Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Wir sind ja auch wer

Stand: 06.11.2020 09:29 Uhr

Die Wahl in den USA und das trumpistische Drumherum erschrecken viele von uns. Alexander Solloch schlägt probeweise eine andere Perspektive vor.

Beitrag anhören 4 Min

von Alexander Solloch

Wir müssen aufhören, uns als unbeteiligte Zuschauer einer Freakshow zu betrachten. Wir sind nicht die Statisten, wir sind die Hauptdarsteller des Lebens. Das Leben ist aber keine Splattersoap, das Leben ist Weltliteratur. Wir alle schreiben daran mit.

Wenn Ihnen eine Klopapierrolle auf den Kopf fällt, dann denken Sie doch auch nicht "oh" und zotteln unbeteiligt weiter. (Merken Sie sich diese Rolle, wir kommen auf sie zurück.) Alle Fasern spannen Sie an und verknoten sie mit der unmittelbaren Gegenwart, oder? Sie blicken sich um und versuchen, den Weg der Rolle von oben nach unten und die Ursache für ihren Fall zu ergründen.

Wenn Ihnen dieses Ereignis nicht gefallen hat, ergreifen Sie Vorkehrungen gegen eine Wiederholung, wenn Sie es hingegen genossen haben, begnügen Sie sich nicht damit, "nochmal! und dann noch einmal" zu rufen. All Ihre Initiative richtet sich stattdessen darauf, es durch konkretes Handeln wahrscheinlicher zu machen, dass Ihnen so etwas erneut widerfahren kann. Sie nehmen Ihr Schicksal in die eigene Hand. Was Sie tun, zählt in dem Moment, "ich bin ja auch wer", denken Sie.

Angriff auf die Demokratie ist abgewehrt

Wir sind ja auch wer. Der Angriff auf die Demokratie ist abgewehrt, das lässt sich schon jetzt sagen. Er ist abgewehrt mit Hilfe jedes einzelnen Wahlbürgers, und auf jede einzelne und jeden einzelnen kam es dabei auch an. Wenn man Lust auf schlechte Laune hat, kann man sich natürlich fragen, warum immer noch Dutzende von Millionen Amerikanern einen Mann im Weißen Haus wissen wollen, der doch wohl alle Menschen außer sich selbst verachtet.

Weitere Informationen
Joe Biden spricht auf einer Wahlveranstaltung. © picture allliance / dpa Foto:  Andrew Harnik

Siegesrede: Biden und Harris wollen versöhnen

Der neugewählte US-Präsident und seine künftige Stellvertreterin haben versprochen, das Land nicht weiter zu spalten. Mehr bei tagesschau.de. extern

Ebenso gut aber kann man sich daran erinnern, dass die Amerikaner nur höchst selten einen amtierenden Präsidenten abwählen. Jetzt stehen wir kurz davor zu sagen: Sie haben die große Tat vollbracht.

Nichts ist so köstlich wie ein extrem knapper Sieg

Darf man Trumps Rede in der Wahlnacht als tatsächliches Eingeständnis einer Niederlage werten? Nur Verlierer rufen sich grundlos zum Sieger aus. (Man beobachtet das manchmal bei Kleinkindern, frankly.) Nur wer um seine Niederlage weiß, fordert grundlos einen Abbruch des Wettbewerbs. Ich tu das auch oft, wenn meine Mannschaft beim Fußball in der 82. Minute 2:1 führt. "Pfeif doch ab!", schlage ich hilfsbereit dem Schiedsrichter vor, weil ich vermuten muss, dass die 2:3-Niederlage dann schon programmiert ist, ich kenn' doch meine Leverkusener.

Vom Fußball weiß ich aber auch, dass nichts so köstlich ist wie ein extrem knapper Sieg: Man ist schon der Verzweiflung fette Beute, doch dann wird quasi mit dem Schlusspfiff der Ball im Strafraumgewusel von irgendeinem Körperteil über die Linie bugsiert.

Vorsicht vor dem Rückenschaden

Denn jeder einzelne, jede einzelne ist wichtig. 72 Millionen Amerikaner haben sich aufgerafft, vereint im Willen, den Feind der Demokratie davonzujagen. 72 Millionen für Joe Biden, so viele Stimmen hat kein Kandidat vor ihm errungen in der langen Geschichte amerikanischer Wahlen.

Entscheidend ist, was jeder einzelne und jede einzelne will und erkämpft. Auf der Zuschauertribüne, auf der man Platz nimmt, um Geschichte bloß zu erdulden, handelt man sich einen Rückenschaden ein. Man könnte doch eigentlich auch aufstehen, sich auf den Weg machen, im vollen Bewusstsein seiner eigenen Wirkmacht.

Das Fragen nicht verlernen

Was könnte das heute heißen, in pandemischer Zeit? Achtsam handeln und verantwortungsbewusst, das ist klar. Aber auch: Nicht alle Beschlüsse der Politik als gleichsam merkelgegeben hinnehmen. Sie könnten ja auch falsch sein, aktionistisch oer undurchdacht.

Verlernen wir das Klagen nicht und das Fragen: Sehen wir das richtig, dass in den Schlachtfabriken weiter fröhlich gearbeitet werden darf, weil Corona sich ja erfahrungsgemäß lieber fernhält von all dem Elend dort, während die Literaturhäuser, diese Virenschleudern, geschlossen bleiben müssen? Solcher Unsinn ist anzuprangern, Tag für Tag, und es bleibt spannend, welche weisen Worte die Gerichte in Fragen wie diesen noch sprechen werden.

Eine ältere Dame schnappte sich neulich im Supermarkt zwei Jumbopackungen mit Klopapier, "ach, es geht schon wieder los mit den Hamsterkäufen", erklärte sie entschuldigend dem Herrn neben ihr. Der griff dann auch gehörig ins Klopapierregal und murmelte, "ja, wirklich schlimm." Wir müssen aufhören, der Klorolle die Hauptrolle in unserem Leben zu übertragen.

 

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 06.11.2020 | 10:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

Klassik auf Wunsch

09:00 - 12:00 Uhr
Live hörenTitelliste