Stand: 12.11.2018 09:15 Uhr

Geschäft mit Fußball-Nachwuchs: Wie Berater tricksen

von Katrin Kampling, Nino Seidel und Andreas Bellinger

Stürmer Nicolas Kühn zieht schon früh die Blicke der Scouts auf sich. Als 15-Jähriger wechselt er von Hannover 96 zu RB Leipzig. Obwohl die Regeln des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verbieten, mit minderjährigen Spielern Geld zu verdienen, wittern die Vermittler ein Geschäft - und kommen mit zweifelhaften Methoden offenbar auf ihre Kosten.

Er ist ein Stürmer durch und durch. Das war schon immer so, erzählen sie bis heute beim TSV Klein Heidorn, absolut fixiert aufs Tore schießen. Nicolas Kühn hat bei den Bambini des Dorfvereins in der Nähe von Hannover mit dem Fußballspielen begonnen. Ein Knirps mit "grazilen Bewegungen", sagt Yvo Kühn und zeigt in der Sportclub Story des NDR Fernsehens stolz auf ein Foto seines früh umworbenen Sohnes. Nicolas galt als eines der größten Talente der Republik, als einer wie der nur ein Jahr ältere Kai Havertz von Bayer Leverkusen. Die Berater standen Schlange - und kamen offenbar unter Umgehung der Regeln des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf ihre Kosten. Das zeigen geheime Football-Leaks-Dokumente, die der "Spiegel" erhalten und mit dem NDR und dem Recherchenetzwerk EIC geteilt hat.

Nicolas Kühn im Trikot von RB Leipzig © imago/Picture Point LE

Nicolas Kühn, Berater, RB Leipzig und ein Deal

Sportclub -

Das Ziehen und Zerren an jungen Fußballern ist groß. Football-Leaks-Dokumente belegen, dass Berater und Vereine die Grenzen offenbar überschreiten. Ein Beispiel dafür ist der Fall Nicolas Kühn.

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Top-Clubs klopften an

Der heute 18 Jahre alte Nicolas Kühn spielt seit dieser Saison für Ajax Amsterdam, im Sturm der zweiten Mannschaft. Seine Karriere geriet auf dem Weg in die Bundesliga ins Stocken, während die von Havertz schnurstracks in die Nationalmannschaft führte. Dabei standen die Scouts beim "Millennium-Kid", wie er wegen seines Geburtstags am 1. Januar 2000 vom Boulevard getauft wurde, ebenso tagtäglich auf der Matte, als er nach Stationen in Wunstorf sowie beim FC St. Pauli wieder in der Jugend von Hannover 96 kickte. Bayern München, Bayer Leverkusen, der Hamburger SV klopften an, wollten den hoffnungsvollen Torjäger zu sich holen.

Vater Kühn: "Das Milieu hat seine eigene Art"

"Natürlich gab es immer wieder Leute, die einen ansprachen", sagt Yvo Kühn. Warum sollten sie dem Vater des Goalgetters nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen? Per se ist daran nichts verwerflich. Solange die Berater nicht mit einem Minderjährigen Geld verdienen wollen. Denn das verbieten die DFB-Regeln. Doch bei Nicolas Kühn war es offenbar kein Problem, das Verbot zu umgehen. "Das Milieu hat seine eigene Art der Ansprache", sagt Kühn Senior.

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Dabei sei es ihm schon ein bisschen komisch vorgekommen, dass "plötzlich jemand da ist, den man gar nicht eingeladen hat". Wenn er einen Berater für seinen Sohn hätte haben wollen, hätte er sich eigentlich selbst darum kümmern wollen. "Dass ein Verein Berater engagiert, ist absurd. Man kann es auch böser formulieren: pervers." Nett seien sie allerdings gewesen, einfühlsam und einschmeichelnd. "In gewisser Weise angenehm." Andreas Rettig versteht die Nöte der Eltern. "Sie sind überfordert, wenn sie damit erstmals konfrontiert werden", sagt der Geschäftsführer des FC St. Pauli und empfiehlt, sich den Rat eines Rechtsanwaltes zu holen. Im Clownskostüm direkt von einer Karnevalsfete ins Sportclub-Studio gekommen, fügt der Rheinländer ernst und ungeschminkt hinzu: "Mit den Träumen wird Blödsinn gemacht."

