Stand: 01.05.2019 05:00 Uhr

Kunkel: Vom "Motzki" zur Vorzeige-Schiedsrichterin

von Samir Chawki

Susann Kunkel wirkt selbstbewusst, souverän und strahlt dabei eine natürliche Autorität aus. Dass die Schiedsrichterin vom SV Eichede sprachlos sein kann, ist kaum zu glauben. Doch wenn es um das größte Spiel ihrer Karriere geht, fehlen auch Kunkel mal die Worte. Am Mittwoch leitete sie das DFB-Pokalfinale der Frauen zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg. "Als ich das am Telefon erfuhr, konnte ich erst einmal nichts sagen", erzählt die 35-Jährige, die von der "DFB-Nominierung überrascht" war. Als junges Mädchen, das in der Jugend immer mit ihren Cousins Fußball gespielt hat, hätte sie sich nie träumen lassen, einmal im Pokalfinale aufzulaufen - zumindest nicht in der Rolle der Unparteiischen.

Kunkel gelingt der Sprung in die Frauen-Bundesliga

Eine Zwangspause zum Guten

In ihrer Jugend spielt Kunkel sowohl Handball als auch Fußball. Da beides auf Vereinsebene nicht gut nebeneinander funktioniert, entscheidet sie sich für den Fußball. Als junge Spielerin beim MSV Neuruppin fällt sie oft negativ auf. "Wenn irgendetwas im Spiel nicht lief, war es der Schiedsrichter, der Schuld war, oder meine Mitspielerinnen oder die Gegenspielerin, die doof waren." Ihr spielerisches Vorbild damals ist Matthias Sammer - der als "Motzki" bekannte Bundesliga-Spieler ist mit seinem Temperament eine Herausforderung für Unparteiische. Kunkel auch.

Nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung in einem Spiel platzt ihr der Kragen: "Sind sie blind?", fragt sie den Schiedsrichter. Der schickt sie daraufhin mit Rot vom Platz. Sie bekommt eine Sperre von drei Spielen. Die Pause wirkt. Kunkel überdenkt ihr Verhalten und ihren Umgang mit den Referees. "Man muss Fehlentscheidungen auch akzeptieren können. Das gehört zum Fußball dazu, so wie ich einen Fehlpass spiele, kann auch ein Schiedsrichter Fehler machen", sagt sie.

Karriere geht im Norden weiter

Nach einem einjährigen Gastspiel bei Union Berlin kehrt Kunkel wieder zurück nach Hamburg, weil sie in der Hansestadt studiert. Sie spielt ein Jahr beim SV Lurup und wechselt 2007 zum FFC Oldesloe (Kreis Stormarn). Der Verein fördert den Frauenfußball - und steigt bis in die Zweite Bundesliga auf. In einem Vorbereitungsspiel gegen eine Männermannschaft reißt sie sich das Kreuzband. Schmerzhaft erinnert sich Kunkel daran: "Das ist schon einschneidend. Ich liebe den Fußball. Ich habe es auch geliebt, Fußball zu spielen. Damit ein halbes Jahr auszusetzen und zum Zuschauen verdammt zu sein, das war schon sehr hart." Doch sie kommt zurück.

Schiedsrichterin Susann Kunkel lächelt dezent in die Kamera. © NDR Foto: Samir Chawki

"Ich bekam Rot für Schiedsrichterbeleidigung"

NDR 1 Welle Nord - Der Nachmittag -

Susann Kunkel ist Schiedsrichter und pfeift das DFB-Pokalendspiel der Frauen. Im Interview gibt sie Antworten auf Fragen zur Kondition oder was ihr schönstes Spiel war.

