Jubel bei den Kieler Spielern nach dem Führungstor auf Schalke 04. © IMAGO/TEAM2sportphoto Foto: Maik Hölter

Holstein Kiel in der Datenanalyse: Wie gut sind die "Störche" wirklich?

Stand: 17.09.2023 09:42 Uhr

Fußball-Zweitligist Holstein Kiel ist als Tabellenzweiter in die Länderspielpause gegangen. Die Datenanalyse vor dem Duell mit St. Pauli zeigt, ob sich Kiel Hoffnungen auf den ersten Bundesliga-Aufstieg machen kann.

von Florian Neuhauss

Auswärtsspiele in Braunschweig und auf Schalke, dazu zu Hause gegen Fürth, Magdeburg und Paderborn - der Saisonauftakt von Holstein Kiel hatte es durchaus in sich. Umso bemerkenswerter, dass die Mannschaft von Trainer Marcel Rapp schon vier Siege (nur die Partie gegen Magdeburg ging mit 2:4 verloren) eingefahren hat. Einen Punkt hinter dem Hamburger SV und einen vor Magdeburg belegt Holstein Rang zwei.

"Die Jungs sind gut im Verteidigen, wir haben gute Umschaltmomente. Das zeichnet uns im Moment aus. Aber wir haben trotzdem noch Luft nach oben." Holstein-Coach Marcel Rapp

Nach dem jüngsten 2:1-Erfolg gegen Paderborn setzte der Coach bei der anschließenden Pressekonferenz dennoch sein Pokerface auf und erklärte nüchtern, er sehe bei seiner Mannschaft noch Steigerungspotenzial.

Aber gibt es dieses Potenzial wirklich? Und können die Schleswig-Holsteiner in dieser Saison sogar ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden? Der Blick in die GSN-Daten zeigt, was das Team aktuell so stark macht und auch, wie viel Aufstiegs-Hoffnung sich Club und Fans machen sollten.

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Nächster Gegner St. Pauli - Kiel viel effektiver

Dass Kiel aktuell oben mit dabei ist, kommt nicht von ungefähr - auch nach den Expected Points ist Holstein Zweiter. Anders als der kommende Auswärtsgegner FC St. Pauli (heute, 13.30 Uhr, im NDR Livecenter) nutzen die Kieler ihre Möglichkeiten. St. Pauli ist nach Expected Points knapp hinter dem HSV und der KSV Dritter - in der Realität jedoch nur Neunter.

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Kiels Höhenflug auch dank Kopfballstärke

Ihr Potenzial nutzen Rapps Mannen auch in Sachen Körpergröße: Die Neuzugänge Colin Kleine-Bekel (1,92 m), Tom Rothe (1,93 m) und Marko Ivezic (1,91 m) haben genauso Gardemaß wie die "Alt-Kieler" Holmbert Aron Fridjonsson und Patrick Erras, die sogar 1,96 Meter lang sind.

Sowohl in der Defensive als auch in der Offensive gewinnt keine Mannschaft so viele Luftduelle wie Kiel, das zudem ligaweit die meisten Angriffe mit einem Kopfball abschließt. Mit insgesamt gut 105 gewonnenen Zweikämpfen pro Partie belegt das Team außerdem Rang zwei.

Trainer Rapp erkennt die Stärken des Teams

Coach Rapp, der mit einem GSN-Index von 69,19 durchaus Bundesliga-Format hat, legt in der ersten Aufbauphase Wert auf Kurzpassspiel. Danach schlagen seine Spieler oft lange Bälle, bei denen die Kopfballstärke ins Gewicht fällt. In der Defensive setzt er auf Raumdeckung, gepresst wird situativ. Aus dem 3-4-1-2-System wird gegen den Ball ein 5-3-2.

Der 44-jährige Pforzheimer hat die Qualitäten seines neuen Kaders, zu diesem passt das 3-4-1-2-System laut den Daten am besten, schnell erkannt. Vor der Saison haben viele Spieler die Holsteiner verlassen - darunter mit Fabian Reese, Hauke Wahl, Fin Bartels und Alexander Mühling langjährige Gesichter des Vereins.

Dennoch hatte Rapp schnell seinen Stamm gefunden. Die Statistik zur "Teamstabilität" (Wie oft lässt der Trainer das gleiche System mit den gleichen Spielern spielen?) weist auf der Skala von 0 bis 100 genau 90,91 Prozentpunkte aus. Rapp nimmt also relativ wenig Veränderungen vor.

Rothe und Sterner verleihen den "Störchen" Flügel

Zu den großen Gewinnern im neuformierten Kader gehören Kleine-Bekel und Rothe, die schon in der U19 von Borussia Dortmund gemeinsam auf dem Platz standen und in der Länderspielpause ihr Debüt in der deutschen U21-Nationalmannschaft gefeiert haben.

Mit einem Performance-Score von 64,72 ragt Rothe nicht nur bei Holstein aus der Mannschaft heraus, sondern ist ligaweit der beste Schienenspieler auf der linken Seite. Der 18-jährige gebürtige Rendsburger ist eigentlich Linksverteidiger, glänzte in Kiel aber auch schon mit drei Vorlagen und einem Treffer.

