Sozialwerk Nazareth: Ein Zuhause für jugendliche Flüchtlinge

Sendedatum: 29.11.2015 19:30 Uhr

Im Sozialwerk Nazareth fanden in den vergangenen Jahrzehnten rund 5.000 Flüchtlinge ein vorübergehendes Zuhause. Darunter mehr als 500 Kinder und Heranwachsende, die ohne ihre Eltern flohen.

Luftansicht vom Sozialwerk Nazareth in Norden-Norddeich © Sozialwerk Nazareth Foto: Sozialwerk Nazareth
Das Sozialwerk Nazareth in Norden-Norddeich liegt vier Gehminuten vom Deich entfernt.

Im Sozialwerk Nazareth in Norden-Norddeich leben Jugendliche, die ohne ihre Familie nach Deutschland geflohen sind. Es liegt mitten im Kurort, zentral im Nordseeheilbad Norddeich, nur vier Gehminuten vom Seedeich und der Nordsee entfernt. Die Anlage besteht aus 25 Appartements und 28 Bungalows, zwei Dienstwohnungen, sowie entsprechenden Verwaltungs-, Konferenz-, Funktions- und Tagungsräumen. Roman Siewert ist der Hausvater des Sozialwerks Nazareth. Vor 30 Jahren gründete er es unter dem Leitbild der christlichen Nächstenliebe. Die ersten Gäste waren damals vietnamesische Flüchtlinge, erinnert er sich. Sie leben inzwischen gut integriert im Landkreis Aurich.

Vorübergehendes Zuhause für Tausende Flüchtlinge

Passbilder von zwei Mädchen aus Eritrea © Sozialwerk Nazareth Foto: Sozialwerk Nazareth
Nebiat (links) und Luwam sind aus Eritrea geflohen und haben sich ohne ihre Familie nach Deutschland durchgeschlagen.

Siewert ist stolz darauf, dass die Menschen in Norddeich friedlich zusammenleben: "Ich habe immer darauf geachtet, dass wir unterschiedliche Arbeitsbereiche haben. Keine Monokultur. Wir sind eine Mutter-Kind-Klinik, dann haben wir einen öffentlichen Kindergarten, betreutes Seniorenwohnen und dann eben die komplexe Flüchtlingsarbeit." Im Sozialwerk Nazareth fanden in den vergangenen Jahrzehnten rund 5.000 Flüchtlinge ein vorübergehendes Zuhause. Darunter mehr als 500 Kinder und Heranwachsende, die ohne ihre Eltern flohen. So wie Luwan und Nebiat. Seit zwei Monaten wohnen die beiden Eritreerinnen in Norddeich. Zögerlich können sie über ihre dramatische Flucht aus ihrer Heimat sprechen. Und das in einer Sprache, die bis vor Kurzem noch vollkommen fremd für sie war.

Nebiats Flucht

Die zierliche Nebiat berichtet, wie sie ihre Mutter pflegte und dafür eine Woche die Schule schwänzte. Deshalb entschied das Militärregime: Die 16-Jährige soll Soldatin werden. Aus Angst um ihre Zukunft beschloss Nebiat, vor der Diktatur zu fliehen. Nebiat saß in Eritrea im Gefängnis. Danach folgte eine anstrengende Flucht durch das Nachbarland Äthiopien, den Sudan, durch die libysche Wüste, bis nach Italien und schließlich Deutschland. Nebiat erinnert sich an Folter und tote Weggefährten. Hausvater Siewert ist auch nach jahrelanger Flüchtlingsarbeit immer wieder ergriffen. Die schrecklichen Erlebnisse der Jugendlichen gehen ihm sehr nah: Er selbst ist leidenschaftlicher Vater von fünf Kindern.

Tagesstruktur bringt Sicherheit

Das Sozialwerk kann die Familie der Jugendlichen nicht ersetzen, sagt Geschäftsführer Klaus Rinschede. Viele Sozialpädagogen und Ehrenamtliche können jedoch dafür sorgen, dass die jungen Flüchtlinge sich sicher und geborgen fühlen. 

Flüchtlingskinder halten Schilder hoch, die zusammen "Vielen Dank" ergeben. © NDR Foto: Christopher Braun
Die jungen Menschen haben hier eine Art Familie gefunden.

Dazu gehören der Besuch in der Schule, neue Bekanntschaften und Freizeitangebote - all das, was ein Familienleben ausmacht. Auch eine Tagesstruktur ist wichtig, da viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene traumatisiert sind. Das wäre auch eine Aufgabe, die eine Familie leistet, Kinder zu stabilisieren. An die Tagesstruktur und Regeln des Sozialwerks Nazareth halten sich 40 jugendliche Flüchtlinge, die in Wohngruppen leben: Um sechs Uhr aufstehen, gemeinsames Frühstück, Schulbesuch, ein gemeinsames Mittagessen. Jedes Haus bietet zehn Plätze für die Jugendlichen. Ein Betreuer ist jeweils immer vor Ort. Denn es kommt oft vor, dass eines der Kinder in der Nacht weinend erwacht, da es von den Erinnerungen eingeholt wird. "Dann wird auch mal zusammen geweint mit dem Betreuerteam. Das macht so ein Stück weit Familie aus", so Siewert.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 29.11.2015 | 19:30 Uhr

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