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Kreuzbandriss und Karriereende

Erneut reißt ihr Kreuzband, dieses Mal im Training ohne Fremdeinwirkung. "Da gab es Tränen. Ich habe lange mit mir gehadert und mit mir gerungen, ob ich wirklich das aktive Spielen aufhören soll. Letztendlich war es aber die richtige Entscheidung, der nächste Kreuzbandriss wäre mit Sicherheit gekommen." Weil sie ihrem Arbeitgeber keine weiteren Dienstausfälle zumuten will, beendet Kunkel mit Mitte 20 ihre Spielerkarriere. Das Ende schmerzt, ihr Blick geht aber schnell nach vorne: "Für mich war klar, wenn ich nicht mehr Fußball spielen kann, dann möchte ich irgendetwas anderes machen, das damit zu tun hat", sagt die 35-Jährige.

Sie ist zwar schon als Trainerin aktiv, doch der Job ist mit ihrem Schichtdienst nicht zu vereinbaren. Kunkel orientiert sich neu. Ihr Verein FFC Oldesloe sucht gerade Schiedsrichter. Aus einer Laune heraus lässt sie sich zur Schulung anmelden - und das, obwohl sie Schiedsrichtern eigentlich eher kritisch gegenüberstand.

Blick aus der anderen Perspektive

Die andere Perspektive einzunehmen, ist jedoch spannend. Bei ihrem ersten Spiel in der Frauen-Verbandsliga in Fischbek wirkt sie nervös, hat ein Kribbeln im Bauch. "Das war der spannendste Moment, weil ich dann erst wusste, ob das etwas für mich ist." Es läuft gut, nach der Partie geben ihr beide Mannschaften und der Schiedsrichter-Obmann ein positives Feedback. Überhaupt bekommt sie viel Lob für ihre Spielleitung. Es läuft für Kunkel in der neuen Rolle. Ihr Stammverein nimmt hingegen einen anderen Weg - der FFC Oldesloe löst sich im Sommer 2014 auf.

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Seit 2015 pfeift Susann Kunkel in der Regionalliga Nord, wie hier beim SC Weiche Flensburg 08. Außerdem gelingt ihr der Sprung in die Frauen-Bundesliga.
Rasanter Aufstieg mit Pokalhighlight

Sie pfeift von da an für den SV Eichede (Kreis Stormarn). Ein Schiedsrichterkollege fragt nach einem Kreisligaspiel, ob sie ihm in der Verbandsliga assistieren möchte. Kunkel will, überzeugt und steigt schnell auf: von der Schleswig-Holstein-Liga über die Oberliga und der Regionalliga Nord bis zur Frauen-Bundesliga. Dabei sind ihr die Unterschiede zwischen Frauen- und Herren-Fußball deutlich bewusst: "Das ist von der Intensität her anders, bei den Herren ist alles körperbetonter." Sie meistert auch die Herausforderungen in den höheren Spielklassen. Als Belohnung darf sie als Schiedsrichterassistentin mit zum DFB-Pokalfinale der Frauen zwischen dem SC Sand und dem VfL Wolfsburg (1:2). "Das ist ein Angebot, das man nicht ablehnt. Wenn es plötzlich heißt, du bist es."

Pfiffe nach dem Pfeifen

Das Endspiel wird ein schweres Spiel für Kunkel und Co. Bei der Siegerehrung gibt es von den mitgereisten Fans des unterlegenen Außenseiters aus Sand Pfiffe gegen das Schiedsrichtergespann. Kunkel lässt sich davon nicht abschrecken. Kunkel weiß, dass das dazugehört. Sie möchte die Pionierarbeit, die Frauen - wie Bibiana Steinhaus oder Riem Hussein - für das Schiedsrichterwesen geleistet haben, fortführen. "Wir haben momentan etwa 2.000 Schiedsrichterinnen, das ist schon eine gute Anzahl."

Vielleicht kann Kunkel mit einer guten Leistung am 1. Mai beim DFB-Pokal-Finale noch mehr Frauen an die Rolle des Unparteiischen begeistern. Aber eins dürfte sicher sein. Das Endspiel wird die 35-Jährige nicht sprachlos leiten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Der Nachmittag | 30.04.2019 | 15:20 Uhr

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