Stand: 29.11.2018 15:29 Uhr

Ein Urteil gegen KiK wäre immens wichtig

Der Brand in einer Textil-Fabrik in Pakistan vor sechs Jahren ist seit Donnerstag Bestandteil eines Zivilverfahrens vor einem deutschen Gericht. Ein Überlebender der Katastrophe sowie drei Angehörige von Opfern verlangen von dem Textilunternehmen KiK Schmerzensgeld von jeweils 30.000 Euro. KiK war Hauptauftraggeber der Fabrik. Am ersten Tag der mündlichen Verhandlung vor dem Dortmunder Landgericht ging es vor allem um die Frage, ob Ansprüche verjährt sind. Das Gericht hat dazu noch keine Entscheidung getroffen, das Verfahren wird sich voraussichtlich mehrere Wochen hinziehen. Bei dem Feuer in Karachi im September 2012 waren mehr als 250 Menschen getötet worden, viele Arbeiter wurden verletzt.

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info

Bild vergrößern
Jürgen Webermann hofft auf ein Präzedenzurteil.

Auch wenn das Landgericht den Fall KiK heute erst einmal vertagt hat. Die Entscheidung der Dortmunder Richter, überhaupt eine Verhandlung zuzulassen, ist mutig und wegweisend. Mutig, weil sie Neuland betreten und nach pakistanischem Recht verhandeln müssen. Wegweisend, weil es um eine der Kernfragen der Globalisierung geht: Wer haftet, wenn es in einem Billiglohnland zu schweren Industrie-Katastrophen kommt?

Der Fall könnte etwas ändern

Es fehlt an Gesetzen, die ein für alle Mal regeln, dass Firmen, die ihre Produktion auslagern, trotzdem mitverantwortlich sind für das, was fernab der Heimat in den Fabriken geschieht. Bisher gelang es findigen Anwälten deshalb immer, nationale Rechtssysteme gegeneinander auszuspielen. Der Fall Kik könnte das nun ändern.

Bild vergrößern
Der Prozess gegen Kik vor dem Dortmunder Landgericht startete am Donnerstag.

Die Fabrik in Karachi, in der mehr als 250 Menschen so qualvoll sterben mussten, hatte zu einem großen Teil für KiK produziert. Natürlich, weil es so schön billig ist in Pakistan. Und natürlich, weil es auch es schön einfach ist. Arbeitsschutz-Normen existieren nur auf dem Papier, kontrolliert werden sie nicht. Und wenn, dann weiß der lokale Produzent, wie er mit den Behörden umzugehen hat.

Die Katastrophe war programmiert

Das wussten auch die KiK-Verantwortlichen. Und sie wussten noch mehr: Die Sicherheitsmängel in der Fabrik in Karachi waren so eklatant, dass einem schwindelig werden könnte. Verschlossene Ausgänge, vergitterte Fenster. Dazu würde jeder Elektriker aus Deutschland in südasiatischen Fabriken verzweifeln an dem gefährlichen Gewirr an Kabeln und ungesicherten Stromanschlüssen. Was auch immer das Feuer ausgelöst hat: Die Katastrophe war programmiert.

Es geht um ein Präzedenzurteil

Auch wenn sich in puncto Sicherheit einiges getan haben mag, auch wenn Kik sechs Millionen Euro Entschädigung in Pakistan zahlt. Ein Prozess und ein Urteil gegen das Unternehmen wären jetzt immens wichtig. Dabei geht es nicht nur um KiK oder nur um die Textilbranche, sondern um ein Präzedenzurteil. Ein Urteil, das für alle gilt, die in Billiglohnländern produzieren lassen, sich aber im Ernstfall erst einmal um die Verantwortung für die Zustände in den Fabriken drücken. Ein klärendes deutsches oder europäisches Gesetz ist bislang Fehlanzeige, weil die Bundesregierung daran kein Interesse hat. Sie setzt wie so oft auf Freiwilligkeit und setzt damit die falschen Akzente.

Die Dortmunder Richter könnten die tatenlose Politik jetzt zum Handeln zwingen. Darauf ist zu hoffen. Auch aus Sicht derjenigen Frauen und Männer, die noch immer in gefährlichen Fabriken für unseren Wohlstand schuften müssen.

Weitere Informationen
Panorama 3

Wie KiK sich aus der Verantwortung stiehlt

Panorama 3

Mehr als 1.100 Menschen kamen beim Einsturz einer Fabrik in Bangladesch ums Leben. Auch der Textildiscounter KiK ließ dort produzieren - entgegen anders lautender Aussagen. mehr

Das Erste: Panorama

Chronik der tödlichen Brände

Das Erste: Panorama

Fast 700 Menschen sind seit dem Jahr 2000 bei Bränden in Textilfabriken ums Leben gekommen. Panorama hat die bekanntesten Fälle dokumentiert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 29.11.2018 | 17:08 Uhr