Stand: 22.07.2020 10:00 Uhr

Wirtschaftsexperte Maennig: "Fußball fällt aus großer Höhe"

Wolfgang Maennig in einer Diskussion. © imago images / Camera4
Wirtschaftspolitik-Professor Wolfgang Maennig: "Der Fußball kann sich nicht völlig anders entwickeln als die Märkte, von denen er abhängt."

Wolfgang Maennig ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg und Sportökonom. Als ehemaliger Ruderer - Maennig gewann bei den Olympischen Spielen 1988 Gold mit dem Achter - kennt er die Gesetzmäßigkeiten im Sport aber auch aus anderer Perspektive. Im Interview mit NDR.de spricht Maennig über die finanziellen Folgen der Corona-Krise für das Fußballgeschäft.

Professor Maennig, die meisten norddeutschen Fußballclubs üben sich noch in Zurückhaltung auf dem Transfermarkt. Könnte das eine direkte Folge der Corona-Krise sein?

Maennig: Mit Sicherheit ist das eine der Ursachen. Bei Vereinen wie dem HSV kommt noch die unerwartete Perspektive hinzu, weiter nicht in der ersten Bundesliga zu sein. Und es kommt eine allgemeine Rezession dazu, die schon vor der Pandemie begonnen hat. An Wirtschaftsdaten ist abzulesen, dass es bereits vor der Corona-Krise eine Abschwächung der Auftragseingänge, der Exportnachfrage und auf dem Arbeitsmarkt insgesamt gab.

Was bedeutet es generell für den Profifußball, dass weniger Geld im Umlauf ist?

Maennig: Wenn die Zuschauer-Einnahmen zurückgehen, die Fernsehgelder schrumpfen, die Sponsoren in der Krise nicht mehr die Zahlungsbereitschaft haben, dann stehen den Clubs weniger Finanzmittel zur Verfügung. Damit verlieren sie tendenziell die Fähigkeit, auf den internationalen Talentmärkten um die besten Spieler zu konkurrieren. In der Folge müssten übrigens die Gehälter der Fußball-Profis fallen. Das wird ein kontinuierlicher Prozess sein, zumindest so lange die Pandemie anhält.

Wird diese Entwicklung alle Clubs treffen?

Maennig: Das kann gar nicht anders sein, denn der Fußball kann sich nicht völlig anders entwickeln als die Märkte, von denen er abhängt.

Hat es Sie überrascht, dass in der Corona-Pause so viele Profi-Clubs schon nach kurzer Zeit finanziell in Bedrängnis geraten sind?

Maennig: Eigentlich war das eine logische Konsequenz. Der Fußball hatte sich in faszinierende Höhen geschraubt, auch dank einer allgemein sehr guten wirtschaftlichen Lage. Und jetzt fällt der Fußball natürlich aus einer großen Höhe. Das ist vielleicht vergleichbar mit der deutschen Autoindustrie.

Werder Bremen hat erstmals einen staatlich geförderten Kredit beantragt. Können Sie das nachvollziehen?

Maennig: Dass Fußballvereine staatlich unterstützt werden, dafür habe ich als ehemaliger Amateursportler weniger Verständnis. Werder kann seinen Spielern wahrscheinlich weniger Gehalt zahlen. Das ist sicher unschön, aber andere Sportler fragen sich: Wo ist das Problem? Wir haben gar nichts und machen unseren Sport trotzdem. Dass der Staat - und darauf läuft es ja hinaus - Profifußballer trotz deren hoher Gehälter subventioniert, ist eine bedenkenswerte Angelegenheit. Den Banken und den Automobilunternehmen wurde gesagt: Ihr kriegt die Unterstützung nur, wenn ihr keine Dividende mehr zahlt und die Vorstandsgehälter verringert. Im Fußball ist von solchen Auflagen nichts zu hören.

Neben Werder hat auch der HSV angekündigt, das Budget deutlich zurückzuschrauben. Wie beurteilen Sie die finanzielle Situation des HSV?

Maennig: Im Fußball gibt es das immer wieder mal, dass sich Clubs abhängig machen von einem Mäzen wie Herrn Kühne. Ansonsten ist die Finanzierungs-Struktur des HSV nicht viel anders als bei anderen Clubs. Der HSV wird jetzt im dritten Jahr in der Zweiten Liga noch mal weniger Fernsehgelder zur Verfügung haben. Es wird eine Anpassung geben müssen, in allen Belangen.

Dass der Staat - und darauf läuft es ja hinaus - Profifußballer trotz deren hoher Gehälter subventioniert, ist eine bedenkenswerte Angelegenheit. Wolfgang Maennig

Was sollte im Profifußball jetzt passieren? Reicht es, auf eine Selbstreinigungskraft des Marktes zu setzen oder braucht der Fußball strikte Regularien wie Obergrenzen für Spielergehälter?

Maennig: Eine Regulierung sollten die Deutsche Fußball Liga und die UEFA gegebenenfalls selbst vornehmen. Es gibt keine Notwendigkeit, dass der Staat eingreift. Die angedachten Initiativen zu einem Salary Cap laufen darauf hinaus, dass Vereine oder Verbände sich zusammenschließen und Gehaltsobergrenzen durchsetzen. Als überzeugter Marktwirtschaftler sehe ich das so: Wenn das so ausgestaltet wäre, dass es keine kartellrechtlichen Probleme gäbe, hätte ich nichts dagegen. Die deutschen Clubs werden einen Salary Cap aber nicht schaffen, denn die Engländer und Spanier haben kein Interesse daran, ihren Vorteil im Wettbewerb herzugeben.

