Andreas Rudolph © Imago Images

Ex-HSV-Mäzen Rudolph und die "geilsten Jahre meines Lebens"

Stand: 15.05.2021 12:55 Uhr

Andreas Rudolph hat lange geschwiegen. Im NDR Interview spricht der einstige Präsident und Mäzen der HSV-Handballer exklusiv über Aufstieg und Fall des Hamburger Clubs und seine erkaltete Liebe. 

von Andreas Bellinger und Hendrik Deichmann

Er hat sich rar gemacht in den vergangenen Jahren - und das nicht ohne Grund. So richtig verwunden hat Andreas Rudolph das unrühmliche Ende seiner Erfolgsgeschichte mit den Handballern des HSV Hamburg auch gut fünf Jahre nach der Insolvenz wohl noch nicht. "Es waren zehn tolle Jahre, die ich sehr genossen habe", sagt der einstige Präsident, Macher und Geldgeber. Im Gespräch mit dem NDR offenbart der 66-Jährige aber auch ein abgekühltes Verhältnis zu dem Club, mit dem er alles gewonnen hat und den er mit Herzblut und vielen Millionen Euro 2013 sogar zum Champions-League-Sieg gepusht hat.

"Ist Handball wirklich eine Sportart für Millionen-Städte?"

"Ich hätte mich sehr gefreut, wenn es ein anderes Ende gegeben hätte für meine Ära", sagt Rudolph. Sein ernster, ja fast ärgerlicher Blick verrät: Er sitzt noch immer tief, der Stachel der finanziellen Pleite und des folgenden Zwangsabstiegs in die sportlichen Niederungen der Vierten Liga. Niederlagen gehören schließlich nicht zum Vokabular des in der Medizindienstleistung erfolgreichen Unternehmers. So mag sich vielleicht auch erklären, warum die Liebe zum designierten Bundesliga-Rückkehrer um den einstigen Spieler und jetzigen Trainer Torsten "Toto" Jansen erkaltet ist - und er sich in der Sportclub Story erst jetzt wieder zu Wort meldet.

"Ich verfolge es komplett nicht mehr. Wirklich! Und habe eigentlich nullkommanull Kontakt. Aber natürlich weiß ich, dass sie aufsteigen werden und freue mich darüber, dass sie die Kurve gekriegt haben", sagt Rudolph und fügt aus leidvoller Erfahrung die Frage an: "Aber ist Handball wirklich eine Sportart für Millionen-Städte?"

VIDEO: Sportclub Story: Aufstieg und Fall des HSV Handball (30 Min)

"Unfassbar" - der erste Erfolg auf großer Bühne

"Es war ein Fass ohne Boden", erinnert sich Rudolph an das jähe Ende seines Ausflugs in die Beletage des Handballs, der mit dem Sieg 2007 im Europacup der Pokalsieger seinen Anfang nahm. Ein Highlight, das finale Auf und Ab bis heute unvergessen: "Unfassbar", so Rudolph. "In der letzten Sekunde mussten wir ein Tor machen - und 'Nick' (der Südkoreaner Yoon Kyung-shin, d. Red.) hat ihn aus gefühlten 140 Metern eingeschweißt." Der erste Erfolg auf großer Bühne, dem ein zweiter Pokalsieg 2010, die Meisterschaft 2011 und schließlich 2013 der Triumph in der Champions League in der Verlängerung gegen Barcelona folgten.

Mehr Patriarch als Alleinherrscher

"Mehr Emotion kann man nicht bekommen", sagt Rudolph. Im Überschwang der Gefühle passierten Fehler - dem selbsternannten Patriarchen ("Bin ich auch in meiner Firma eher als der Alleinherrscher") ebenso wie allen, die mit dabei waren: "Wir haben es einfach nicht geschafft, das Projekt auf breite Beine zu stellen. Dabei muss man aber auch sagen, dass die Voraussetzungen für uns gegenüber Flensburg und Kiel beispielsweise beschissen waren." Um die Hallenmiete berappen zu können, brauchte es allein 7.000 Zuschauer pro Spiel. "Und dann sind die Kosten in Hamburg natürlich auch wesentlich höher, was uns beim Etat gleich einen Nachteil von zwei bis drei Millionen Euro eingebracht hat", so Rudolph.

