Sendedatum: 07.01.2016 14:15 Uhr  | Archiv

Poesiealbum: Hartmut sucht Andreas

Das Haus Tornow am Tornowsee © ndr.de Foto: screenshot
Vom Leben gezeichnet: Heute ist Hartmut Enstipp Mitte 50 und blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

"Ich würde mich freuen, meinen besten Freund Andreas wieder zu sehen" - Lange Reden sind nicht Hartmuts Sache. Er spricht langsam, mühsam. Sein nicht gerade einfaches Leben und seine Krankheit sind ihm deutlich anzusehen. Heute lebt der 52-Jährige in Friedland, leidet an einem Hirntumor und ist ein menschliches Wrack. Seine Kindheit verbrachte er im Heim, wo er Andreas kennenlernte und später wieder aus den Augen verlor.

Glück im Unglück: Die Kindheit im Spezialkinderheim

Als Hartmut sechs Jahre alt ist, schießt ihm sein Vater mit einer Schrotflinte ins Bein. Die DDR-Sozialbehörden fackeln nicht lange und bringen Hartmut in einem Heim unter. Das Spezialkinderheim "Wilhelm Piek", ein Heim für schwer erziehbare Kinder, wird ab Ende der 1960er seine neue Heimat.

Das Haus Tornow am Tornowsee © ndr.de Foto: screenshot
Heute ist das ehemalige Kinderheim "Haus Tornow am See" ein Gästehaus, das unter anderem auf Entschleunigung, Ergotherapie, Rehabilitation und Arbeitstraining setzt.

Was grausam klingt, stellt sich für Hartmut als Glücksfall heraus. Denn dort trifft er Andreas, der das genaue Gegenteil vom schmächtigen und ruhigen Hartmut ist. Andreas ist ein Jahr älter, breitschultrig und viel kräftiger. Er beschützt Hartmut als Freund und wie ein großer Bruder. Sie verbringen die meiste Zeit zusammen und spielen gemeinsam in der Heimkapelle die Schalmei. Sogar aus den Sommerferien kommt Hartmut früher wieder zurück ins Heim, weil er Andreas vermisst.

Das Poesiealbum gibt den Anstoß

Nachdem Hartmut sich bei der NDR Aktion meldet, begeben wir uns auf die Suche nach Andreas. Auch er hat ein bewegtes Leben hinter sich, erinnert sich gern an die Zeit mit Hartmut zurück. Auf einem zugigen S-Bahnsteig in Berlin Lichtenberg wartet der Berliner auf seinen alten Freund Hartmut. Über 40 Jahre haben sie sich nicht gesehen. Die Anspannung ist ihm deutlich anzusehen. "Wir haben uns ja nun schon jahrelang nicht gesehen. Die Gefühle kann man gar nicht beschreiben", sagt Andreas, während im Hintergrund die S-Bahn einfährt. Kurz darauf liegen sich die beiden in den Armen.

Wiedersehen nach 40 Jahren

Das Haus Tornow am Tornowsee © ndr.de Foto: screenshot
Andreas Schwericke und Hartmut Enstipp bei ihem Wiedersehen in Andreas' Wohnung in Berlin-Lichtenberg

In Andreas Wohnung in Berlin Lichtenberg stehen Stullen bereit. Hartmut und Andreas quarzen was das Zeug hält. Die Zeit im Heim war ihre schönste Zeit, danach wurde alles noch schlimmer. Seitdem haben beide Besserungsanstalten und Gefängnisstrafen hinter sich gebracht. Im Laufe des Gesprächs stellt sich das alte Verhältnis wieder ein. Andreas, schon damals Hartmuts Beschützer, zieht ein sehr schönes Fazit: " Ich hoffe, dass unsere Freundschaft jetzt nicht wieder auseinandergeht, dass wir Telefonnnummern austauschen, dass wir uns gegenseitig besuchen - ich werde jedenfalls zu ihm stehen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Elbphilharmonie Orchester | Unsere Geschichte | 07.01.2016 | 14:15 Uhr

Ein antikes Poesiealbum liegt mit zwei Oblaten auf einem Holztisch. (Montage) ©  imago/teutopress, B. Wylezich/fotolia Foto: teutopress, fotolia

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