Stand: 27.11.2017 10:00 Uhr

Fans im Abseits: Wem gehört der Fußball?

von Andreas Bellinger und Patrick Halatsch

Es klingt absurd - und doch ist es die Realität im Milliarden-Spiel Profifußball: Ein halber Neymar reichte aus, um den hoch verschuldeten Hamburger SV auf einen Schlag zu sanieren. Rund 105 Millionen Euro Verbindlichkeiten drücken den "Bundesliga-Dino", der vom eigenen Finanzvorstand als "Sanierungsaufgabe" bezeichnet wird. Peanuts für einen Verein wie Paris St. Germain, der dank der Alimentierung seines Investors aus dem Scheichtum Katar allein für den Brasilianer Neymar gigantische 222 Millionen Euro ausgegeben hat. Auch hierzulande sind die Grenzen längst gesprengt. Borussia Dortmund kassierte für den 20-jährigen Ousmane Dembélé mehr als 100 Millionen Euro aus Barcelona. Einzelne Spieler sind längst teurer als die Stadien, in denen sie spielen.

Zwei Welten driften auseinander

Der Profifußball hat seine Seele verkauft. "Mit Volkssport hat das überhaupt nichts mehr zu tun", sagt der Philosophie-Professor Gunter Gebauer dem NDR Sportclub. "Das ist Showsport, hochdramatisch, extrem gut vermarktet und exzellent gespielt." Auch die Bundesliga habe sich Lichtjahre entfernt von den eigenen Anhängern und somit vom richtigen Fußball-Leben, das in den Amateurligen stattfindet. "Wir haben inzwischen zwei Welten, die sich so weit auseinanderentwickeln, dass man sich fragt, ob das noch was miteinander zu tun hat." Die Kluft zu den Fans auf der Tribüne, die sich bisweilen nur noch als Beiwerk im Spiel um das große Geld fühlen, wird immer größer. Beim Champions-League-Spiel von Bayern München in Anderlecht warfen wütende Zuschauer kopierte Geldscheine bündelweise auf den Rasen, um gegen die hohen Eintrittspreise zu protestieren. Beim Freundschaftsspiel von Weltmeister Deutschland gegen Frankreich blieben jüngst 10.000 Plätze frei.

Fan-Interessen bleiben auf der Strecke

"Es wird eine Unmenge an Geld gezahlt - zumindest in der Spitze", sagt Dennis Aogo. "Und die Spieler entfernen sich immer mehr von den Fans. Das sind zwei parallele Welten." Es klingt dramatisch, was der frühere HSV-Profi und heutige Stuttgarter sagt. Und das ist es auch, wie die Studie des FC PlayFair zeigt, der sich mit Sportökonom und Marketing-Professor André Bühler, Ex-Profi Thomas Ernst und 30 Mitgliedern vor einem Jahr mit dem Ziel gegründet hat, den Fans wieder eine Stimme zu geben. 86,3 Prozent der in der Situationsanalyse Profifußball befragten 17.330 Fußballfans empfinden "die derzeitigen Spielergehälter und Ablösesummen als realitätsfremd". 83,3 Prozent kritisieren in der gemeinsam mit dem Fachmagazin "kicker" durchgeführten größten Studie ihrer Art: "Der Profifußball muss aufpassen, dass er sich nicht noch mehr von den Fans entfernt." Und die Interessen der Fans bleiben auf der Strecke, wie fast drei Viertel (72,4 Prozent) meinen.

Spagat zu Lasten der Anhänger

"Die Reichen werden immer reicher", sagt Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und warnt: "Die Kleinen haben immer weniger Chancen mitzuhalten. Wir müssen aufpassen, dass die Menschen sich nicht irgendwann abkoppeln." Auf die Frage, wem der Fußball gehört, antwortet Bierhoff zwar spontan: "Den Fans - auf jeden Fall." Die Realität aber spricht eine andere Sprache. "Je mehr Geld im Fußball, desto geringer ist die Rolle der Fans", sagt Gebauer. "Man braucht sie für Stimmung, Emotion und Kulisse. Aber man tut auf der anderen Seite alles, um große Geldgeber bei Laune zu halten. Dieser Spagat geht eindeutig zu Lasten der Fans." Uli Hoeneß hat das seinen Bayern-Mitgliedern vor Jahren so erklärt: "Was glaubt ihr eigentlich, wer euch alle finanziert? Die Leute in den Logen, denen wir das Geld aus der Tasche ziehen. Ohne sie hätten wir keine Allianz-Arena."

Rettig: Premier League kein Vorbild

Drastischer hätte der wütende Bayern-Boss das Geschäftsmodell Profifußball kaum erklären können. Und doch macht der Großteil der Fans unverdrossen mit, die Branche boomt wie noch nie. "Die Bundesliga hat im Schnitt 44.000 Zuschauer, das ist eine Auslastung von ungefähr 92 Prozent. Zusammen mit England ist das Spitze in Europa", sagt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. "Es deutet vieles daraufhin, dass 2017/18 die Saison wird mit dem höchsten Umsatz, den wir je hatten." Andreas Rettig vom FC St. Pauli, der selbst mal DFL-Geschäftsführer war, mag der Premier League jedoch nicht nacheifern: "Wie ist es dort mit der Stimmung, und wer hat noch Zugang zum Fußball?"

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 26.11.2017 | 23:35 Uhr

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