Keine Zuschauer, kein Geld, keine Perspektive

Fast jede Antwort, die spontan aus ihm heraussprudelt, zeugt davon, wie sehr die Erlebnisse der "geilsten zehn Jahre meines Lebens" nachwirken. Der dunkle Fleck in seiner Biografie, den der Insolvenzverwalter am 25. Januar 2016 manifestierte, als er das HSV-Team mit sofortiger Wirkung aus dem Spielbetrieb der Handball-Bundesliga zurückzog, wird Rudolph wohl ewig beschäftigen. "Es ist in meinem Leben nicht so häufig, dass ich etwas nicht erfolgreich abschließen kann." Im September 2015 habe sich angedeutet, "dass immer weniger Geld zur Verfügung stand, dass die Zuschauer immer weniger wurden".

Der Schnitt von mehr als 11.000 Fans in den Jahren von 2010 bis 2012 sei auf 3.500 gesunken. "Selbst wenn ich im Dezember noch mehr Millionen reingetan hätte, hätte es maximal bis zum Mai gereicht." Keine Zuschauer, kein Geld, keine Perspektive.

Fehler und Versäumnisse bleiben unbestritten. Dass es nicht gelungen sei, "die Euphorie aus 2011 und 2013 auf die Folgejahre zu übertragen" zum Beispiel. Aber: "Ich muss betonen, dass ich in dieser Zeit überhaupt keine Funktion mehr hatte."

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Flensburg und Kiel mit solider Arbeit

"Es ist auch eine ganze Menge Misswirtschaft passiert seit dem Jahr 2011", sagt Rudolph, ohne Namen zu nennen. "Wir haben viel versucht, hatten nicht nur einen Geschäftsführer." Dierk Schmäschke, der beim HSV von 2004 bis 2011 als Berater, Geschäftsführer und auch hauptamtlicher Vizepräsident tätig war und dann zurück zur SG Flensburg-Handewitt ging, adelt er dagegen. "Ihn muss ich mal ehren, er hat großen Anteil an den Erfolgen des HSV Handball." Überhaupt gönne er den "Flensburgern und Kielern, dass sie so erfolgreich sind, weil sie seit Jahrzehnten eine solide Arbeit machen".

Rudolph über "Neid, Missgunst und schlechte Gerüchte"

In Hamburg sei das Problem gewesen, so behaupten Kritiker, dass Rudolph keinen Einfluss oder gar Anspruch anderer Sponsoren neben sich geduldet habe. "Das ist leicht dahergesagt, aber falsch", wehrt sich der Präsident (2005-2011 und 2012-2014) und Multimillionär, der geschätzte 50 Millionen Euro in den Club gesteckt hat. "Ich hätte mich sehr gefreut, wenn wir mehr hätten begeistern können, bei uns einzusteigen. Leider hat uns der Mittelstand komplett gefehlt." Statt einer geregelten Nachfolge ("Hätte ich sehr gerne gehabt") habe es "Neid, Missgunst und auch schlechte Gerüchte" gegeben. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es einen Sponsor gegeben hat, der solide einsteigen wollte und den wir verprellt hätten."

Tragödie um Velyky unvergessen

Der knallharte Geschäftsmann, Mäzen und Machtmensch, der mit Phönix Essen und dem OSC Rheinhausen einst selbst in der Bundesliga gespielt hat, hat auch einen weichen Kern. So scheint es jedenfalls, wenn Rudolph von Teamgeist und Zusammenhalt spricht, der seine Motivation für die "geile Sportart" Handball begründe. Oder seine "Fürsorge" für die Spieler. "Handball und mein Job im Gesundheitswesen beinhalten viel Emotionen. Man hat mit vielen Schicksalen zu tun." Besonders hart war der Moment, als der vom Krebs gezeichnete Nationalspieler Oleg Velyky kurz vor Weihnachten 2009 bei ihm auf dem Sofa saß und darum bat: "Erlaubst du mir, dass ich zum Sterben nach Kiew fahre?" Wenige Tage später starb der gebürtige Ukrainer mit nur 32 Jahren.

Ein Schock sei auch Martin Schwalbs Herzinfarkt gewesen, den der in ein paar Wochen als Präsident zurückkehrende Erfolgstrainer nach seinem Rausschmiss 2014 erlitten hat. "Die Kündigung kam nicht von mir", weigert sich Rudolph, sich auch diesen Schuh anzuziehen. "In diesen Prozess war ich nicht involviert."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 16.05.2021 | 23:35 Uhr

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