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Auffällig: Nicht nur auf der linken Außenbahn ist Kiel ligaspitze. Jonas Sterner belegt als rechter Schienenspieler mit einem Performance-Score von 63,24 ebenfalls Rang eins. Übrigens dicht gefolgt von Finn Porath (Rang drei/60,45). Und auch Torhüter Timon Weiner (62,22), Mittefeldmann Philipp Sander (60,26), Torjäger Steven Skrzybski (63,07) sowie Sturm-Neuzugang Shuto Machino (60,92) haben vorzügliche Performance-Werte.

Zudem ist bemerkenswert, dass mittlerweile eine ganze Reihe dieser herausragenden Spieler den Weg über die eigene Nachwuchsabteilung gekommen ist. So wurde Kleine-Bekel genauso über die zweite Mannschaft in der Regionalliga Nord an die Profis herangeführt wie Sterner, Sander und Weiner.

Holstein lässt den Ball am schnellsten laufen

Nur weil die Kieler auf lange Bälle setzen, sollte allerdings niemand die Spielstärke der "Störche" unterschätzen. Ein wichtiges Mittel zu deren Einordnung ist das sogenannte Matchtempo, sprich die Anzahl der Pässe pro Minute Ballbesitz. Kiel kommt hierbei auf 17,62 - und ist auch damit das beste Team der Liga.

Die KSV belegt mit durchschnittlich 219,20 Sprints und 674,60 intensiven Läufen pro Partie jeweils den dritten Platz des Liga-Vergleichs. Auch deshalb gelingt es Holstein immer wieder, in gute Abschlusspositionen zu kommen: Mehr als neun Schüsse aufs Tor gibt Kiel direkt aus dem gegnerischen Strafraum ab. Das bedeutet genauso den zweiten Rang wie eine durchschnittliche Torschussentfernung von nur 15,09 Metern. Rapps Team hat es ob der eigenen Spielstärke schlicht nicht nötig, reihenweise Fernschüsse abzugeben. Wenngleich nicht zuletzt ein Skrzybski dieses Mittel natürlich in seinem Repertoire hat.

VIDEO: Aus 47 Metern! Skrzybski schießt Kiel gegen Paderborn ins Glück (4 Min)

Erinnerungen an die Saison 2020/2021 werden wach

All das könnte vor allem bei den Fans Aufstiegshoffnungen geweckt haben. Und die KSV Holstein war ja schon einmal ganz nah dran am ersten Sprung in die Bundesliga: In der Saison 2020/2021 waren die "Störche" unter dem heutigen Werder-Coach Ole Werner lange Zeit auf der direkten Flugroute in die Erste Liga. Hinzu kam der sensationelle Pokal-Erfolg gegen Bayern München.

Dann aber wurde das Team knallhart von der Corona-Pandemie erwischt. Nach zwei Niederlagen an den letzten beiden Spieltagen wurde es am Ende "nur" Rang drei. In der Relegation gab es dann zwar noch einen 1:0-Hinspielerfolg in Köln, dann ging Kiel aber im Rückspiel mit 1:5 unter.

Aufstiegschancen für Kiel trotzdem sehr klein

Seitdem ist Kiel einmal Neunter und einmal Achter geworden. Auch wenn Rapp in der vergangenen Saison ebenfalls mit lauten Worten aufgefallen war: Wer attraktiven Fußball sehen wolle, müsse sich sein Team anschauen. Doch nachhaltig erfolgreich war der Fußball eben nicht. Auch deshalb kommt der erneute Höhenflug durchaus überraschend - zumal die Schleswig-Holsteiner beide Male (mit vier und mit acht Punkten) auch deutlich schlechter gestartet sind als jetzt.

Trotzdem macht die Saison-Simulation anhand der vorliegenden Daten nicht viel Mut, dass ein Parforceritt in die Bundesliga glücken könnte. Demnach belegt die KSV am Ende mit 51 Zählern Rang sechs. Die direkte Aufstiegschance liegt lediglich bei fünf Prozent, für den Relegationsplatz sieht es mit sieben Prozent auch kaum besser aus.

HSV laut Daten Aufstiegsanwärter Nummer eins

Aber Rapp und seine Spieler werden die Daten sicher Lügen strafen wollen. Dass die errechnete Tabelle den HSV (83-prozentige Wahrscheinlichkeit, einen der ersten beiden Plätze zu belegen) und Fortuna Düsseldorf (35 Prozent) als direkte Aufsteiger und St. Pauli auf Platz drei zeigt, wird sie nicht irritieren. Zumal man den Kiezkickern bereits heute die eigenen Stärken vor Augen führen kann.

Mögliche Aufstellungen:

St. Pauli: Vasilj - Nemeth, Wahl, Mets - Saliakas, Smith, Hartel, Ritzka - Afolayan, Albers, Saad
Kiel: Weiner - Schulz, Erras, Kleine-Bekel - Porath, Ivezic, Sander, Rothe - Skrzybski - Machino, Pichler

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 17.09.2023 | 22:50 Uhr

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