Der Vorstoß von Schalke 04 ist also zum Scheitern verurteilt?

Maennig: Schalke wird nur noch Spieler bekommen, die nicht mehr als 2,5 Millionen Euro im Jahr verdienen wollen. Also wird sich die Wettbewerbssituation des Clubs mit Sicherheit nicht verbessern. Geld schießt Tore, das ist empirisch nachgewiesen. Man kann durchaus auch mal mit weniger Budget erfolgreich sein, allerdings nicht dauerhaft. Statistisch gesehen wird Schalke darunter leiden, und sie werden es vermutlich nicht lange durchhalten.

Kontrovers diskutiert werden auch die Beraterhonorare. Wolfsburg hat laut DFL in der Saison 2018/2019 allein 10,6 Millionen Euro an Spielervermittler gezahlt, Hannover 96 als Zweitliga-Krösus immerhin 3,3 Millionen. Ist diese Entwicklung gesund?

Maennig: Die Gesamtsumme der Vermittlerhonorare in der Bundesliga ist inzwischen auf rund 200 Millionen Euro pro Geschäftsjahr angewachsen. Bei der DFL rumort es deswegen. Aber auch hier gibt es wenig Handhabe, solange ein Vorgehen nicht international abgestimmt ist. Dabei sind eigentlich die Spieler die Hauptleidtragenden.

Warum?

Maennig: Die Clubs zahlen insgesamt entsprechend der "Produktivität" der Spieler, insbesondere entsprechend ihrer Fähigkeit, Zuschauerkontakte zu produzieren. Alles, was der Spielerberater bekommt, bekommen die Spieler nicht. Eigentlich sollten also die Profis ein Interesse daran haben, dass diese Makler-Provisionen eingefangen werden. Mir ist allerdings keine Initiative bekannt, die daran etwas ändern will. Dabei wäre es möglich, das haben die olympischen Athleten in Deutschland gezeigt. Sie haben sich zusammengeschlossen und gefordert, dass sie an den Einnahmen der Olympischen Spiele beteiligt werden. Das hat international viel Aufmerksamkeit generiert.

Werden Ablösesummen im Fußball künftig deutlich geringer ausfallen?

Maennig: Durchschnittlich müsste das der Fall sein, solange die Pandemie anhält, weil die Budgets zurückgehen. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung sieht das möglicherweise anders aus. Denn der Gehaltsvorteil der Allerbesten, der Qualitätsnachfrage-Gradient, wie Ökonomen das nennen, existiert weiter: Man will den besten Herzchirurgen haben, den besten Opern-Tenor hören, den besten Fußballspieler sehen. Und der Star-Kult scheint eher noch zuzunehmen. Es könnte also sein, dass die absoluten Topstars sogar noch mehr Transfererlöse auslösen.

Das Transferfenster ist bis 5. Oktober geöffnet. Rechnen Sie danach mit mehr arbeitslosen Spielern, weil die Clubs als Sparmaßnahme vielleicht ihre Kader verkleinern müssen?

Maennig: Ob Spieler wirklich in die Arbeitslosigkeit gehen müssen, sei mal dahingestellt. Fußballer, die nicht mehr so nachgefragt werden, hören eben auf, wie gerade erst André Schürrle. Kader-Verkleinerungen wären eine Möglichkeit zu sparen, allerdings gibt es medizinisch-athletische Grenzen. Die Verletzungszahl steigt, je kleiner der Kader ist. Die Verkleinerung wird nicht die wesentliche Anpassungsreaktion der Vereine sein.

Der Star-Kult scheint eher noch zuzunehmen. Es könnte also sein, dass die absoluten Topstars sogar noch mehr Transfererlöse auslösen. Wolfgang Maennig

Deutschland hat die Corona-Krise im Vergleich mit Spanien, Italien, England nicht so hart getroffen. Was bedeutet das für das Kräfteverhältnis zwischen den großen Ligen?

Maennig: Es könnte sich eine Situation wie nach der großen Finanzkrise 2008/2009 ergeben, als Deutschland als Krisengewinner dastand - auch wenn der Begriff in der Situation unschön ist. Die schweren Einschläge in der Wirtschaft Spaniens oder Italien haben damals junge, flexible, motivierte Leute in den deutschen Arbeitsmarkt gebracht. Ähnlich könnte es nun kommen. Unsere Hauptwettbewerber Spanien, Italien und Großbritannien sind von Covid-19 nicht nur medizinisch stärker betroffen, sondern auch wirtschaftlich, dafür gibt es erste Indikationen. Das würde bedeuten, dass die Etats in der Bundesliga nicht so stark fallen wie in den anderen Ländern. Damit könnten die deutschen Vereine auf den internationalen Talentmärkten vielleicht den einen oder anderen Fußballer gewinnen, den sie sich vorher nicht leisten konnten.

Das Interview führte Ines Bellinger, NDR Sport

Zahlungen aktueller Nord-Bundesligisten an Spielerberater (Saison 2018/2019)
(Quelle: Finanzkennzahlen Deutsche Fußball Liga)
VfL Wolfsburg10,6 Millionen Euro
Werder Bremen5,1 Millionen Euro
Hannover 963,3 Millionen Euro
Hamburger SV3,0 Millionen Euro
Holstein Kiel1,2 Millionen Euro
FC St. Pauli621.000 Euro
Eintracht Braunschweig561.000 Euro
VfL Osnabrück135.000 Euro
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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 22.07.2020 | 10:25 Uhr

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