Eine Frau sitzt am Laptop. © NDR Foto: Thomas Naedler

Tablet-Computer für Werkstätten und Wohnheime

Stand: 07.12.2020 15:03 Uhr

Carola Baahs weiß, dass einiges leichter wäre, wenn sie einen Computer hätte, in ihrem Ehrenamt, aber auch bei der Arbeit in der Werkstatt.

von Thomas Naedler

Computer gibt es in den Werkstätten und Wohnheimen für behinderte Menschen kaum. Carola Baahs denkt ungern an den Frühling zurück. Seit 28 Jahren arbeitet sie in der Änderungsschneiderei der Hagenower Werkstätten für Menschen mit Behinderung, doch so etwas hat auch sie noch nicht erlebt. Die Werkstatt: geschlossen. Von einem auf den anderen Tag im Corona-Frühling. "Immer wenn was Neues gekommen ist, hatte ich schon Respekt, beziehungsweise auch Angst, Veränderungen machen auch Angst, engen ein", sagt die 46-Jährige. Damit beschreibt sie eine Stimmung, die sie und ihre Kollegen seitdem immer wieder befällt, immer dann, wenn sie hören, dass wieder neue Corona-Regeln erlassen wurden: "Die fanden das überhaupt nicht schön, zuhause zu sein und der Kontakt mit den Menschen war dadurch auch nicht so gegeben. Wir haben zwar telefoniert, aber sie konnten die anderen ja auch nicht sehen. Da hätte man auch den Laptop nutzen können." Doch Laptops für alle gibt es in den Wohnheimen nicht.

Voller Einsatz für die Kollegen - mit der Schreibmaschine

Carola Baahs hat gelernt, sich durchzubeißen. Eine Hirnhautentzündung hatte sie als Kleinkind fast das Leben gekostet. Geblieben ist eine Lernbehinderung. Zu DDR-Zeiten: Sonderschule mit Internat in Lübtheen - mit Medikamenten ruhig gestellt. Mit der friedlichen Revolution 1989 wurde für sie vieles besser. Heute spielt Carola Baahs Keyboard, malt Bilder in knalligen Farben, fährt viel Fahrrad und lebt in einer eigenen Wohnung. Und sie kümmert sich um die Sorgen ihrer Kollegen, in einer landesweiten Interessenvertretung der Menschen mit Behinderung, die in einer Werkstatt der Lebenshilfe arbeiten. Alles was sie bedrückt nimmt die 46-Jährige mit in die große Runde, sucht zusammen mit anderen nach Lösungen und schreibt Protokoll, mit einer Schreibmaschine, einen Computer kann sie sich nicht leisten. Und noch kann sie ihn auch nicht bedienen.

Kein Geld für digitale Kommunikation

Die Hagenower Werkstätten gehören zum Lebenshilfewerk Mölln-Hagenow. Das ist ein gemeinnütziger Träger, der sich unter anderem um Menschen mit Behinderung in verschiedenen Bereichen kümmert. Was ein Wohnheimplatz beziehungsweise ein Platz in der Werkstatt kosten darf, das verhandeln Träger wie das Lebenshilfewerk mit Behörden in den jeweiligen Kommunen und Landkreisen. Gern würden die Mitarbeiter Computer für die Werkstatt und die Wohnheime anschaffen, doch dafür ist kein Geld vorgesehen. Und selbst wenn sie die Computer anschaffen könnten, wäre noch immer kein Geld da für Schulungen und spezielle Gebrauchsanweisungen, wie sie Menschen mit Behinderung benötigen, erklärt Nils Wöbke. Er ist Spezialist für Barrierefreiheit und leitet unter anderem das Büro für leichte Sprache im Lebenshilfewerk. "Wir denken, ungefähr 5.000 bis 6.000 Euro werden die Tablets kosten für die Bereiche im Wohnen und in der Arbeit und dann wollen und müssen wir die Gebrauchsanweisungen barrierefreier machen, damit die Geräte gut bedient werden können."

Teilhabe: Dabeisein, selbstständig sein

Nils Wöbke ist einer von ganz wenigen Spezialisten für Barrierefreiheit im Land. "Teilhabe", "Barrierefreiheit" - das sind sperrige Begriffe, doch die Aufgabe für Nils Wöbke ist klar: Er will dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung so selbstständig wie möglich sein können. Das beginnt bei barrierefreien Zugängen für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, geht über die so genannte "leichte Sprache", die auch Menschen mit Einschränkungen verstehen, und hört bei Untertiteln, Bildbeschreibungen und einer speziellen Ausstattung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung noch nicht auf. "Menschen ohne Behinderung können häufig selbstverständlich an digitaler Kommunikation mit Smartphone und Tablet teilnehmen, Menschen mit Behinderung haben diese Geräte zumeist nicht und wenn sie sie haben, dann können sie die nicht immer so nutzen", sagt Wöbke. Vor Wahlen organisiert er für behinderte Menschen Workshops, bei denen sie die Parteiprogramme auswerten, zusammen mit dem Staatlichen Museum Schwerin hat er in einem preisgekrönten Projekt Menschen mit Handicap zu Museumsführern weitergebildet.

Weitere Informationen
Hand in Hand für Norddeutschland

NDR Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland"

Die NDR Benefizaktion widmet sich Menschen, die Hilfe brauchen. Organisationen können sich jetzt als Partner für 2021 bewerben! mehr

Neue Möglichkeiten für alle

Die Bedienung von Computern ist in den vergangenen Jahren immer einfacher geworden. Für behinderte Menschen gibt es zahlreiche Spezialprogramme und Assistenzsysteme. Video-Anrufe sind spätestens in diesem Jahr für viele selbstverständlich geworden - doch in den Wohnheimen und Werkstätten fehlt die Technik noch immer. Carola Baahs aber träumt schon davon, was alles möglich wäre: Die Musik ihrer Lieblingskomponisten hören und vielleicht sogar aufs Keyboard schicken, Vorlagen für Weihnachtssterne ausdrucken, die sie dann mit ihren Kollegen auf die Weihnachtstischdecken sticken kann, und den Putzplan für die Schneiderei, den könnte sie dann mit Piktogrammen versehen, so dass ihn auch die Kollegen verstehen, die nicht lesen können.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.12.2020 | 15:03 Uhr

NDR Benefizaktion