Stand: 29.01.2018 17:09 Uhr

Haruki Murakamis Übersetzerin im Gespräch

"Die Ermordung des Commendatore" von Haruki Murakami ist ein Roman mit fast 500 Seiten, metaphern- und anspielungsreich, symbolhaft und zeichenbesetzt - für die Übertragung vom Japanischen ins Deutsche keine leichte Aufgabe. Meisterhaft bewältigt hat sie die Übersetzerin Ursula Gräfe.

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"Die Ermordung des Commendatore" ist erschienen im DuMont Verlag und kostet 26 Euro.

Frau Gräfe, 2017 erschien Murakamis "Die Ermordung des Commendatore" im japanischen Original - im Januar 2018 liegt das Buch fertig übersetzt vor. Sie hatten nicht viel Zeit für die Übersetzung. Wie haben Sie das so schnell geschafft?

Ursula Gräfe: Ich habe sehr viel gearbeitet und einige Wochenenden drangehängt. Der zweite Band, der im April erscheint, ist auch schon in den Satz gegangen. Ich kann nur sagen, dass ich mich rangehalten habe.

Die japanische Sprache ist für unser westliches Empfinden eine komplizierte Sprache: Sie besteht aus Zeichen, die mehr enthalten als nur einen Buchstaben. Ist das für Sie bei der Übersetzung eine fortwährende Auseinandersetzung mit Bild, mit Bedeutungen, mit Semiotik?

Gräfe: Ja, das ist es in der Tat. Denn diese Bildzeichen bringen in den japanischen Text eine ganz andere Anschaulichkeit als die, die wir mit unserem etwas kümmerlichen Alphabet bewältigen können. Es ist also immer eine Gratwanderung: Wie viel Bild kann ich reproduzieren? Wie abwechslungsreich kann ich den Text machen - wenn er vielleicht vom Inhalt gar nicht so abwechslungsreich ist, aber durch bestimmte künstlerische Verschränkungen mit den Zeichen sehr poetisch wird? Das ist tatsächlich ein Prozess, der häufig viel Zeit in Anspruch nimmt.

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In dem Buch gibt es viele Bezüge, Querverbindungen, Anspielungen, sehr viele Erzählstränge, viele Andeutungen, die man erst mit der Zeit einordnen kann. Behalten Sie da als Übersetzerin den Überblick?

Gräfe: Ja, den behalte ich natürlich insofern, da ich den Text viele Male überarbeite, bis ich die ganzen Bezüge auswendig kann und bis ich hoffentlich alles durchschaut habe. Wie sich was mit wem verknüpft - das ist bei der ersten Lektüre, bei der ersten Rohfassungoft eine Herausforderung, aber durch dieses häufige Überarbeiten komme ich meistens dahinter.

Bleiben wir bei einem konkreten Beispiel - der Nihonga-Malerei. Der Maler Amada hat sich während seiner Zeit in Wien mit seinen japanischen Wurzeln auseinandergesetzt. Wieder in Japan zurück malt er nur noch im Nihonga-Stil. Was hat es damit auf sich?

Gräfe: Wenn ich spekulieren würde, könnte ich mir vorstellen, dass sich hier auch für Murakami selbst ein Programm eröffnet, dass er sich als junger Schriftsteller sehr stark mit der westlichen Literatur auseinandergesetzt hat und dies immer noch tut. Viele wissen ja, dass er ein sehr fruchtbarer Übersetzer aus dem Amerikanischen ins Japanische ist, dass er sehr viele Klassiker der amerikanischen Moderne übersetzt hat, er also sehr starke Konzentration in seinen jungen Jahren vor allem auf die westliche Literatur geleistet hat. Vielleicht könnte er sich vorstellen, sich immer mehr davon zu entfernen und zu einem rein japanischen Stil zu finden, wie es dieser Maler in "Die Ermordung des Commendatore" tut.

"Die Ermordung des Commendatore" ist eine Anspielung auf Österreich, auf Mozart, auf die Oper "Don Giovanni". Sind diese Bausteine des Erzählens eine mehr oder minder versteckte Anspielung auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs?

Gräfe: Verschlüsselt spielt das natürlich im Roman eine Rolle, aber als Motiv - Murakami hat ja immer musikalische Motive in seinen Romanen, diesmal "Don Giovanni" - ist es ein ironisiertes Spiel. Da hat er wirklich Freude am Fabulieren. Das ist alles sehr schön ineinander verflochten: Das Standbild des Commendatore in der Oper "Don Giovanni" kommt, um den Wüstling Don Giovanni zu holen. Und hier ist der Commendatore eine Idee in Form eines kleinen Männleins, das aber auch kommt, um etwas mit dem Helden zu machen, indem es ihn in die unteren Etagen seines Bewusstseins entführt.

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Im Roman gibt es so viele Assoziationen und Anspielungen: Die Szenerie in den Bergen erinnert an den "Großen Gatsby"; der Protagonist, der ein Auftragswerk annimmt, erinnert an Goethes "Faust". Wie gehen Sie als Übersetzerin damit um, erklären Sie das ein oder andere?

Gräfe: Ich erkläre möglichst wenig. Der Autor schreibt in einer Art, dass der Leser folgen kann und sich seine eigenen Gedanken und Ideen zu dem, was ihm vorgesetzt wird, macht. Das möchte man als Übersetzerin eigentlich nicht aufklären oder mit eigenen Spekulationen füllen. Meiner Ansicht nach ist da fast nichts, was der Leser nicht selber aufspüren könnte. Und wenn er es nicht aufspüren kann, dann ist es vielleicht dazu nicht gedacht.

Wie es weitergeht, erfahren wir im April - dann erscheint der zweite Teil: "Eine Metapher wandelt sich". Sie kennen das Ende schon. Ohne etwas davon zu verraten: Ich gehe, davon aus, dass wir uns freuen dürfen?

Gräfe: Ja, man darf sich freuen. Man kann fast sagen, dass der erste Band die Ouvertüre zu einem fabelhaften zweiten Band ist, der noch größere Spannung bereit hält. Ich habe es so beim Übersetzen empfunden.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.01.2018 | 19:00 Uhr

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