Riesenjubel nach dem Abpfiff und dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. © Beckmann

Als Holsteins Handballerinnen Geschichte schrieben

Stand: 18.04.2021 10:18 Uhr

Holstein Kiel verbinden die meisten wohl mit Fußball. Vor 50 Jahren sah das anders aus: Die Frauen-Handballmannschaft von Holstein Kiel holte sich den Meistertitel.

von Norman Nawe

Wenn man in Schleswig-Holstein über Deutsche Handball-Meister spricht, dann geht es in der Regel um die Triumphe der Männer-Teams des THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt. Während beide Clubs zusammen gleich 24 Mal den Titel in den hohen Norden holten (THW 21, SG 3), wanderte die Meisterschaft bei den Frauen nur ein einziges Mal nach Schleswig-Holstein. Am 18. April 1971 - vor genau 50 Jahren - gewannen die Spielerinnen von Holstein Kiel das Endspiel gegen den 1. FC Nürnberg in der Kieler Ostseehalle mit 6:4.

Original-Hallen-Zeitung zum Endspiel der Deutschen Hallenhandballmeisterschaft 1971 in Kiel. © NDR
Die Original-Hallen-Zeitung zum Endspiel.
 Schon 1970 im Endspiel

Die Geschichte dieses historischen Erfolges begann allerdings schon ein Jahr vorher. Auch da schafften es die Holstein-Handballerinnen in das Endspiel und auch da hieß der Gegner 1. FC Nürnberg. Der Club aus Franken hatte schon 1964 und 1969 die Hallen-Meisterschaft geholt und war gegen die Kielerinnen bei ihrer ersten Finalteilnahme der Favorit. Am Ende setzte es für die Spielerinnen um Dagmar Neutze (heute Dagmar Hansen-Kohlmorgen) in der Franken-Metropole eine denkbar knappe 8:9-Niederlage und Neutze sprach anschließend in den "Kieler Nachrichten" von der größten sportlichen Enttäuschung, die sie erleben musste. Noch heute erinnert sie sich: "Ich habe damals mit einem Fehlpass den entscheidenden Treffer für die Nürnbergerinnen eingeleitet!" Doch schon ein Jahr später ergab sich für Neutze und ihre Mannschaft die Chance zur Revanche.

Über Leverkusen erneut ins Finale

Nachdem die Kielerinnen in der Zwischenrunde das Top-Team von Bayer Leverkusen ausschalten konnten, stand einer Neuauflage des Finals von 1970 gegen den 1. FC Nürnberg nichts mehr im Wege. Diesmal lag das Heimrecht bei Holstein und das sollte sich auszahlen. Vor dem Duell bezog die Mannschaft noch ein kurzes Trainingslager in Plön und bereitete sich im Leistungszentrum in Malente auf das Endspiel vor. Dazu gab es noch ein Test-Spiel gegen Concordia Hamburg. Das Selbstvertrauen bei den Kielerinnen war groß, denn seit dem Endspiel 1970 hatten sie ein Jahr lang kein Spiel mehr verloren.

Riesenjubel nach dem Abpfiff und dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. © Beckmann
AUDIO: 50 Jahre Deutsche Handball-Meisterschaft Holstein Kiel (2 Min)

Der Große Tag

Und dann war der große Tag da. Die zweifache Torschützin Erika Gaedicke (heute Erika Wohlert) bekam schon bei der Ankunft an der Ostseehalle eine Gänsehaut: "Da standen die Menschen schon in Schlangen an den Kassen!" Am Ende waren über 3.000 Handball-Fans mit dabei - so viele wie noch nie bei einem Frauen-Endspiel. Auch die gesamte Fußball-Mannschaft der Störche saß auf der Tribüne, genauso wie viele Spieler des Männer-Bundesligisten THW.

Ein Plakat kündigt das Finale der Deutschen Hallenhandballmeisterschaft 1971 in Kiel an. © NDR
Mit diesem Plakat wurde das Finale 1971 in Kiel angekündigt.
Dramatik bis zum Schluss

Sie alle erlebten eine dramatische Partie. Zwei Minuten vor dem Ende (die Spieldauer betrug damals 2x25 Minuten) sorgte Bärbel Ehlers mit einem verwandelten Siebenmeter für das Kieler 6:4 und damit die Entscheidung. Der Jubel kannte nach dem Spiel natürlich keine Grenzen. Zum ersten und bis heute auch zum letzten Mal ging der Titel an eine Mannschaft aus Schleswig-Holstein. An die anschließende Siegfeier kann sich Doppeltorschützin Erika Gaedicke noch gut erinnern: "Wir fuhren in die Schweinsgeige. Da gab es ein großes Steak-Essen und trinken durften wir, was wir wollten!"

Vater des Erfolges: Kurt Bartels

Ohne einen wäre dieser historische Erfolg wohl kaum möglich gewesen: den 2013 verstorbenen Meister-Trainer Kurt Bartels. Der Großvater des heutigen Kieler Fußball-Profis Fin Bartels war ein echter Handball-Fuchs. Als Spieler des THW Kiel gewann er mit den Zebras an der Seite von Hein Dahlinger 1957, 1962 und 1963 die Deutsche Meisterschaft. Seine Trainerkarriere begann Bartels beim TuS Holtenau, ehe er Im August 1968 dann die Frauen der KSV Holstein übernahm. Seine Meister-Spielerin Erika Gaedicke bezeichnet ihren damaligen Coach als "Kumpeltyp" der aber auch bestimmt hat: "Was er gesagt hat, das wurde auch gemacht!" Und Dagmar Neutze ergänzt: "Er hat uns gerne Runden um die Sporthalle am Holstein-Stadion laufen lassen. Deshalb nannten wir ihn auch Runden-Kurt." "Auf das Endspiel waren wir auf jeden Fall ganz hervorragend eingestellt von ihm", unterstreicht Erika Gaedicke auch 50 Jahre später den großen Anteil von Kurt Bartels an dem großen und bis heute einmaligen Erfolg für Schleswig-Holsteins Frauen-Handball am 18. April 1971.

Diese Spielerinnen holten den Titel nach Kiel:

Holstein Kiel: Karin Witthinrich, Gisela Dörks, Renate Plewe (1 Tor), Dagmar Neutze (1), Ursula Ehlers, Carmen Ehlert, Bärbel Ehlert (2), Erika Gaedicke (2), Monika Maffert, Anke Sengebusch, Jutta Bachmann, Anneliese Reese, Renate Reese, Angelika Meyer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 18.04.2021 | 16:40 Uhr

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