Berater mit Nähe zu RB Leipzig

Dass die Leute von der Agentur "Spielerrat" eine gewisse Nähe zu RB Leipzig und dessen Sportdirektor Ralf Rangnick hatten, sei Yvo Kühn wohl aufgefallen. Und ihm sei auch klar geworden, "dass der Berater seine eigenen Interessen hat und nicht die des Spielers vertritt". Wie der Deal schließlich ablief, erklärt sich aus vertraulichen Mails und anderen Schriftstücken aus dem Football-Leaks-Fundus.

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Weil Nicolas Kühn damals noch minderjährig war, wurden andere Wege gefunden, um trotz der eindeutigen DFB-Regeln aus dem Wechsel nach Sachsen ein lukratives Geschäft zu machen. Die getrennt lebenden Eltern, vor allem aber Mutter Sabine, bei der Nicolas zu der Zeit lebte, beurteilte die Agentur als offensichtlich ahnungslos. In einer internen Mail heißt es, man "glaube nicht, dass Nic und seine Mutter in der Lage sein werden, eine vernünftige und 'richtige' Entscheidung zu treffen". Eine willfährige Familie?

Lohn für fiktive Arbeit?

Die Argumente für einen Wechsel nach Leipzig wurden vor diesem Hintergrund formuliert. Zunächst hieß die Strategie, die Mutter mit einem Jobangebot zu ködern. Den Lohn für eine offenbar fiktive Arbeit solle RB Leipzig zahlen. "... wir nennen es mal 'Rückenschule'...", heißt es dazu in einer vertraulichen Mail an die Mutter. Und: Das scheinbare Angebot belief sich auf 25.000 Euro pro Jahr, für die sie regelmäßige Rechnungen stellen solle. Tatsächlich wechselte der damals 15-Jährige nach Leipzig und reüssierte in den Jugend-Nationalmannschaften. Und "Spielerrat" sollte für die Vermittlung kassieren - trotz des Verbots des Verbandes.

RB Leipzig: Kein Geld für Agentur

In den Football-Leaks-Dokumenten findet sich eine von RB Leipzig unterschriebene Honorarvereinbarung. Unter dem Punkt "Entgelt" heißt es darin: "150.000 Euro fließen, wenn Nic mit 17 Jahren in der 1. Mannschaft spielt." Wie die weiteren 20.000 Euro gezahlt werden sollten, beschreibt eine interne Mail: "Die 20k werden wir 'irgendwie & irgendwo' bekommen. Soll heißen, dass uns RB bei einem kommenden Transfer für die (nicht) geleistete Arbeit honoriert." Verein und "Spielerrat" bestreiten eine solche Trickserei. Und zu den Verträgen: kein Kommentar. "Zahlungen oder sonstige Leistungen bei Transfers minderjähriger Fußballspieler haben wir zu keinem Zeitpunkt erhalten", teilte die Agentur mit. Bei RB Leipzig klingt es ähnlich: "Wir möchten ausdrücklich betonen, dass es im Zusammenhang mit dem Spielerwechsel von Nicolas Kühn zu keinem Zeitpunkt eine Zahlung oder sonstige Leistungen an die Spielervermittleragentur 'Spielerrat' (oder eine andere Spielervermittler-Gesellschaft) gegeben hat." Rettig: "Dass Berater von uns beim FC St. Pauli für solche Dienste Geld bekommen, ist ausgeschlossen."

Machtlos: "DFB ist nicht das FBI"

Und was sagt der Deutsche Fußball-Bund? "Der DFB sitzt nicht am Tisch, wenn ein Verein mit Spielern über Verträge spricht", sagt Markus Hirte. Seit zwei Jahren ist er Leiter der Talentförderung. Dem Verband seien die Hände gebunden, ihm fehlten die rechtlichen Mittel. "Der DFB ist halt nicht das FBI und die Bundespolizei", sagt er. Es gibt also eine Regel zum Schutz minderjähriger Spieler, deren Einhaltung man aber nicht kontrollieren kann. Der frühere Bundesligaprofi Armin Kraaz, der heute das Nachwuchsleistungszentrum von Eintracht Frankfurt leitet, zeichnet jedenfalls ein düsteres Bild: "Ich glaube nicht, dass wir das Ende der Fahnenstange schon erreicht haben. Irgendwann wird es auch die Elf- und Zwölfjährigen angehen."

Weitere Informationen
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Football Leaks - Recherche im geheimen Fußball-Reich

Rund 70 Millionen Football-Leaks-Dokumente, die der "Spiegel" erhalten und mit dem Recherchenetzwerk EIC und dem NDR geteilt hat, erzählen von Gier, Lügen und geheimen Deals im Fußball. extern

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 11.11.2018 | 23:35 Uhr

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