Stand: 27.03.2020 16:26 Uhr

Corona: Wird Nordhorn-Lingen zum großen Gewinner?

von Christian Görtzen, NDR.de
Nordhorns Trainer Geir Sveinsson (3.v.l.) und seine Spieler © imago images / masterpress
In 27 Bundesligaspielen holte die HSG Nordhorn-Lingen nur vier Punkte.

Mit der Schlusssirene ging eine Erkenntnis einher: "Das war's!" Diesen Gedanken sprach Matthias Stroot nach dem 19:21 im Heimspiel gegen Die Eulen Ludwigshafen auch bald darauf in die Mikrofone: "Die HSG Nordhorn-Lingen plant für die zweite Handball-Bundesliga." Die Aussage des HSG-Geschäftsführers ergab sich durch einen schonungslosen Blick auf die Fakten. Der Aufsteiger stand mit 2:40 Punkten in der Tabelle abgeschlagen auf dem letzten Rang. Es war der Abend des 1. Februar. Die Tagesschau hatte zwei Stunden zuvor berichtet, dass in China das Coronavirus grassiert, dass sich dort mehr als 14.300 Menschen angesteckt hatten. An jenem Abend war dies von der Grafschaft Bentheim aber noch weit weg.

In allen Spielklassen keine Auf- und Absteiger?

Keine vier Wochen später hatte das Virus auch Deutschland erreicht.

Am 12. März entschloss sich die Handball-Bundesliga (HBL) sieben Spieltage vor Ultimo die Saison zu unterbrechen. Seitdem ruht alles, die Serie ist bis zum 23. April ausgesetzt. Doch was, wenn es nicht weitergeht, wenn die HBL wegen der Pandemie die Saison abbrechen muss? Dann könnte die HSG Nordhorn-Lingen, das chancenlose Schusslicht, zum großen Gewinner werden. Und zwar wie folgt: Sollte es zu einem Abbruch der Saison kommen, wäre eine sehr aussichtsreiche Variante des Umgangs mit diesem Extremfall, dass es über alle Spielklassen hinweg von oben bis unten keine Auf- und Absteiger geben wird – und auch keine Meister, was in der Bundesliga den THW Kiel zum Verlierer machte.

Nur einmal reichten vier Punkte - irgendwie

Die HSG Nordhorn-Lingen würde mit aktuell 4:50 Punkten (- 144 Tore) und einem Rückstand von zwölf Zählern auf einen Nicht-Abstiegsrang die Chance erhalten, es in der kommenden Saison in der Eliteklasse um einiges besser zu machen. Erst einmal zuvor seit der Wiedervereinigung ist ein Club mit der Ausbeute von nur vier Punkten nicht abgestiegen: der TuS Schutterwald in der Saison 1999/2000 (4:64 Punkte, -237 Tore) – aber auch nur, weil der Verein mit der SG Willstätt fusionierte und auf diese Weise in der Bundesliga blieb. Ansonsten waren die schwächsten Nichtabsteiger Willstätt (1999/2000) und der VfL Pfullingen (2004/2005) mit jeweils 13 Zählern.

Bohmann: "Eine Lösung, die stringent wäre"

Frank Bohmann © picture alliance / dpa
HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann sucht derzeit nach Lösungen.

Und nun womöglich Nordhorn-Lingen mit vier Punkten? HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann bezeichnete im Gespräch mit NDR.de ein solches Szenario keineswegs als abwegig. "Wenn eine Saison eliminiert wird, gibt es keine Auf- und Absteiger – das wäre eine Lösung, die stringent wäre", sagte Bohmann. Am kniffligsten wäre da noch die Benennung der Europapokal-Teilnehmer. Wird die Eliminierung der Saison konsequent zu Ende gedacht, könnte nicht der aktuelle Tabellenstand herangezogen werden. Dann müssten nochmals die Erstplatzierten der Saison 2018/2019 in den Europacup entsandt werden. Die TSV Hannover-Burgdorf wäre ein Verlierer – aktuell sind die "Recken" Vierter, die vergangene Spielzeit schlossen sie auf Rang 13 ab.

Eine Aufstockung der Bundesliga, das stellte Bohmann klar, werde es nicht geben. "Das ist undurchführbar – wegen der Erweiterung des Europapokals", sagte er. Der EHF-Cup wird zur European Handball League mit Sechsergruppen.

HSG-Geschäftsführer Stroot: "Wäre schon klasse"

Bei der HSG Nordhorn-Lingen können sie dem Gedanken, dass sie auch über den Sommer hinaus zum Kreis der 18 besten nationalen Teams gehören werden, durchaus etwas abgewinnen.

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Die Spieler der HSG Nordhorn mit dem EHF-Pokal © dpa

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"Klar, es wäre kein sportlicher Klassenerhalt. So einer würde sich natürlich besser anfühlen. Aber andererseits: Wer würde nach einigen Monaten darüber noch sprechen?", sagte HSG-Geschäftsführer Stroot im Gespräch mit NDR.de. In jedem Fall wäre es auch so, dass die HSG ein solches Geschenk annehmen würde, trotz der bitteren Erfahrungen in dieser Saison mit Niederlagen zuhauf. "Die Erste Liga ist für uns das, was wir gerne erreichen möchten. Wenn es die Möglichkeit gäbe, dann wäre das für uns schon klasse. Dann wären wir sicherlich ein Gewinner. Wir wüssten aber genau darum, dass es auch Verlierer gäbe", sagte Stroot.

Und sollte es tatsächlich so kommen, dass die HSG auch in der kommenden Saison um Punkte gegen Kiel, die SG Flensburg-Handewitt oder den SC Magdeburg spielt, würde es insgesamt auch besser laufen als in dieser eigentlich verpatzten Serie, glaubt Stroot: "Wir haben ganz viele Erfahrungen gemacht, darunter viele negative. Das Team hätte sich bei einer zweiten Chance an die Liga gewöhnt - in Sachen Geschwindigkeit, Köperlichkeit, Individualität." Jetzt stellt sich nur die Frage, ob es diese zweite Chance gibt. Die HBL erklärte, dass bis spätestens Anfang Mai die Entscheidung darüber fallen werde, ob die Saison abgebrochen wird.

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Handball im Tornetz © picture-alliance / Sven Simon Foto: FrankHoermann/Sven Simon

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 23.03.2020 | 23:03 Uhr

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