschland hat sich gemeinsam auf den Irrweg der Atomkraftnutzung begeben, Deutschland muss gemeinsam mit den Folgen umgehen. Das bestmögliche Lager wird zu bauen sein - egal wo.

Klar ist: Niedersachsen trägt in Gorleben, in der Asse und in Schacht Konrad bereits schwere Last. Wer es bloß aus Eigennutz und Bequemlichkeit zum Atomklo der Republik machen will, wird auf massiven Widerstand stoßen. Stephan Weil spricht da nicht nur für die Landesregierung, sondern für Millionen Bürger.

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Endlagersuche: Weil kritisiert Bayern und Sachsen

Wohin mit dem Atommüll? Stephan Weil hat die Haltung Bayerns und Sachsens bei der Endlagersuche kritisiert. Niedersachsens Ministerpräsident fordert ein Engagement aller Länder. (08.07.19) mehr

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NDR Info | Kommentar | 14.07.2019 | 09:25 Uhr